Donnerstag, 9. Mai 2013

Rezension: Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers (Heimo Schwilk)

Piper Verlag
Hardcover, 432 Seiten
ISBN: 978-3-492-05302-0
22,99 €

Ein kurzer Einblick

Anlässlich des 50. Todestages von Hermann Hesse im letzten Jahr veröffentlichte Heimo Schwilk, Leitender Redakteur der Welt am Sonntag, diese Biographie des Literaturnobelpreisträgers von 1946. Hesse ist heute mit Werken wie „Unterm Rad“, „Demian“, „Siddharta“ und „Der Steppenwolf“  weltweit der meistgelesene deutsche Autor des 20. Jahrhunderts. Folglich existieren bereits unzählige Biographien zu seiner Person. Schwilk verarbeitet nun den aktuellen Stand der Forschung, nutzt vor einigen Jahren neu erschienene Briefwechsel und will einige Allgemeinplätze zu Hesses Person kritisch hinterfragen, etwa die Ansicht, er sei der Dichter der Jugend und des Protests, ein Befürworter eines maximalen Individualismus oder sei durch und durch Pazifist gewesen.

Bewertung

Schwilks Buch ist, wie für dieses Genre meist üblich, chronologisch aufgebaut. Es beginnt mit Hesses Flucht aus dem Maulbronner Klosterseminar als Fünfzehnjähriger. Die gängige Darstellung der Familienverhältnisse wird erst im zweiten Kapitel nachgeholt. Zu Beginn wird somit direkt der Fokus auf eine Herausstellung der Rebellion des Jugendlichen gegen sein pietistisches Elternhaus gesetzt und seinen Kampf darum, seinen Wunsch zu erfüllen, Dichter zu werden. Daraufhin setzt sich das Buch allerdings ausschließlich chronologisch fort. Auch wird dem Leser zu Beginn eines jeden Kapitels zunächst eine Kurzzusammenfassung des Kapitels in Stichpunkten geboten. Man begibt sich auf eine Reise durch Hermann Hesses Leben, wird sehr einfühlsam in sein Seelenleben eingeführt, erlebt diesen als sehr schwierigen, komplexen, oftmals widersprüchlichen Charakter, der den Schmerz brauchte, um schreiben zu können. Auch seine Beziehungen zur Familie, zu Freunden und insbesondere zu seinen drei Ehefrauen werden sehr ausführlich behandelt, die immer wieder unter diesem Spannungsverhältnis zwischen dem nach Freiheit strebenden Dichter und seinem Versuch, gleichzeitig auch ein fürsorglicher Familienmensch zu sein, leiden mussten. Außerdem bietet Schwilk zu allen Romanen und vielen Erzählungen und Gedichten ausführliche Erläuterungen. Der Inhalt von Hesses Werken wird beschrieben, analysiert und immer wieder in Verbindung zu Hesses Lebenssituation beim Abfassen des jeweiligen Werkes gebracht. Ebenso wird die Resonanz der in erster Linie deutschen Öffentlichkeit und die von anderen Schriftstellern sehr häufig dargestellt. Somit erhält man mit dieser Biographie einen gelungenen Gesamteindruck über die lebenslange Entwicklung von Hesses Innenleben, seinen Beziehungen und seinem Werk, die es wie im Vorwort angekündigt auch wirklich schafft, einige Allgemeinplätze differenzierter zu betrachten. Schwilk gelingt es dabei, sich zwar durchaus sehr würdigend mit Hermann Hesse auseinanderzusetzen, aber auch eine kritische Distanz zu wahren. Das Buch ist keine oftmals übliche reine Lobpreisung, sondern bietet eine gelungene Mischung zwischen Anerkennung der Leistung des Literaturnobelpreisträgers und Kritik an einigen Aspekten, wie auch der früheren Deutung seiner Person.
Daneben überzeugt Schwilk mit seiner sehr schönen, angenehm zu lesenden und insbesondere der Thematik angemessenen Sprache. Das Buch liest sich meist wie ein Roman, nicht wie ein Sachbuch. Ebenso erkennt man die enorme Arbeit, die der Autor in dieses Projekt gesteckt haben muss. Er geht sehr quellengestützt vor, liefert viele direkte Zitate und belegt seine Aussagen mit über 800 Verweisen, die am Ende des Buches angegeben werden. Auch erhält man zum Schluss noch einige Quellen- und Literaturhinweise, die zu einer tieferen Beschäftigung mit der Person Hermann Hesse einladen.
Was ich ein wenig kritisieren möchte, ist zum einen die Fülle an Freunden und Bekannten, die im Buch, natürlich zu Recht, erwähnt werden, die man allerdings nur sehr schwer einordnen kann. Man kann sich niemals alle Personen merken, so dass eine ausführlichere Vorstellung der Personen hilfreich gewesen wäre. Zum anderen hätte ich mir bei einigen Aspekten eine allgemein verständliche Erläuterung gewünscht. Wer sich zum Beispiel wie ich mit der Arbeit des Psychiaters C. G. Jung nicht näher auskennt, kann ihrer Schilderung im Buch nur schwer folgen. Ebenso kamen mir einige Punkte zu Hesses Leben etwas zu kurz, doch dies liegt vermutlich in erster Linie daran, dass man sicherlich auch ein 1000seitiges Werk über Hermann Hesse verfassen könnte und immer noch nicht alles Wissenswerte hätte aufzeigen können.

Fazit

Eine sehr überzeugende, angenehm zu lesende Biographie zu Hermann Hesse, die auf dem neuesten Stand der Forschung fußend einen lesenswerten Einblick in Hermann Hesses Innenleben, seine Verbindungen zur Familie, Freunden und seine Beziehungen zu Frauen, sein Werk, auch vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse seiner Zeit, gibt und dabei übliche Klischees meidet und von einer sehr abgewogenen Mischung aus Würdigung der Person und kritischer Distanz lebt. 

4 von 5 Punkten

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