Montag, 6. Mai 2013

Rezension: Die Brüder Karamasow (Fjodor M. Dostojewskij)

dtv
Taschenbuch, 1072 Seiten
ISBN: 978-3-423-12410-2
15,90 €

Ein kurzer Einblick

In Dostojewskijs letztem großen Roman steht die Beziehung zwischen dem lüsternen, verkommenen Fjodor Karamasow und seinen drei Söhnen Dmitrij, Iwan und Alexej im Zentrum. Alle drei wuchsen nach dem Tod ihrer Mütter weit entfernt vom Vater auf, der sich ihrer nicht annahm und sie verwahrlosen ließ. Nun erwachsen kehren sie in ihre Heimat zurück, um in erster Linie eine Klärung von Erbstreitigkeiten zwischen Fjodor und Dmitrij zu unterstützen. Deren Streit eskaliert durch das Interesse beider an der anziehenden Gruschenka bis hin zu Morddrohungen Dmitrijs an seinen Vater. Als der Alte tatsächlich ermordet wird, ließ Dmitrij nach der Meinung vieler seinen Drohungen schlicht Taten folgen, doch ist er wirklich der Mörder?

Bewertung

Erzählt wird die Handlung durch einen Chronisten, der mit einem Abstand von 13 Jahren die Geschehnisse im Jahr 1866 schildert, die er zum Teil miterlebte. Im Grunde genommen handelt es sich um eine Kriminalgeschichte, die einen Mord und einen Prozess darstellt, dem ein Justizirrtum folgte. Die Handlung fokussiert sich jedoch stärker auf die drei charakterlich sehr verschiedenen Brüder, Dmitrij ist der Leidenschaftliche, Ungestüme, Iwan der Intellektuelle und Alexej der Gutherzige, Religiöse, der zu Beginn noch in Kloster lebt. Auch von großer Bedeutung ist der vermutlich illegitime vierte Sohn von Karamasow, Smerdjakow, der in seinem Hause als Koch arbeitet. Im Laufe des Buches entwickelt sich ihr Verhältnis zueinander und zum Vater weiter, sie selbst hinterfragen ihre Lebensherangehensweise und man sieht, wie alle zumindest mitverantwortlich am Vatermord sind bzw. wie dieser durch verschiedene Handlungen der Brüder vorangetrieben und möglich wurde. Sehr hilfreich zur tieferen Deutung der Handlung und der Einordnung dieses letzten Romans in die Reihe seiner fünf großen Romane, die mit „Schuld und Sühne“ begann, ist das sehr gute Nachwort dieser Ausgabe. Man versteht die Handlung des Romans mit den gebotenen Hintergrundinformationen besser und erfährt unter anderem viel über Bezüge zu Kants „Gerichtshof im Inneren des Menschen“, die im Buch auftauchen. Ebenso wird man über Dostojewskijs Plan informiert, den Brüdern Karamasow einen zweiten Roman folgen zu lassen, in dessen Zentrum schließlich Alexej stehen sollte, der zu Beginn des Buches als der eigentliche Held dargestellt wird, jedoch an Bedeutung für die Handlung hinter Dmitrij zurücktreten muss. Durch Dostojewskijs Tod kurz nach der Veröffentlichung von „Die Brüder Karamasow“ konnte dieser Plan nicht mehr umgesetzt werden. Außerdem erhält man einen kurzen Einblick in die Rezeption des Werkes und Reaktionen anderer Schriftsteller auf die im Roman aufgeworfenen Fragen in ihren eigenen Werken, eine Zeittafel und Literaturhinweise.
Der Roman bietet natürlich keine leichte Kost, die man sich schnell vor dem Schlafengehen zu Gemüte führen sollte. Die Handlung ist sehr komplex, anspruchsvoll und vielschichtig, zu Beginn kommt man auch ständig mit den fast immer sehr ähnlich klingenden russischen Namen durcheinander, da zusätzlich sehr viele Figuren auch noch verschiedene Spitz- oder Kosenamen haben. Dabei hilft man immerhin das vorhandene Personenverzeichnis. Es werden sehr viele Fragen nach Glauben, Atheismus, Nihilismus, Schuld, Gerechtigkeit, Justiz, Liebe und Leidenschaft aufgeworfen. Dostojewskij bietet somit noch einmal in seinem letzten großen Roman so ziemlich alles an, was ihn zeit seines Lebens beschäftigte und was er in früheren Werken behandelt hat. Ohne Vorwissen zum Beispiel zu damaligen religiösen Diskussionen in Russland kann man vielen Schilderungen nur schwer folgen, wobei auch hier das Nachwort ein wenig Unterstützung bieten kann. Auch die Charaktere sind sehr komplex, meisterlich und tiefsinnig herausgearbeitet, der Autor erreicht dabei solch eine psychologische Tiefe, wie ich sie sehr, sehr selten in anderen Romanen vorgefunden habe. Die Figuren werden regelrecht lebendig, man kann mit ihnen mitfühlen, Alexej gewinnt man überaus lieb. Die anderen Hauptfiguren jedoch waren mir leider allesamt sehr unsympathisch, so dass einen die sie treffenden Schicksalsschläge eher weniger berühren.
Was mich allerdings ein wenig störte, waren einerseits die ersten etwa 200 Seiten, die sich für meinen Geschmack zu sehr hinzogen und durch die ich mich etwas kämpfen musste. Danach wird die Handlung spannender, auch ereignisreicher und kommt wirklich in einigen Teilen an einen Kriminalroman heran. Andererseits gefiel mir das häufige weite Ausholen der Protagonisten, wenn sie etwa eine Situation schilderten, nicht. An sich ist dieses Werk sprachlich sicherlich hervorragend, doch mir persönlich war die Sprache zu pathetisch und ausschmückend, niemand kam einfach mal auf den Punkt.

Fazit

Zu Recht einer der Weltliteraturklassiker, der durch eine anspruchsvolle Handlung, die sich unter anderem mit auch oftmals heute noch aktuellen Fragen nach Schuld, Gerechtigkeit und Glauben auseinandersetzt, sehr tiefgründig durchdachten Charakteren und einem sehr hohen sprachlichen Niveau überzeugt. Höchstens einige Längen und eine oftmals zu pathetische Sprache stören ein klein wenig das Gesamtbild, die aber auch nicht darüber hinwegtäuschen können, dass man hier herausragende Literatur geboten bekommt, die man einmal gelesen haben sollte.

4 von 5 Punkten


Wir danken dem dtv Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

1 Kommentar:

  1. Zunächst erst einmal meine Anerkennung für die kompakte Inhaltsangabe. Scheint recht einfach. Hat man das Buch aber gelesen, liegt eine so nüchterne Zusammenfassung nicht zwangsläufig auf der Hand.

    „Man versteht die Handlung des Romans mit den gebotenen Hintergrundinformationen besser.“
    Das kann ich nur dick und fett unterstreichen. Es enthält unzählige Verweise, die sich einem als durchschnittlichen Leser in der Regel sicher nicht erschließen. Die muss andererseits nicht zwangsläufig als Nachteil angesehen werden. Das Werk ist auch ohne Hintergrundwissen, nach meinem Dafürhalten, gutgehend überfrachtet. Alles in allem kommt derjenige, der interessiert ist, vermutlich kaum darum es mehr als einmal zu lesen – und wenn es über Jahrzehnte hinweg ist.
    Ich persönlich sah mich mit dem Buch überfordert und somit zählt es für mich nicht zu Dostojewskis Highlights.

    „Ebenso wird man über Dostojewskijs Plan informiert, den Brüdern Karamasow einen zweiten Roman folgen zu lassen.“
    Es ist in der Forschung eine viel diskutierte Frage, ob diese Ankündigung ein poetologisches Stilmittel oder eine ernstgemeinte Ankündigung ist. Einige Statements finden Sie hier http://www.dostojewski.eu/02_WERK/18791_Die_Brueder_Karamasow.htm

    „niemand kam einfach mal auf den Punkt“
    Das ist bei Dostojewski eine Stärke und Schwäche zugleich. Das ist eigentlich auch immer eine „Aufgabe“ für den Leser und wenn dann in einem Roman 17 Aufgaben enthalten sind und diese Aufgaben zudem langwierig dargeboten werden und sich überlagern, ist es ein hartes Brot bis zum Ende folgen zu wollen. Da kann ich Ihnen nur zustimmen.
    Wer einen klassischen Kriminalroman lesen möchte, dann die Karamasow nach meinem Dafürhalten gelassen links lassen. Wer die philosophische Herausforderung sucht kann ebenso gelassen zugreifen.

    Ihre Rezension habe ich als sehr angenehm, frisch und vor allem ehrlich gelesen. Sie leisteten es sich, nicht auf die üblichen Lobeshymnen abzustellen. Bekommt man nicht oft zu lesen.

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