Freitag, 28. Juni 2013

Rezension: Das Serum des Doctor Nikola (Petra Hartmann)

Wurdack
Klappenbroschur, 190 Seiten
ISBN: 978-393806592-1
12,95 €

Ein kurzer Einblick

Berlin, 1927. Felix Secundus Pechstein, Bankierssohn und Opfer des »Schwarzen Freitags« an der Berliner Börse sucht verzweifelt einen Job. Als ihm Doktor Nikola anbietet wertlose Aktien zu Geld zu machen, sagt Pechstein zu und greift zu gewagten Maßnahmen. Der Doktor ist ihm nicht geheuer, was sich ihm bestätigen soll, als er den Auftrag bekommt des Doktors Kater zu stehlen. Nikolas Rache soll fürchterlich sein ...

Bewertung

Wir schreiben den 13. Mai 1927. Die Aktienkurse fallen ins Bodenlose und stürzt die Berliner Börse in eine Krise. Opfer dieser Bredouille ist Jungbankier Felix Secundus Pechstein, dessen väterliche Bank bankrottgeht. Eines Tages wendet sich Doctor Nikola, Meisterschurke und Gentleman, an diesen. Nikola bankt um seine deutschen Aktien, die er mit Pechsteins Hilfe in Geld verwandeln will.
Das sechste Abenteuer um den mysteriösen Gauner, diesmal aus der Feder Petra Hartmanns, zwängt sich in das Korsett der harten Realität. Magie, Spuk und tiefsinnige Pläne des Doctors werden gleich dem frechen Schuljungen in die Ecke gestellt. Während Michael Böhnhardts »Das Luftschiff des Doctor Nikola« politisch ausgeklügelt ist und die charakterliche Tiefe ausgelotet wurde, orientiert sich Hartmann an der klassischen Vorlage: Figuren zur Staffage, eine Liebesgeschichte der Notwendigkeit wegen, ein unfassliches Grauen in der Gestalt des ambivalent Bösen. Guy Newell Boothbys Unterhaltungsromane funktionieren trotz der Unkompliziertheit - damals traf die Mischung den Zeitgeist, heute fasziniert der altertümliche Touch. Diesen jedoch hat Hartmanns Geschichte verloren und zurück bleibt nur ein Werk, das zwar unterhalten kann, aber wenig zu faszinieren vermag.

Das von der Krise gebeutelte Berlin ist handwerkstechnisch solide zu Papier gebracht. Die Autorin richtet sich bei den Schilderungen von Massenarbeitslosigkeit und minder rosigen Zukunftsaussichten auf Besserung vollkommen auf die oberflächliche Auslotung des Nötigsten aus: Dem Elend der Arbeitslosigkeit fällt Pechstein zum Opfer, sodass diese dementsprechend gewürdigt ausgearbeitet werden muss. Heilsversprecher und Sekten sprießen gleich Unkraut aus dem Boden. Pechstein wird im Verlauf des Abenteuers die bezaubernde Mathilde aus ihres Vaters Händen, dem Leiter der Sekte »Kinder des Lichts« entführen. Ein plötzlicher Einwurf kuttentragender Irrgläubiger, hätte fehl am Platz gewirkt, also bekommen die Bauernfänger möglichst früh eine Einführung. Meine Beschreibung der notwendigen Mittel mag negativ klingen, soll es aber nicht, denn die Schilderungen der nach Arbeit suchenden Menschen und Heilsversprechen einer besseren Zukunft sind glaubhaft geschildert. Politische Entscheidungen finden am Rande eine Erwähnung, ansonsten sind sie nicht weiter von Belang. Der Tiefe und der Intensität der Atmosphäre hätte eine eingehendere Bearbeitung sehr gut getan.

Die Charaktere sind grundsolide aufgebaut, lassen aber wie Story und Geschichtstiefe, ausgefeilte Charakterzüge vermissen. Felix Secundus Pechstein tritt als Pechvogel und Opfer der Bankenkrise auf und mausert sich zum Helden und angehimmelten Verehrer Mathildes. Mathilde ist die Tochter Meister Reinharts, der die Sekte der »Kinder des Lichts« unter strenger Hand anführt. Erklärtes Ziel ist die Auferstehung der alten Pharaonenzeit. Die bildhübsche Tochter dient ihrem Vater in den Zeremonien als Verführungsobjekt des menschlichen Verstandes, zur Überblendung der effektvollen Fassade. Triviale Beweggründe treiben Reinhart an: Macht und Geld. Gehirnwäsche und seine strenge Forderung von Gehorsam machen ihm seine Jünger gefügsam. Allein Ra-em-heb als antiker Pharao und Gegenspieler Doctor Nikolas sticht als Charakter heraus. Ob er seine Rolle als Pharao nur perfekt spielt oder wirklich durch Unsterblichkeit gesegnet ist, geht nicht aus der Geschichte hervor. Sicher ist jedoch, dass Ra-em-hebs Methode zur Wahrung der Unsterblichkeit bei weitem nicht so raffiniert ausgefeilt ist wie die des Gentleman-Gauners, weswegen er nach Nikolas Rezept giert.
Nikola ist nach wie vor die graue Eminenz im Hintergrund. Geheimnisvoll zieht er die Fäden im Hintergrund - zum Leidwesen des Romans bloß kaum Fäden, die Relevanz für die Story zeigen. Stattdessen gerät Pechstein zwischen die Fronten des Doctors und Ra-em-hebs. Zwischen den Fronten dieser beiden unbesiegbaren Gegner gefangen, halten sich diese glücklicherweise von Racheaktionen fern. Trotz Nikolas eingeschränkter Handlungsfähigkeit hat dieser wenige, dafür aber effektvolle Auftritte, die das Flair der Vorgängerromane halten können.

Fazit

Petra Hartmanns Interpretation des Meisterschurken Doctor Nikola orientiert sich deutlich an der klassischen Vorlage, verliert dabei aber an Faszination der Altertümlichkeit. Michael Böhnhardt kompensierte dies mit politischen Hintergründen, tiefgründigen Charakteren und einer mysteriösen Handlung, die problemlos faszinierte. Petra Hartmann bringt nichts Neues mit ein, sodass blasse Figuren, die klassische Handlung und das kaum ausgefeilte historische 1927 nicht überzeugen können. Schilderungen und Inszenierung hingegen wissen zu gefallen, sodass letztendlich ein guter Roman bleibt.

2 von 5 Punkten

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