Sonntag, 3. März 2013

Rezension: Die Landkarte der Zeit (Félix J. Palma)

Rowohlt Verlag
Taschenbuch, 768 Seiten
ISBN: 978-3-499-25319-5
9,99 €

Ein kurzer Einblick

Der Roman setzt im London des Jahres 1896 ein und erzählt in drei Handlungssträngen die Geschichten von Andrew, Claire und Inspector Garrett. Andrew stammt aus wohlhabendem Haus und verliebt sich in eine Prostituierte, die von Jack the Ripper getötet wird. Nun will Andrew in der Zeit zurückreisen, um seine Geliebte zu retten. Claire wiederum fühlt sich in ihrer Zeit völlig fehl am Platz und möchte in die Zukunft reisen. Und Inspector Garrett ist auf der Suche nach einem Mörder, der scheinbar mit Waffen aus der Zukunft tötet. Zusammen laufen alle Handlungsstränge bei einem rätselhaften Bibliothekar, der das Geheimnis der Landkarte der Zeit kennt…

Bewertung

Erzählt wird der Roman aus der Sicht eines allwissenden Erzählers, der sich immer wieder an den Leser wendet. Man lernt zunächst Andrew kennen, der gerade plant, sich umzubringen. Nach und nach erfährt man, dass er seine große Liebe, eine Prostituierte, vor acht Jahren an Jack the Ripper verloren hat. In letzter Minute kann sein Cousin Charles ihn vom Selbstmord abbringen, indem er ihm erzählt, er könne seine Geliebte noch retten. Es gebe ein Unternehmen in London, „Zeitreisen Murray“, das Zeitreisen anbiete. Da dieses Unternehmen aber bisher nur Zeitreisen in die Zukunft unternehmen kann, wenden sich Andrew und Charles schließlich an H. G. Wells, den Autoren von „Die Zeitmaschine“, der gerüchteweise eine Zeitmaschine besitzt. Etwa zur gleichen Zeit versucht eine junge Frau, Claire, mit „Zeitreisen Murray“ in die Zukunft, genauer das Jahr 2000 zu reisen, allerdings mit dem festen Entschluss, nicht wieder in ihre eigene Zeit mit zurückzukommen. Sie trifft im Jahr 2000 auf den großen Helden im Kampf gegen die Maschinen, Hauptmann Derek Shackleton, in den sie sich verliebt. Ihr Verschwinden wird jedoch entdeckt, so dass sie doch wieder ins London des Jahres 1896 zurückmuss. Dort trifft sie plötzlich auf einem Markt auf Shackleton, aber was hat dieser in ihrer Zeit verloren? Verbunden werden diese Geschichten noch mit der von Inspector Garrett, der eine Reihe von Morden versucht aufzuklären, die scheinbar mit Waffen begangen wurden, die noch gar nicht erfunden wurden. Stammt der Mörder aus der Zukunft?
Man bekommt bei diesem Buch somit eine Mischung aus Science Fiction, Krimi, Liebesgeschichte und in einigen Punkten auch Gesellschaftsroman geboten. Das Leben sowohl der gehobenen Mittelschicht, als auch der Unterschicht im London des 19. Jahrhunderts wird sehr angemessen wiedergegeben, man fühlt sich durchaus in diese Zeit zurückversetzt. Auch die drei Hauptakteure sind gefühlvoll und realistisch dargestellt, ihre Geschichte berührt den Leser und man hofft für alle auf ein Happy End.
Viel mehr Positives konnte ich zu diesem Roman jedoch leider nicht finden. Das Buch hat unzählige Längen, in denen man sich regelrecht zwingen muss, überhaupt weiterzulesen. Immer wieder wird die eigentliche Geschichte der drei Hauptcharaktere durch langweilige und seltsame Einschübe unterbrochen, die jegliche vorhandene Spannung zunichtemachen. Hätte sich der Autor mehr auf die Handlungsstränge der drei Hauptfiguren beschränkt und wäre nicht immer wieder völlig von der Geschichte abgedriftet, hätte das Buch durchaus überzeugen können. Die ersten ca. 100 Seiten über Andrews Schicksal z. B. sind sehr gut und sehr spannend geschrieben und lassen den Leser enorm mit ihm mitfiebern.
Auch die Einführung von H. G. Wells, der schließlich wirklich existiert hat, hat mich nicht überzeugt. Generell kenne ich kaum Bücher, die es verstehen, real existierende Menschen gelungen und realistisch in eine fiktive Geschichte einzubetten. Doch in diesem Roman wirken sein Auftauchen und seine Darstellung als möglicher Zeitreisender sehr seltsam und unrealistisch. Die Idee an sich mag man durchaus als originell bewerten, doch ihre Umsetzung gelingt kaum. Auch die Zusammenführung der einzelnen Handlungsstränge am Ende ist ein wenig konfus. Man kann den ganzen eventuellen oder wirklich durchgeführten Zeitreisen kaum noch folgen, einige logische Fehler schleichen sich meines Erachtens auch ein und man setzt am Ende vor dem Buch und fragt sich, was wollte mir der Autor denn nun hiermit sagen? Gelungener ist zumindest die Erzählweise des Buches, das sehr häufig mit überraschenden Wendungen und Elementen aufwartet, die oft kaum vorhersehbar sind. Man bekommt immerhin nicht so viele Standardabläufe geboten, die man aus unzähligen anderen Romanen kennt.

Fazit

Insgesamt hat man mit „Die Landkarte der Zeit“ ein etwas seltsames Buch vorliegen. Die Handlung ist immer wieder sehr wirr, dafür aber auch oftmals unvorhersehbar. Spannung kann der Autor lange Zeit kaum aufbauen, da die an sich guten Geschichten der drei Hauptfiguren häufig durch unpassende, langweilige Einschübe unterbrochen werden und das Weiterlesenwollen doch enorm erschweren. Nach dem Lesen bleibt man irgendwie verwundert und auch enttäuscht zurück. „Die Landkarte des Himmels“, das in gewisser Weise an dieses Buch anschließt, werde ich nun auf jeden Fall nicht lesen.

3 von 5 Punkten

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