Samstag, 16. März 2013

Rezension: North and South (Elizabeth Gaskell)

Penguin Books
Taschenbuch, 496 Seiten
ISBN: 978-0-140434248
7,70 € (Stand: 16.03.2013)

Ein kurzer Einblick

Margaret Hale muss mit ihren Eltern vom Süden Englands in den industriellen Norden ziehen, nachdem ihr Vater aufgrund einer Glaubenskrise seine Position als Pfarrer einer kleinen Gemeinde aufgegeben hat. In der Industriestadt Milton versucht er sich als Privatlehrer eine neue Existenz aufzubauen. Das Einleben in dieser fremden Umgebung fällt Margaret anfangs gar nicht leicht. Sie ist schockiert über die desolaten Arbeitsbedingungen der Industriearbeiter, interessiert sich immer stärker für deren Lebenssituation und kann auch mit den reichen Fabrikanten, die die Miltoner Oberschicht bilden, sehr wenig anfangen. Insbesondere mit einem von ihnen, dem Emporkömmling John Thornton, gerät sie immer wieder wegen der Frage nach der richtigen Behandlung seiner Arbeiter aneinander, was aufkeimende Gefühle der beiden füreinander behindert…

Bewertung

Wie der Titel des Buches bereits andeutet, geht es in diesem Roman um eine Gegenüberstellung des ländlichen Südens Englands mit dem industriellen Norden in der Mitte des 19. Jahrhunderts, verkörpert durch die beiden Hauptpersonen Margaret Hale und John Thornton. Margaret auf der einen Seite gehört der Oberschicht an, wenn auch ihr Vater nicht sehr vermögend ist. Sie hat einige Jahre bei ihrer reichen Tante in London gelebt, ist sehr vornehm erzogen und das ländliche, ruhige Leben der Kleinstadt, in der ihr Vater als Pfarrer tätig war, gewohnt. Auf der anderen Seite steht John Thornton, ein sozusagen Neureicher, der sich bis zum Fabrikbesitzer hochgearbeitet hat. Er ist in dieser industriellen, lauten und schmutzigen Welt Miltons zu Hause und kennt die Klassenkonflikte zu den Arbeitern, die Margaret noch so fremd sind. Er wiederum gehört trotz seiner gehobenen Stellung in Milton keineswegs der englischen Oberschicht an, weshalb Margaret zu Anfang ein wenig auf ihn herabsieht. Vor diesem Kontrast wird der Konflikt der Arbeiterklasse zu ihren Arbeitgebern, den Industriellen, entwickelt. Dieser wird von Gaskell dabei sehr abgewogen geschildert. Man erkennt durchaus, dass die Autorin, wie dann auch ihre weibliche Hauptperson, in erster Linie auf der Seite der Arbeiter steht, deren schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen sehr ausführlich dargestellt werden. Die Autorin gibt den Industriellen, vornehmlich John Thornton, aber durchaus die Möglichkeit, ihre Behandlung der Arbeiter zu erläutern und ihre Beweggründe zu erklären. So wird dieser in vielen Büchern behandelte Klassenkampf in diesem Roman sehr vielschichtig behandelt und es wird versucht, die Lage beider Parteien zu erläutern.
Auch gelingt es der Autorin, die damalige Zeit sehr nachfühlbar zu zeichnen, so dass man sehr gut in diese industrielle Welt eintauchen kann. Man fühlt sich ins Milton des 19. Jahrhundert zurückversetzt und erlebt die harten Arbeitsbedingungen hautnah mit. Außerdem wirken ihre Charaktere sehr realistisch, egal, ob nun ein Gewerkschaftsführer oder etwa Margarets aus vornehmendem Hause stammende Mutter vorkommen. Insbesondere ihr Gefühlsleben und ihre Vorurteile anderen Schichten gegenüber werden sehr gelungen und nachfühlbar geschildert, was die Figuren sehr authentisch wirken lässt. Auch wird fast allen eine überzeugende Charakterentwicklung zugestanden.
Der oft angebrachte Vergleich zu Jane Austen fiel mir ebenso während des Lesens auf. Ich fühlte mich mit der Geschichte oftmals an „Stolz und Vorurteil“ erinnert, worin ähnlich wie in diesem Roman die Beziehung der Hauptpersonen durch Vorurteile und einige Missverständnisse, die den einen an der Charakterfestigkeit des jeweils anderen zweifeln lassen, behindert wird. An sich braucht Gaskell den Vergleich zu Austen nicht zu fürchten, auch wenn mir persönlich Jane Austen ein wenig besser gefallen hat. Gaskell kann vor allem mit ihrer sozialen Thematik überzeugen, deren Darstellung doch sehr modern anmutet und die Autorin durchaus ihrer Zeit weit voraus zeigt. Allerdings hat das Buch auch einige Längen, die das Weiterlesen etwas erschweren. Des Weiteren konnte mich das Ende nicht komplett überzeugen, das sehr plötzlich kam und ziemlich abgehackt wirkte.
Noch ein kurzer Hinweis für potentielle Leser: „North and South“ gibt es leider nicht als deutschsprachige Ausgabe, so dass man es im englischen Original lesen müsste.

Fazit

Ein schöner Schmöker, der sich überzeugend mit der Konfliktsituation zwischen Industriellen und Arbeitern im viktorianischen England beschäftigt und die gesellschaftlichen Kontraste des ländlichen Südens und des industriellen Nordens des Landes schildert. So bekommt man eine Mischung aus Gesellschafts- und Liebesroman geboten, der sich durchaus mit Jane Austens Werken messen kann, wenn auch einige Passagen für einen besseren Lesefluss gekürzt hätten werden können.

4 von 5 Punkten

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