Samstag, 13. April 2013

Rezension: Winter der Welt (Ken Follett)

Bastei Lübbe
Hardcover, 1022 Seiten
ISBN: 978-3-7857-2465-1
29,99 €

Ein kurzer Einblick

Im zweiten Teil seiner Jahrhundert-Saga stehen die Nachfahren der Hauptprotagonisten aus „Sturz der Titanen“ im Zentrum des Buches. Den historischen Rahmen des Romans bilden der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland, der Kampf gegen den Faschismus in England, der russische Sozialismus unter Stalin und schließlich der Zweite Weltkrieg, sowohl in Europa als auch im Pazifik. Wieder wird die Geschichte von fünf Familien erzählt. Carla von Ulrich erlebt 1933 in Deutschland den Aufstieg der Nationalsozialisten mit, der Engländer Lloyd Williams weilt zur gleichen Zeit in Berlin und will nun in England den Faschismus bekämpfen, der Russe Wolodja Peschkow baut ein Spionagenetzwerk in Berlin auf und in den USA folgt der Senatorensohn Woody Dewar seinem Vater in die Politik und Daisy Peshkov träumt vom sozialen Aufstieg, was sie bis in die englische Oberschicht führt.

Bewertung

Mit „Winter der Welt“ werden wir von Ken Follett in die Geschichte in Deutschland, England, Russland und in den USA vor und während des Zweiten Weltkrieges geschickt. Ebenso erhält man Einblicke in den Spanischen Bürgerkrieg und die französische Résistance unter deutscher Besatzung. Durch das stetig wechselnde Erzählen aus der Sicht verschiedener Akteure wird die Handlung sehr abgewogen geschildert, wie bereits in „Sturz der Titanen“ auch. Das Buch verfügt auch wieder über ein Personenverzeichnis, was natürlich enorm hilft, sich unter den vielen Charakteren zurechtzufinden. So erlebt man die Geschehnisse aus dem Blickwinkel verschiedener Charaktere und in gewisser Weise verschiedener Länder, was einer oftmals typischen Abstempelung Deutschlands als Alleinschuldigen vorbeugt. Follett geht es vielmehr darum, den Schrecken des Krieges für alle Staaten und ihre Bürger zu zeigen. So wird auch den Bombardierungen und Leiden in deutschen Städten während des Krieges viel Raum gegeben und die Deutschen als ebenso Leidende unter den Kriegsfolgen dargestellt. Dabei wird sich jedoch nach meinem Empfinden zu sehr auf Hitler und ganz allgemein die Nazis als die Urbösen und Alleinschuldigen fokussiert. Inwieweit man die deutschen Bürger zur Verantwortung für den Krieg ziehen kann und wie viele durch nationalsozialistische Propaganda (wenn eventuell auch nur zeitweise) zu Anhängern des Naziregimes wurden, wird kaum thematisiert. Bloß Carlas Bruder Erik ist bis zur Mitte des Krieges Anhänger der Nationalsozialisten und ein Gestapomann taucht häufiger auf. Alle anderen deutschen Figuren sind gegen die Nazis und fast alle gehen auch noch in den Widerstand, was eine sehr einseitige Sicht auf die Begebenheiten in Deutschland gibt.
Ebenso wie der Vorgängerband ist auch „Winter der Welt“ wieder einmal sehr genau recherchiert und historisch sehr authentisch (soweit ich dies überblicken kann) geschrieben. Vorkenntnisse zu den historischen Begebenheiten der damaligen Zeit schaden sicherlich nicht, um der Handlung des Buches besser folgen zu können. Ebenso war es sehr spannend zu lesen, ich hätte jederzeit stundenlang weiter lesen können. Für mich war allerdings das Ende ein wenig schwächer. Nach der Behandlung des Kriegsendes war leider ein wenig die Luft raus. Die Geschichten der einzelnen Charaktere wurden relativ schnell nacheinander abgehakt und wichtige historische Ereignisse wurden gar nicht mehr erwähnt.
Dass Ken Follett in seinen Werken immer wieder zu etwas klischeehaften Handlungen und Beziehungen greift, ist sicherlich bekannt. Diesmal störe mich allerdings doch ziemlich, wie einfach es den Hauptcharakteren oftmals gemacht wurde. Die deutschen Widerstandskämpfer z. B. schaffen es jahrelang, Informationen an die Russen weiterzugeben, und werden nicht einmal verdächtigt. Bloß Carlas Freund Werner wird beinahe von der Gestapo verhaftet, entkommt dann aber im Bombengewitter auf Berlin. Auch überleben fast alle Hauptcharaktere den gesamten Krieg, was die Handlung doch eher unrealistisch macht. Zusätzlich war dies meist vorhersehbar, bei einigen Figuren wusste man einfach, dass diese den Krieg überleben werden. Andere Handlungsstränge waren leider diesmal genauso vorhersehbar, was vielleicht daran liegen mag, dass die Thematik des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges eben bereits in unzähligen Büchern aufbereitet wurde und auch Follett hier keine neue Ansätze mehr findet, anhand derer er die Geschichte des Zweiten Weltkrieges darstellen kann. Leider kommt man zusätzlich den Charakteren auch nicht mehr so nahe wie in früheren Follett-Werken. Die geschichtlichen Ereignisse übernehmen ab und zu zu sehr die Überhand und man springt zu sehr von einer Handlung zur nächsten. Insbesondere zur Trauer um die vielen Toten, die die Hauptcharaktere im Laufe der Geschichte zu bedauern haben, kommt man so gut wie überhaupt nicht, da meist nach einem Todesfall das Kapitel endet und dieser Erzählstrang erst Monate später wieder einsetzt, wo es den Figuren bereits wieder besser geht. Das Mitfühlen hält sich daher schon etwas in Grenzen, was bei solch einer Thematik eigentlich ungewöhnlich ist.
Mir persönlich wäre es lieber gewesen, wenn auch ein Teil der Weimarer Republik im Buch thematisiert worden wäre, und ebenso wundert es mich, warum Follett sich der Judenverfolgung kaum gewidmet hat, die bloß am Rande vorkommt. Vielleicht wollte er deutlich mehr den Fokus auf den die ganze Welt umgreifenden Krieg legen, doch eine stärkere Beschäftigung mit der Geschichte der Juden hätte ich mir gewünscht, aber man kann es ja auch nicht jedem Leser recht machen.


Fazit

"Winter der Welt" ist nicht mehr so gut wie sein Vorgänger, aber trotzdem bietet der Roman immer noch eine sehr gute Unterhaltung, da er spannend und sehr abgewogen geschrieben ist und sich sehr gut lesen lässt. Die doch recht vielen von mir geäußerten Kritikpunkte verwundern vielleicht aufgrund der Bewertung mit 4 Punkten, diese ist jedoch in meinen Augen durchaus angemessen, da Follett schließlich kein Sachbuch über den Zweiten Weltkrieg schreiben wollte und eben ein wenig vor seinem Mammutprogramm kapitulieren musste. Sehr lesenswert ist sein Buch immer noch, darf aber eben nur als rein literarisches Werk verstanden werden.

4 von 5 Punkten

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