Montag, 27. Mai 2013

Rezension: Ein ganzes halbes Jahr (Jojo Moyes)

Rowohlt Verlag
Paperback, 512 Seiten
ISBN: 978-3-499-26703-1
14,99 €

Ein kurzer Einblick

Louisa Clark lebt mit fast 27 Jahren bereits ein sehr eintöniges Leben. Sie arbeitet seit Jahren in einem Café, wohnt noch zu Hause und ist seit 7 Jahren mit ihrem Freund Patrick zusammen. Für sie gibt es nur die kleine Welt ihrer Kleinstadt, in der sie sich gemütlich eingerichtet hat und aus der sie bloß mit ihrem verrückten Kleidungsstil ein wenig ausbricht. Dann verliert sie jedoch ihren Job und muss eine Stelle als Pflegehilfe des reichen, querschnittsgelähmten Will Traynor annehmen. Der war bis zu einem Unfall ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann, der das Leben mit Sport, Actionurlauben und hübschen Frauen in vollen Zügen genoss. Seit seinem Unfall hat er jedoch allen Lebensmut verloren. Wills Mutter engagiert Louisa in der Hoffnung, Will wieder aus seiner Lethargie herauszuholen, doch kann sie in Will trotz seiner Behinderung den Spaß am Leben wiedererwecken?

Bewertung

Jojo Moyes bietet mit „Ein ganzes halbes Jahr“ keine simple Liebesgeschichte, von denen es sowieso bereits viel zu viele gibt und wonach das Cover des Buches auch ein wenig aussieht. Vielmehr setzt sie sich sehr ausführlich und anschaulich geschildert mit der Thematik der Querschnittslähmung auseinander, beschreibt sehr detailliert das Alltagsleben von Behinderten, auch all die körperlichen Folgen und Probleme aufgrund des Nichtbewegenkönnens, über die man sich als Nichtbehinderter wahrscheinlich noch nie Gedanken gemacht hat. Man erfährt z. B., wie viel allein bei einem Ausflug mit einem Behinderten bedacht werden muss oder auch was es alles für breit angelegte Urlaubsangebote speziell für Behinderte gibt, die auch Fallschirmspringen und andere Extremsportarten mit einschließen. Sehr klug und ausdrucksvoll erlebt man außerdem, wie unbeholfen und oftmals unangemessen viele Menschen auf Behinderte reagieren, was hier am Beispiel von Will sehr anschaulich geschildert wird und was diesen zunächst völlig davor zurückschrecken lässt, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Ein weiterer Bereich, der sehr ausführlich im Roman angesprochen wird, ist das Thema Sterbehilfe und das Recht auf einen selbstbestimmten Tod. Die Autorin wirft dabei Fragen danach auf, wann ein Leben überhaupt noch lebenswert ist, und zeigt sehr abwägend und verschiedene Sichtweisen berücksichtigend, indem sie Louisa mit anderen Betroffenen im Internet chatten lässt, dass jeder Mensch dies anders empfinden und dass es nicht eine richtige Antwort auf die Frage geben kann.
Moyes baut diese schwere Thematik in eine Welt voll liebenswerter Charaktere ein. Sie werden sehr einfühlsam und nachvollziehbar gezeichnet, insbesondere Louisa und Will werden dem Leser sehr schnell sympathisch und man entwickelt ein sehr großes Mitgefühl für ihre Geschichte. Louisas Freund Patrick, der Fitnesstrainer ist, nervt einen zwar sehr bald mit seinem gesamten Sport- und Kalorienwahn, ansonsten entwickelt Moyes jedoch viele sympathische, nachempfindbare Figuren. Ebenso kann die Weiterentwicklung von Louisa und Will durch den Einfluss des jeweils anderen überzeugen. Louisa bricht nach und nach aus ihrem Alltagstrott aus und beginnt, ihr Leben anzugehen und mehr daraus zu machen. Auch Will blüht unter Louisas Pflege immer mehr auf, doch es beschleicht einen auch immer wieder das Gefühl, dass ihre Geschichte vielleicht doch kein gutes Ende nehmen kann, dass eben Liebe nicht immer ausreicht, um alles wieder (annähernd) gut zu machen.
Sprachlich kommt das Buch locker und leicht daher, etwas Gehobenes wird einem zwar nicht geboten, aber man kann den Roman sehr schnell herunterlesen. Der Inhalt des Buches packt einen dafür umso mehr, man kann stundenlang weiter lesen und verliert sich dabei so sehr in der Geschichte, dass man gar nicht bemerkt, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist. Auch gelingt Moyes eine sehr rührende Handlung, vor der man ab und zu weinend und dann wieder lachend sitzt, denn die Autorin geht auch mit einem sehr passenden Humor mit dieser schweren Thematik um, ohne dabei ins Geschmacklose abzudriften.

Fazit

Eine gefühlvolle, rührende Liebesgeschichte, die erfrischenderweise ohne viel Kitsch auskommt und sich sehr behutsam mit Sterbehilfe bei körperlich Behinderten und dem Recht auf einen selbstbestimmten Tod auseinandersetzt. Dabei überzeugt die sehr abwägende Herangehensweise, die den Leser dazu anregt, intensiver über diese Thematik nachzudenken, so dass der Roman noch lange nach dem Lesen nachhallt.

4,5 von 5 Punkten

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