Freitag, 8. März 2013

Rezension: Amundsen. Bezwinger beider Pole (Tor Bomann-Larsen)

Mareverlag
Gebundene Ausgabe (Sonderausgabe), 704 Seiten
ISBN: 978-3-86648-136-7
17,90 €

Ein kurzer Einblick

Roald Amundsen durchfuhr als Erster die Nordwestpassage (die Verbindung des Atlantiks und des Pazifiks oberhalb des nordamerikanischen Kontinents) und plante danach eine Expedition zum Nordpol. Als der Amerikaner Robert E. Peary jedoch behauptete, den Nordpol erreicht zu haben, änderte Amundsen blitzartig sein Expeditionsziel in den Südpol um. Diesen erreichte er vor Robert F. Scott als erster Mensch überhaupt. Jahre später überflog er den Nordpol in einem Luftschiff. 1928 schließlich kam er bei dem Versuch, einen Konkurrenten zu retten, der in der Arktis abgestürzt war, ums Leben. In dieser Biographie bringt uns der Norweger Tor Bomann-Larsen das abwechslungsreiche Leben und den komplexen Charakter des Roald Amundsen näher.

Bewertung

Das Buch ist chronologisch aufgebaut. Es behandelt zunächst, wie üblich, Amundsens Kindheit und Jugend und seine Fahrt durch die Nordwestpassage. Daran anschließend folgen die Reise zum Südpol und der viele Jahre andauernde Versuch, den Nordpol zu erreichen, zunächst mit dem Schiff, schließlich mit einem Luftschiff, was auch gelang. Zuletzt werden noch seine letzten Lebensjahre bis hin zu seinem Tod im Jahr 1928 in der Arktis dargestellt. Dazwischen widmet sich der Autor sehr stark dem Privatleben von Amundsen. Seine schwierigen Beziehungen zu Frauen werden sehr ausführlich geschildert, aber auch die Verbindungen zu seinen Brüdern, die einerseits von starker Unterstützung der Expeditionen (insbesondere Leon Amundsen), andererseits jedoch auch von vielen Konflikten geprägt waren, da speziell die beiden älteren Brüder (Tonni und Gustav) gern großen Anteil am Erfolg des Bruders haben wollten, vor allem auch in finanzieller Hinsicht. Diesen privaten Aspekten wird meines Erachtens jedoch viel zu viel Raum gegeben, worunter die Darstellung der Expeditionen leidet. Insbesondere der Marsch zum Südpol wird auf wenigen Seiten abgehandelt. Da wäre eine ausführliche Schilderung durchaus wünschenswert gewesen. Ich habe vor einigen Monaten ein ähnliches Buch zu Robert F. Scott gelesen. Nach der Lektüre hatte ich das Gefühl, eine wirkliche Vorstellung davon bekommen zu haben, wie solch eine Polarexpedition aussah, was alles dahinter steckte, welche Schwierigkeiten man zu bewältigen hatte. Dies gelingt Bomann-Larsen hier in Bezug auf Amundsens Expedition überhaupt nicht.
Gelungener ist die Biographie, was die Herausarbeitung von Amundsens Charakter angeht. Dem Menschen Roald Amundsen kommt man mit diesem Buch sehr nahe. Man erlebt ihn als oftmals sehr unangenehme, uneinsichtige Person, die sehr gerissen und skrupellos sein kann und mit der man daher kaum warm wird. Zeit seines Lebens scheint er rastlos und getrieben nach Abenteuern gewesen zu sein, auch bei seinen Beziehungen zu Frauen reizte ihn die Herausforderung. Er ging immer wieder Verbindungen zu verheirateten und somit in gewisser Weise unerreichbaren Frauen ein. Insbesondere die Entwicklung des Heldenstatus, den Amundsen durch seine Taten in Norwegen und rund um die Welt erhielt, wird überzeugend und nachempfindbar dargestellt, ebenso die Entmystifizierung seiner Person im Laufe der Jahrzehnte, die eine differenziertere Bewertung Amundsens erst möglich machte. Des Weiteren gelingt es Bomann-Larsen, den Konkurrenzkampf zwischen Staaten, was die Erkundung der Arktis und Antarktis angeht, sehr anschaulich zu beschreiben. Bekannt ist dies vor allem für den Südpolwettlauf, doch auch die späteren Expeditionen von Amundsen sind einerseits stark durch internationale Zusammenarbeit, aber andererseits eben auch durch enormes Konkurrenzdenken geprägt. So gewinnt man einen guten Einblick in die politischen Begebenheiten der Nachkriegszeit, in der auch Polarexpeditionen zur Imagepflege verschiedener Nationalstaaten herhalten mussten.
Ansonsten konnte mich die Biographie jedoch kaum überzeugen. Zum einen war die doch eher pompöse Sprache gar nicht nach meinem Geschmack, etwas sachlicher wäre wünschenswert gewesen. Zum anderen waren einige Passagen schlichtweg langweilig, insbesondere wenn zum wiederholten Male die Beziehungen zu Frauen thematisiert wurden oder über Seiten hinweg der Ablauf einer Vortragsreihe von Amundsen nacherzählt wurde. Zuerst war er in dieser Stadt, dann in jener…, dies hätte durchaus gekürzt werden können. Somit halte ich die überaus positiven Pressezitate auf der Rückseite des Buches für völlig überzogen. Wie man es als „Super-Krimi“ oder „packend“ bezeichnen kann, entzieht sich meinem Verständnis. Spannung kam überhaupt nicht auf, höchstens das Ende, als man wusste, sein Tod steht kurz bevor, konnte mich packen. Dies war auch der einzige Moment, in dem ich mit Amundsen mitfühlen konnte.
Kritisieren muss ich auch noch, dass das Buch über kein Personenverzeichnis verfügt. Es tauchen im Laufe des Buches unzählige Menschen auf, die oftmals über viele Seiten gar keine Rolle spielen und plötzlich ohne Erläuterung irgendwo wieder auftauchen. Diese kann man dann nur sehr schwer wieder zuordnen. Außerdem setzt das Buch für mich zu viel Wissen voraus. Ich habe schon ein paar Bücher zur Polarforschung gelesen, konnte einige Punkte jedoch trotzdem nicht verstehen, da noch mehr Vorwissen erwartet wurde oder durch die seltsame Schreibweise des Autors Einiges unklar blieb. Dies hängt sicher auch damit zusammen, dass der Autor Norweger ist und für ihn vieles, insbesondere die Geschichte Norwegens, gang und gäbe ist und er von seinen norwegischen Lesern Ähnliches erwartet. Doch meiner Meinung nach hätten durchaus einige Erläuterungen mehr zu Norwegen und seiner Polarforschung dem Buch gut getan.

Fazit

Wenn man Roald Amundsen als Mensch näher kommen möchte, kann diese Biographie sicherlich überzeugen. Möchte man jedoch eher intensiv über seine Polarexpeditionen informiert werden, würde ich von der Lektüre abraten. Den Schreibstil empfand ich als äußerst anstrengend, Spannung kann das Buch nicht aufbauen, so dass ich mich regelrecht durch die Biographie durchkämpfen musste. Ein lesenswertes Buch würde ich es daher nicht nennen.

2,5 von 5 Punkten

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