Mittwoch, 22. Mai 2013

Rezension: Das Luftschiff des Doctor Nikola (Michael Böhnhardt)


Wurdack
Klappenbroschur, 220 Seiten
ISBN: 978-3938065891
12,95 €

Ein kurzer Einblick

Doctor Nikola schloss sich dem Hofstaat des Bogdo Khan an, der mongolischen Verkörperung Buddhas, um das Geheimnis des ewigen Lebens zu lüften. Von den Chinesen gefangen genommen, werden sie in einer uneinnehmlichen Bergfestung eingekerkert - bis ein Offizier der Zaristen diese befreit. Baron von Klingenberg verspricht sich durch Nikolas magische Fähigkeiten das Allheilmittel gegen die Bolschewisten, um den Bürgerkrieg zu beenden.

Bewertung

Februar im Jahr 1920. Die Zaristen verlieren den Bürgerkrieg gegen die Bolschewisten. Lediglich im Osten Russlands können sich die Zaristen halten, doch der Untergang ist unausweichlich. Baron von Klingenberg, Offizier und Kommandeur eines Kosakenregiments, ist sich dessen bewusst und fürchtet um sein Leben. Mit einem gewagten Plan möchte er das Blatt wenden. Das Luftschiff des Herzogs von Glenbarth, das in Wladiwostok vor Anker liegt, soll ihm Retter in der Not sein.

Guy Newell Boothby schickte den Schurken Doctor Nikola 1901 ins Exil. Um das Geheimnis des ewigen Lebens zu ergründen, zog sich Nikola in ein tibetanisches Kloster zurück. 111 Jahre später kehrt der erste Serienschurke der Literaturgeschichte mit weiteren phantastischen Aventüren wieder. Erstmals ab 2010 veröffentliche der Wurdack Verlag alle Romane um den geheimnisvollen Doktor in einer Übersetzung von Michael Böhnhardt, der Nikola nicht nur frisches Leben einhauchte, sondern diesen auch aus seinem Exil befreite: »Das Luftschiff des Doctor Nikola«. Übersetzer und Lebensretter - Michael Böhnhardt hat seinen Job mit Bravour gemeistert. Bereits mit den Neu- bzw. Erstübersetzungen ins Deutsche bewies der studierte Wirtschaftswissenschaftler, dass ein Jahrhundert alte Storys keineswegs Staub ansetzen müssen. Den Erzählstil übernahm Böhnhardt, die Sprache transferierte er behutsam in moderne Worte ohne den altmodischen Charakter zu vergessen. Eine qualitativ wertige Story zu schreiben, die Boothbys Romanen gerecht wird, kann aus zeitperspektivischen Gründen kein Zuckerschlecken sein. Michael Böhnhardt als »Nikolas« Übersetzer bietet die beste Grundlage. Aus einem antiquierten Schurken darf kein neumodischer Held werden. Ein gezwungen auf alt getrimmter Roman darf es aber auch nicht sein. Böhnhardt gelingt der Spagat!

»Das Luftschiff des Doctor Nikola« beruht auf historischen Ereignissen. Vorlage für die Figur Baron von Klingenberg ist Baron Ungern-Sternberg. Tatsächlich befreite dieser den Bogdo Khan aus chinesischer Gefangenschaft. Ungern-Sternberg soll laut Nachwort Böhnhardts kein angenehmer Zeitgenosse gewesen sein. Da der Gentleman und Schurke Doctor Nikola die Rolle des Bösewichts spielen durfte, verlieh der Autor Klingenberg einen neuen Namen und machte ihn sympathischer: Robert von Klingenberg ist kein Held, sondern ein egoistischer und zynischer Idealist. Selbstachtung? Die ist ihm nicht fremd. Für seine unheldenhaften Taten rühmt er sich nicht, schämt sich dieser aber auch nicht. Vom Charakter ist er bestens geeignet, um als Schachfigur Nikolas zu fungieren. Warum? Dazu muss ich etwas ausholen: Die Figuren des Herzogs und der Herzogin von Glenbarth hatten ihren Auftritt in Boothbys »Die Rache des Doctor Nikola« und werden von Böhnhardt als gealtertes Ehepaar erneut eingeführt. Der Herzog ist des müden Fleisches seiner Frau überdrüssig und vergewaltigt lieber seine Tochter. Die Herzogin unterdessen rächt sich mit zig Affären. Doctor Nikola wiederum hatte damals ein Auge auf die Herzogin geworfen und sieht nun seine Chance gekommen. In einem Experiment möchte er die einstige Jugend der Herzogin wiederherstellen. Wie genau sich Nikolas Plan gestaltet und was aus seiner angestrebten Unsterblichkeit geworden ist, sei an dieser Stellen verschwiegen.

Fazit

Der viktorianische Doctor Nikola ist in seiner Gefangenschaft nicht gealtert. Die Faszination um den Gauner und seinen mysteriösen Charakter aber auch nicht. Liebe und Unsterblichkeit, ein neu geborener Dschingis Khan und ein geheimnisvoller Plan Nikolas. Michael Böhnhardt erschuf mit »Das Luftschiff des Doctor Nikola« eine wahrliche Wiedergeburt des Schurken.

4,5 von 5 Punkten

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