Sonntag, 2. Juni 2013

Rezension: Aller Tage Abend (Jenny Erpenbeck)

Albrecht Knaus Verlag
Gebunden, 288 Seiten
ISBN: 978-3-8135-0369-2
19,99 €

Ein kurzer Einblick

Jenny Erpenbeck entwickelt in diesem Buch eine Familiengeschichte, die von Galizien zu Beginn des 20. Jahrhunderts über Wien und Moskau bis ins Berlin nach der Wende führt. Dabei macht sie immer wieder einen Schnitt in der Handlung und zeigt, wie alles hätte anders werden können, wenn ihre Hauptfigur nicht als alte Frau, sondern zu anderen Zeitpunkten ihres Lebens gestorben wäre. Zunächst stirbt sie bereits als Säugling, darauf als Liebende, schließlich als Verratene, dann als Verehrte und zuletzt als sehr alte Frau, die fast von allen vergessen im Heim lebt. Dies hat immer wieder wechselnde Auswirkungen auf die Entwicklung ihrer Familie und zeigt, wie verschieden sich ein Leben entwickeln kann, wie schnell es in viele andere Richtungen gehen könnte.

Bewertung

Aufgeteilt ist das Buch in fünf Hauptkapitel, die jeweils die Familiengeschichte des Hauptcharakters behandeln, wie sich diese unter dem Einfluss des Todes der Hauptfigur hätte entwickeln können. Der erste Teil spielt noch in Galizien im Jahr 1902, in dem die Hauptperson bereits als Säugling stirbt, was die Trennung ihrer Eltern hervorruft und den Vater bis nach Amerika führt. Zwischen diese Hauptkapitel ist immer ein Intermezzo gesetzt, das fragt, wie sich die Handlung anders entwickelt hätte, wäre ihr Hauptcharakter nicht gestorben. Was wäre also passiert, wenn alle Kleinigkeiten, die den Tod der Hauptfigur mit beeinflusst haben, gar nicht oder auf andere Weise geschehen wären? Wie hätte sich die Familie weiterentwickelt, wenn der Säugling überlebt hätte? Daraufhin folgt das nächste Kapitel des Romans, das zum Ende des Ersten Weltkrieges in Wien statt findet und das dem Mädchen die Möglichkeit gibt, sich zu verlieben. Im dritten Teil lebt sie schließlich in Moskau, im vierten Kapitel in der DDR und im letzten Abschnitt allein gelassen im Heim.
Die ersten beiden Teile gelingen der Autorin sehr gut. Sie werfen sehr tiefgehende Fragen auf, setzen sich immer wieder mit dem jüdischen Hintergrund der Hauptfigur auseinander, aber gleichzeitig ist die Handlung auch sehr spannend und fesselnd, so dass der Leser wirklich anspruchsvolle Unterhaltung geboten bekommt. Insbesondere die Erzählweise, die abwechselnd verschiedene Mitglieder der Familie die Geschichte erzählen lässt, überzeugt und lässt den Leser die Handlung aus der Sicht mehrerer Protagonisten sehr abwägend erleben. Ab dem dritten Kapitel wird der Roman jedoch etwas schwächer. Das mag auch daran liegen, dass die Hauptperson nun in Moskau lebt, der Kontakt zur Familie fast völlig abgebrochen ist und man nicht mehr die verschiedenen Blickwinkel der unterschiedlichen Familienmitgliedern erhält, sondern in erster Linie die Sicht des Hauptcharakters. Dafür wartet der dritte Teil mit sehr gelungenen, interessanten Überlegungen dazu auf, wie sich die Bewertung der Vergangenheit immer wieder ändert. Am Beispiel der Sowjetunion wird z. B. gezeigt, wie schnell hoch angesehene Funktionäre der Partei plötzlich zum (angeblichen) Verräter werden konnten und was dies für eine Gefahr für ihre Bekannten, selbst wenn diese bloß vor Jahren zu ihnen Kontakt hatten, werden konnte. Die Autorin verdeutlicht dabei sehr nachvollziehbar, wie die Geschichte durch unsere eigene Gegenwart, die uns und unsere Ansichten entscheidend prägt, immer wieder neu bewertet wird. Die Kapitel 4 und 5 gefielen mir dann wieder ein wenig besser, insbesondere Kapitel 5 schildert sehr eindringlich, wie verlassen und auch lebensmüde die Hauptfigur mittlerweile ist. Auch wird das Leben im Heim sehr anschaulich und intensiv beschrieben.
Sprachlich kann der Roman meist überzeugen, wenn er auch zwischendurch immer wieder seltsam abgehackte Sätze aufweist, deren Sinn sich mir leider oftmals nicht erließen konnte. Man muss sehr aufmerksam lesen, besonders leserfreundlich ist das Buch nicht, denn bis auf das letzte Kapitel werden die Figuren nicht mit Namen genannt, nur im dritten gibt es unzählige Abkürzungen für Nachnamen, mit denen man auch noch durcheinander kommt. Wie bereits erwähnt, wird die Geschichte immer wieder aus der Sicht der verschiedenen Familienmitglieder erzählt, doch zu Beginn der Abschnitte weiß man meist erst einmal nicht, aus wessen Sicht wir gerade etwas erfahren, so dass man schon sehr genau lesen und auf kleine Hinweise, die auf eine bestimmte Person deuten, achten muss.

Fazit

Sicherlich hat sich fast jeder schon einmal gefragt, was für einen anderen Verlauf sein Leben genommen hätte, wäre ihm dies oder jenes niemals widerfahren. Erpenbeck stellt sich dieser Frage sehr gelungen und erfrischend, baut darum noch eine ein Jahrhundert umspannende Familiengeschichte auf, die in Ausschnitten Antisemitismus, Kriegsnot, den Stalinismus und das Leben in der DDR und im Berlin nach der Wende behandelt. Wer anspruchsvolle Unterhaltung sucht, sollte hier auf jeden Fall zugreifen.

4 von 5 Punkten


Wir danken dem Albrecht Knaus Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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