Mittwoch, 19. Juni 2013

Rezension: Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend (Charles Bukowski)

dtv Verlag
Taschenbuch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-423-20963-2
9,95 €

Ein kurzer Einblick

Charles Bukowski beschreibt in diesem Buch die Kindheit und Jugend von Henry „Hank“ Chinaski (sein Alter Ego). Geboren in Deutschland zu Beginn der 1920er Jahre als Sohn eines Amerikaners und einer Deutschen, kam Henry als Kleinkind nach Amerika. Er erlebt eine schwierige Kindheit mit einem mürrischen Vater, der oft brutal auf Henry losgeht, einer Mutter, die bloß tatenlos zusieht, und Anfeindungen und Prügeleien in der Schule, die ihn widerstandsfähig und zäh werden lassen und ihn zu der frühen Erkenntnis führen, dass er stets ein Außenseiter sein wird.

Bewertung

Charles Bukowski berichtet in „Das Schlimmste kommt noch“ von seinen eigenen Problemen während seiner Kindheit und Jugendzeit, legt seinen Roman wie für ihn üblich autobiographisch an, wenn auch einige Passagen satirisch überhöht sind. Er erzählt von seinem schwierigen Elternhaus, wie die Familie einige Jahre in Armut leben musste, die Prügel durch den Vater, der sich stets von seinem Sohn enttäuscht zeigt und ihm keinerlei Liebe und Zuwendung zukommen lässt, von seiner tatenlosen Mutter, die eine „Vater hat immer Recht – Mentalität“ an den Tag legt und von seiner Schulzeit, die durch Anfeindungen – auch aufgrund seiner deutschen Herkunft – und Schlägereien unter den Schülern geprägt ist, ihn aber auch mit verschiedenen Sportarten wie etwa Baseball in Berührung bringt. Stets bleibt er für sich, meidet seine Schulkameraden, findet Freunde bloß, wenn schwächere Jungs sich ihm förmlich anbieten und hinterherlaufen und vergrault diese gern auch wieder. Außerdem berichtet er sehr ausführlich über seine sich entwickelnde Sexualität, wie er Frauen beobachtet und masturbiert, aber auch dass er zu den Jungs gehört, an denen Mädchen kaum Interesse zeigen. Ebenso wird seine Akne und Pusteln, die er im Gesicht und am Oberkörper hat und weshalb er lange Zeit nicht zur Schule gehen kann, detailliert beschrieben, was ihn noch weiter von seiner Umgebung, in der er sich sowieso bereits fremd fühlt, entfernt. Er entdeckt den Alkohol für sich, beginnt nach der Schule zunächst einen Job, dann ein Studium und startet erste Versuche zu schreiben, woraufhin das Buch nach Pearl Harbor und dem US-amerikanischen Kriegseintritt endet. Die Schulzeit fand ich persönlich besser dargestellt als die Nachschulzeit, die mich nicht mehr derart packen konnte wie der vorherige Hauptteil des Romans.
Außer, dass man der Figur des Henry Chinaski sehr nahe kommt und damit in einigen Punkten auch Bukowski selbst, erhält man außerdem einen sehr eindrucksvoll verfassten Einblick in das Leben der Unterschicht in den USA in den 1930er Jahren. Man erlebt die Folgen der Depression, insbesondere die hohe Arbeitslosigkeit, hautnah mit, die auch Henrys Vater trifft, der Milchlieferant war und immer noch den Schein vor den Nachbarn wahren will, so dass er jeden Tag mit dem Auto losfährt, als ob er zur Arbeit fahren würde, und erst abends zurückkehrt. Ebenso trifft Henry diese Entwicklung, der nach der Highschool zunächst vergeblich versucht, Arbeit zu finden.
Bukowski geht wie immer in seinen Büchern sehr offen und ehrlich, auch schonungslos mit seinem Gegenstand um, er scheut nicht davor zurück, unangenehme Wahrheiten oder Tabuthemen anzusprechen. Dies tut er wie in seinen anderen Romanen auch in einer sehr derben, vulgären Sprache, die man als Leser schon mögen muss, für jeden ist sie sicherlich nicht. Sie drückt aber sehr eindrucksvoll die tiefe Traurigkeit, die in diesem Buch steckt, und auch den Frust, den Chinaski/Bukowski erlebte, aus, den er durch sich steigende Alkoholexzesse zu betäuben versuchte. Aspekte seines späteren Lebens, die er in anderen Werken schilderte, werden durch „Das Schlimmste kommt noch“ nachvollziehbar, seine hier dargestellte unangenehme Kindheit macht vieles verständlicher.

Fazit

In für Bukowski üblicher derber Sprache verfasst, kann dieses Buch aber auch durch seine Handlung, die an der Kindheit und Jugend des Autors angelegt ist, überzeugen. Man erlebt sie sehr intensiv und mitfühlend mit, hat das Gefühl, Bukowski näher als bei anderen Werken zu kommen und sein späteres Leben besser verstehen zu können, und wünscht diesem vernachlässigten Jungen bloß, endlich aus diesem Sumpf herauszukommen, und glaubt allerdings selbst während des Lesens nicht wirklich daran. Für mich das bisher beste Werk, was ich von Bukowski gelesen habe!

4,5 von 5 Punkten

1 Kommentar:

  1. Dieses Buch war mein erster und bisher einziger Bukowski. Auch ich fand besonders den Einblick in das gesellschaftliche Leben in den 30ern sehr interessant. Ich hoffe, ich habe mit diesem Buch einen guten Grundstein für weitere Werke von Bukowski gelegt.
    Jedoch hoffe ich auch, ich werde dann nicht enttäuscht sein, wenn dieses hier sein bestes sein soll. :)
    Beim Lesen dieser Rezension habe ich mich auch gleich sehr gut zurück erinnert.

    Liebe Grüße,

    http://lesenundgrossetaten.blogspot.de/

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