Donnerstag, 23. Mai 2013

Rezension: Ich könnte am Samstag (Mark Watson)

Wilhelm Heyne Verlag
Taschenbuch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-453-40941-5
8,99 €

Ein kurzer Einblick

Xavier Ireland, der eigentlich Chris heißt, kam vor ein paar Jahren von Australien nach London und arbeitet dort nun als Late Night-Radiomoderator. In seiner Sendung nimmt er mit wohlgemeinten Ratschlägen Anteil an all den Geschichten, die seine schlaflosen Hörer ihm zu erzählen haben. An seinem eigenen, realen Leben nimmt er jedoch kaum Anteil, geschweige denn an den Menschen darin, in deren Angelegenheiten er sich niemals einmischt. Selbst als er Zeuge wird, wie ein paar Jungs einen anderen verprügeln, greift er nur halbherzig und wenig erfolgreich ein. Lieber lässt er sein Leben in seinem gewöhnlichen Trott dahindümpeln, bis ihn seine lebensfrohe Putzfrau Pippa allmählich aus seiner Lethargie herauszieht. Doch was will er mit seinem Leben anfangen, und gibt es nicht noch Erlebnisse aus der Zeit in Australien, die erst einmal verarbeitet werden müssen, bevor er sich an einen Neuanfang wagen kann?

Bewertung

Im Zentrum des Buches steht zwar durchaus die Geschichte von Xavier und schließlich auch Pippa, doch es werden ebenso viele kurze Einblicke in das Leben verschiedener Londoner Bürger gegeben, die mit der Geschichte von Xavier verbunden werden. Den Ausgangspunkt nimmt dabei Xaviers bloß halbherziges Eingreifen gegen die Prügelei, was eine Ereigniskette in Gang setzt, die im Buch das Leben von elf Menschen verändert (daher im Original der passendere Titel „Eleven“) und schließlich wieder bis zu Xavier zurückkommt. Ganz nach dem Credo, selbst eine winzige Kleinigkeit wie der Flügelschlag eines Schmetterlings kann weitgreifende, tiefgehende Veränderungen bewirken, wird die Handlung einfühlsam und originell weitergeführt, bis sie wieder beim „Verursacher“ der Ereigniskette ankommt. Watson gelingt es dabei, sehr überzeugend aufzuzeigen, wie selbst die Entscheidung zwischen Eingreifen oder bloß Wegschauen, die sich jedem Menschen sicherlich in verschiedenen Situationen seines Lebens immer wieder stellt, enorm weitreichende Folgen haben kann und wie sehr sich der Kurs unseres Lebens durch minimale Kleinigkeiten entscheidend ändern kann. Dadurch gelingt dem Autor eine sehr erfrischende Herangehensweise, die man nicht all zu häufig zu lesen bekommt. Das Ende des Buches fiel dementsprechend ebenso origineller aus, als man es von vielen Büchern dieses Genres gewohnt ist, auch wenn dieses offenere Ende sicherlich nicht nach jedermanns Geschmack ist. Aber lest einfach selbst.
Seine Charaktere hat Watson sehr warmherzig und realistisch gezeichnet. Man kann ihr Handeln in der Regel nachempfinden, interessiert sich für ihr Schicksal und kann ihre Weiterentwicklung im Laufe des Buches nachvollziehen, wobei der Autor dabei fast ohne übliche Klischees auskommt. Auch vermeidet Watson es, jede Geschichte glücklich abzuschließen. Wie im realen Leben auch, ist eben am Ende nicht alles gut, was wiederum zur Glaubhaftigkeit der Geschichte enorm beiträgt. Insbesondere Xaviers Kollege beim Radio, Murray, der ein wenig stottert und deutlich weniger Talent als Radiomoderator aufweisen kann als Xavier, ist für mich sehr überzeugend gelungen. Man gewinnt sehr schnell Mitgefühl für ihn, wie er sehr unerfolgreich versucht, Frauen kennen zu lernen, und sein geringes Talent im Job durch übermäßigen, oftmals unpassenden Humor und enormen Aufwand versucht wettzumachen, dabei jedoch ziemlich scheitert und sich trotzdem nicht eingestehen will, dass er bei einem anderen Job vielleicht besser aufgehoben wäre.
Als angenehm habe ich auch den flüssigen, sehr lockeren Schreibstil empfunden. Watson erzählt seine Geschichte sehr warmherzig, gespickt mit kleinen Lebensweisheiten, die man zwar nicht als enorm hochtrabend bezeichnet kann, plump und simpel wirken sie wiederum aber auch nicht. Sie passen vielmehr sehr gut in den Schreibfluss hinein und ergänzen die Handlung um eine interessante Komponente. Ebenso fand ich es erfrischend, dass die vorhandene Liebesgeschichte ohne Kitsch auskommt. Sie erinnert dabei ein wenig an „Zwei an einem Tag“ von David Nicholls, was mir persönlich jedoch etwas besser gefallen hat. Außerdem liegt nicht der gesamte Fokus des Romans auf der Liebesgeschichte, vielmehr steht Xaviers Entwicklung und die von ihm ausgelöste Ereigniskette im Vordergrund.

Fazit

„Ich könnte am Samstag“ bietet dem Leser eine sehr angenehm zu lesende, nette Unterhaltung, passend für einen gemütlichen Leseabend mit einer Tasse Kakao. Die Geschichte ist anspruchsvoller als viele andere aus diesem Genre und wirkt durchaus nach dem Lesen noch nach. Wer gern „gehobene“ Literatur liest, sollte vielleicht nicht zugreifen, ansonsten kann man das Buch als ansprechende Unterhaltung nur weiterempfehlen.

4 von 5 Punkten

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