Donnerstag, 21. März 2013

Rezension: Der Crako und der Gierfraß (Michael Kirchschlager)

Festa
Taschenbuch, 208 Seiten
ISBN: 978-3865520319
10,00 €


Ein kurzer Einblick

Wir schreiben den Herbst 1730. Der Gierfraß geht im Königsberger Umland um, reißt junge Frauen und lässt ihre Leiber im Dickicht der Wälder zurück. Es heißt, das Ungeheuer sei zur Hälfte Werwolf, zur Hälfte Vampir. Der Crako - Criminalkommissarius - und sein Adjutant Kosemaul ermitteln im Namen Seiner Majestät des Königs Friedrich Wilhelm I. von Preußen. Als Mensch bevorzugt der Crako die Vernunft. Als Experte für das Übersinnliche weiß er, dass Aberglaube keine Schauermär ist.

Bewertung

Freiherr Friedrich von Krosigk, Spezialist für das Dämonische und Unheimliche, im Amte des Crako - Criminalkommissarius Seiner Majestät des Königs Friedrich Wilhelm I. von Preußen - ermittelt in einem delikaten Fall. Der Gierfraß, ein gar schrecklich Wesen, halb Vampir, halb Werwolf, soll sein Unwesen in den Wäldern bei einem Dorf in der Nähe von Königsberg treiben. Vornehmlich bei Vollmond raubt er junge Frauen, die am nächsten Morgen ohne Hände und Füße im Forst gefunden werden. Ein Werwolf soll es sein, sagen die abergläubischen Einwohner. Nur das Zigeunerweib zeigt hin zum Schlossherren. Der Crako muss diesem Hinweis natürlich nachgehen, doch größte Diskretion walten lassen, darf doch kein Verdacht aufkommen, dass er diese Möglichkeit auch nur in Erwägung zieht - sonst rollt sein Kopf. Ihm zur Seite steht der Adjutant Kosemaul, der original »machteborjer« Mundart spricht und kein Blatt vor desselbigen nimmt. Einer Militärfamilie entstammend zeugt sein Wesenscharakter von Drill und Gehorsam, demgegenüber der Crako eher eine rationale Haltung an den Tag legt. Krosigk ist von aufgeklärtem Geiste, doch zugleich ringt er mit einem von Aberglauben geprägten Weltbild. Jener Konflikt zwischen Rationalität und Mystizismus prägt seinen Charakter und lässt ihn an der Identität und des Wesens des Gierfraßes zweifeln.
Michael Kirchschlagers gezeichnete Welt von 1730 zeichnet sich durch einen fundierten Realismus aus. Gleich zum Einstieg in den Roman, in einer Stadt an der Grenze zu Sachsen, lehrt der Autor dem Leser die Grausamkeit und Brutalität jener Epoche. In bildhaften Worten wird das Rädern und die Hinrichtung von Verbrechern nicht beschönigend, sondern detailhaft in aller Härte zur Schau gestellt. Inwieweit dies der Authentizität entspricht, vermag ich nicht zu sagen, bin aber geneigt dem Autor und Diplom-Historiker zu glauben, mag es sich doch so oder sehr ähnlich begeben haben.
»Der Crako und der Gierfraß« wird die Historizität des 18. Jahrhunderts zugrunde gelegt und bildet ein tiefgreifendes Bild einer gar nicht so entfernten Epoche nach. Als Leser und der Fantasie meines Verstandes Gefangener breitet sich eine malerische Landschaft im Königsberger Umland aus. Das Leben der ostpreußische Bevölkerung jedoch ist vom harten Alltag, Aberglauben und alltäglichen Belangen, die uns nichtig erscheinen mögen, geprägt. Es ist nicht nur erstaunlich spannend in das einfache Leben der Landbevölkerung abzutauchen, sondern auch den Ermittlungen Krosigks und Kosemauls zu folgen, die sich mit den Dorfbewohnern und dem Landadel arrangieren müssen. Ein Lügendetektor oder das Wahrheitsserum von Harry Potter wären ein Geschenk Gottes, denn die Lüge greift grassierend um sich. Scheinbar ist sich jeder selbst der Nächste, wenn es um die Wahrheit und den Schutz seiner selbst bzw. der Familie geht.

Fazit

»Der Crako und der Gierfraß« bettet sich in ein historisch-authentisches Setting, wartet jedoch mit Horror- und Phantastikelementen auf. Geschickt nutzt Michael Kirchschlager die Erwartungshaltung des Lesers aus und deckt erst spät auf, ob nun die Vernunft oder Aberglaube den Gierfraß in seine Schranken verweist.

4 von 5 Punkten

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