Samstag, 18. Mai 2013

Rezension: Der Steppenwolf (Hermann Hesse)

Suhrkamp Verlag
Taschenbuch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-518-36675-2
7,99 €

Ein kurzer Einblick

In diesem 1927 erschienenen Roman von Hermann Hesse steht die Figur des fast 50jährigen Harry Haller im Vordergrund, der sich erschöpft und enttäuscht vom Leben für einige Monate in einer neuen Stadt niederlässt. In seiner Depression und Verzweiflung plant er bereits seinen Selbstmord, wobei er insbesondere unter seiner Zerrissenheit zwischen Geist und Trieb, von ihm empfunden als eine menschliche und eine wölfische Seite, leidet. Dann trifft er jedoch in einem Wirtshaus die Prostituierte Hermine, in der er eine Seelenverwandte entdeckt und die sich seiner annimmt, ihm das Tanzen lehrt, ihn mit der attraktiven Maria zusammenbringt und ihn somit durch das allmähliche Erlernen von Humor, der Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, auf einen Weg der seelischen Heilung, der Akzeptanz seiner Zerrissenheit führt.

Bewertung

Das Buch beginnt zunächst mit einigen Anmerkungen des Neffen von Harry Hallers Vermieterin in der neuen Stadt, der im gleichen Haus wohnte und einige Male mit Haller zusammentraf. So erhält man erst einmal einen Einblick, wie Haller auf Außenstehende, gutbürgerlich Lebende wirkte. Diesem Neffen vermachte Harry schließlich auch seine Aufzeichnungen über seine Erlebnisse der vergangenen Monate, die den zweiten Teil des Romans ausmachen. Diese werden unterbrochen von dem so genannten „Tractat von Steppenwolf“, was Harry eines Nachts zugesteckt wird und fast schon wissenschaftlich fundiert sein Steppenwolfdasein erläutert. Er erfährt unter anderem, dass seine von ihm selbst so empfundene Zwiespältigkeit zwischen Mensch und Wolf, zwischen bürgerlichem Leben und dessen Regelmäßigkeit, Eintönigkeit, aber auch Sicherheit auf der einen Seite und seinem Drang nach Unabhängigkeit auf der anderen Seite, bloß Fiktion sei. Jeder Mensch bestehe nicht bloß aus zwei Wesen, pendle nicht nur zwischen Geist und Trieb, sondern schwinge vielmehr zwischen unzähligen verschiedenen Polen. Daraufhin lernt er schließlich Hermine kennen, die ihn stärker mit der Unterhaltungswelt bekannt macht und ihn so sukzessive aus seinem Einzelgängerdasein herausholt. Zum Abschluss des Buches folgt noch das „Magische Theater“, Harrys Blick in sein Unterbewusstsein.
Hermann Hesse bietet dem Leser somit wie üblich keine leichte Kost mit dieser Thematik, die sehr tief in die menschliche Psyche geht. Zusätzlich finden sich viele Andeutungen an die damalige Zeit, die Hesse insbesondere für ihre Technisierung und den Verfall der Kultur kritisierte und bereits sehr vorausschauend drohende neue Kriege anprangerte. Bemerkenswert ist auch, wie zeitlos einige Aspekte, die Hesse aufwirft, doch sind, einige Kritikpunkte könnte man problemlos auch in unserer heutigen Zeit immer noch anbringen. Hilfreich wäre zu diesen Punkten ein erläuterndes Nachwort gewesen. Denn ohne Vorkenntnisse durch zum Beispiel Biographien zu Hermann Hesse, die auch seine Werke mit behandeln, kann man viele Andeutungen nur schwer deuten und zuordnen. Ich beschäftige mich schon länger mit seiner Person und seinem Leben, kann daher insbesondere seine Lebenssituation zur Zeit des Abfassens des Steppenwolfes gut einschätzen, was zur Verständnis des Buches enorm wichtig ist. Es enthält schließlich wie so ziemlich alle Werke von Hesse viele autobiographische Aspekte und spiegelt in vielem Hesses damalige Lebensphase auffällig wider. Gängige Nachworte geben in der Regel nun einmal Hinweise zum Autor, seinem Anlass und Ziel des Buches oder auch zur Rezeption, was in diesem Fall sehr angebracht gewesen wäre und zum besseren Verständnis des Romans deutlich beigetragen hätte. Insbesondere zum „Magischen Theater“ hätte ich mir einige Erklärungen gewünscht, was mir aufgrund seiner „Abstraktheit“ immer noch ein paar Rätsel aufgibt.
Hermann Hesse überzeugt neben der sehr tiefgehenden, komplexen Handlung auch durch einen anspruchsvollen, aber gleichzeitig auch annähernd allgemein verständlichen Schreibstil, was vielen anderen Klassikern in der Regel häufig fehlt. Seine Sprache liest sich flüssig, fließt locker, angenehm lesbar daher, mit einer Leichtigkeit, die ich bisher von keinem anderen Autoren kenne. Ihm gelingt es zum Beispiel, komplexe psychologische Aspekte recht leicht verständlich auszudrücken, so dass seine Bücher auch von „normalen“ Lesern nachvollzogen werden können und nicht nur von einer literarischversierten, geistigen „Elite“. Trotzdem erreichen seine Romane stets eine enorme Tiefe, so dass sich mehrmaliges Lesen doch lohnt. Ich habe nun den Steppenwolf zum zweiten Mal gelesen und war überrascht, wie viel Neues ich doch wieder entdecken konnte, wobei man auch gut erkennen kann, wie man sich als Leser in ein paar Jahren selbst weiterentwickelt hat. Einigen Punkten kam ich aber immer noch nicht völlig auf die Spur, dafür bedarf es wohl einer nochmaligen Lektüre.

Fazit

Bei der Lektüre dieses Buches merkt man, dass ein Meister seines Fachs am Werke war. Man bekommt eine sehr tiefgründige, sich stark mit der menschlichen Psyche auseinandersetzende Geschichte geboten, die sprachlich überzeugend von Hesse empfundene Missstände seiner Zeit anklagt und damit auch heute noch grundlegende Fragen des menschlichen Daseins aufwirft. Gleichzeitig kommt man dem Autor näher, der mit diesem Buch eine eigene, der Figur des Harry Haller ähnelnde Lebenskrise verarbeitet. Für mich eins der besten Bücher überhaupt!

5 von 5 Punkten

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