Dienstag, 26. Februar 2013

Rezension: Tinkerfarm 2. Die Geheimnisse der Tinkerfarm (Tad Williams / Deborah Beale)

Klett-Cotta
Hardcover, 430 Seiten
ISBN: 978-3-608-93822-7
19,95 €


Ein kurzer Einblick

Ein weiterer Sommer auf der Tinkerfarm für Lucinda und Tyler. Die unbeschwerte Leichtigkeit dieses kleinen Ortes mystischer Wesen ist einer düsteren Aura voller Sicherheitsmaßnahmen und dunkler Geheimnisse gewichen. Elektrozäune und Überwachungskameras sind lediglich der Anfang ... Was führt die Hexe Mrs Needle im Schilde? Wohin ist Onkel Gideon verschwunden? Und was hat es mit dem furchtbaren Jackson Kingaree auf sich?

Bewertung

So stellten sich Lucinda und Tyler die Rückkehr auf die Ordinary Farm nicht vor. Sicherheit und Geheimniswahrung hatte Onkel Gideon bereits vergangenen Sommer groß geschrieben, nun aber begrüßen die Geschwister Elektrozäune und Überwachungskameras - das Areal der Tinkerfarm erinnert mehr denn je an Jurassic Park. Des Nachts streifen Mantikore zwischen den Zäunen als Wachhunde eingesetzt durch die Büsche und reißen jeden in Stücke, der es wagt, unbefugt das Gelände zu betreten. Auch die Bewohner der Farm sind seltsam angespannt - all das nur wegen Mr. Stilmann, der schon in »Die Drachen der Tinkerfarm« versuchte sich Gideons Besitz zu eigen zu machen und nun die Grundstücke um die Ordinary Farm herum aufkauft?
Teil 1 der Trilogie führte die geheimnisvolle Tinkerfarm ein, machte die Jenkins mit den mystischen Geschöpfen vertraut stellte die Figuren vor, von denen die meisten aus weit vergangenen Zeiten stammen. Teil 2 wendet sich den Charakteren selbst zu: Der Roman studiert die Beweggründe der Bewohner, beurteilt diese und die Menschen - schreckt aber auch nicht vor der Warnung zurück, dass Motive (seien sie gut- oder böswillig) verstanden werden wollen, bevor ein endgültiges Urteil gefällt wird. Maßgeblich stützt sich »Die Geheimnisse der Tinkerfarm« dabei vor allem auf die eingeführten Geheimnisse des ersten Teils und führt diese zu teils überraschenden Wendungen.

Gideon sorgt sich um die Zukunft der Farm und veranlasst eine Neuschreibung seines Testamentes. Mr. Stilmann versucht die Farm zu übernehmen und Mrs Needle hegt eigene Pläne. Als dann auch noch Gideon verschwindet, tote Tiere im Garten liegen und merkwürdige Dinge vor sich gehen, steht die Ordinary Farm Kopf. Tad Williams und Deborah Beale lassen vergangene Ereignisse nicht in der Ecke versauern, sondern spinnen begonnene Handlungsfäden weiter, splitten diese auf und führen neue Charaktere und Handlungsereignisse ein. Hieraus ergibt sich ein erquicklicher Mix, der zu manch unerwartetem Ergebnis führt, anderes dafür aber eine interessante Note gibt: Da wäre zum Beispiel das Kontinuaskop, auf dessen Suche sich Colin Needle begibt. Es gilt zwar als vernichtet, doch ... Nun ja, die Geheimnisse lüften sich im Roman. Weitere Handlungsfäden verknüpfen sich mit altbekannten, sodass man als Leser eigentlich so gar nicht weiß, woran man ist. So ergeht es auch Lucinda und Tyler, die die erste Hälfte der Story über im Dunkeln tappen, hier und dort Informationen erhaschen und versuchen sich ein Bilde der Situation zu machen. Dies klappt mehr recht als schlecht, denn Vorurteile trüben den Blick.

Die düster gehaltene Geschichte (es wimmelt nur so von Monstern, finsteren Geheimnissen und dunklen Machenschaften, das ein Lichtblick kaum möglich ist) lockert sich durch Tylers Charakter auf. Er übernimmt die Rolle des Fettnäpfchentreters und des unbedachten Vorstürmers in brenzligen Situationen. Nachdenken ist nicht seine Stärke. Als Belohnung winken Erkenntnisse, die nur durch Frechheit erlangt werden können, und die Tyler Stück für Stück die Rätsel lösen lassen. Seine Schwester Lucinda ist im Vergleich zum Vorgängerroman erwachsener geworden und denkt nach, bevor sie etwas sagt, um niemanden zu verletzten. Sie ist das Gegenstück zu ihrem Bruder.
Eine überraschende charakterliche Kehrtwende versucht Colin Needle hinzulegen, der scheinbar Gefühle für Lucinda hegt. Die Annäherungsversuche werden allerdings durch Schwesternbeschützer Tyler zunichtegemacht. Colin stellt zudem fest, dass seine Mutter nicht immer die beste Entscheidung für das Allgemeinwohl der Farm trifft, sondern sehr eigensüchtig handeln kann. Sie wirklich zu hinterfragen oder sich ihr in den Weg zu stellen getraut er sich dann doch nicht; immerhin ist sie seine gestrenge Mutter. Nichtsdestotrotz wird die Diskrepanz zwischen Mutter und Sohn größer, die bestehende Abhängigkeit kleiner.
Bei all den Geschehnissen, Geheimniskrämereien und Verschwörungen entgeht fast, dass Tyler doch nur auf die Farm kam, um die Verwerfungsspalte weiter zu erkunden. Lucinda hingegen wollte telepathischen Kontakt zum Drachenmädchen Desta aufnehmen ...

Fazit

Ein Pilz wächst im Gewächshaus heran, macht die Bewohner krank und sorgt für ein feuriges Finale. „Die Geheimnisse der Tinkerfarm“ nimmt sich offener Fragen des ersten Bandes an, schließt sie aber nicht alle, sodass die Sehnsucht auf den abschließenden dritten Teil der Trilogie geschürt wird. Trotz aller erzählerischen Ruhe finden Williams und Beale eine gesunde Mischung aus Action und Düsternis.

4 von 5 Punkten

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