Mittwoch, 6. Februar 2013

Rezension: Sturz der Titanen (Ken Follett)

Bastei Lübbe
Taschenbuch, 1038 Seiten
ISBN: 978-3-404-16660-2
12,99 €

Ein kurzer Einblick

Mit „Sturz der Titanen“ beginnt Ken Follett seine dreiteilige Jahrhundert-Saga, die uns ins 20. Jahrhundert führt. Im Zentrum stehen der Erste Weltkrieg, die russische Oktoberrevolution und der Kampf für Frauenrechte in England. Erzählt wird die Geschichte von fünf Familien: eine walisische Arbeiterfamilie, deren Sohn Billy mit 13 Jahren Bergarbeiter wird und dessen Schwester Ethel Dienerin im Haus von Earl Fitzherbert ist. Dessen Schwester Maud verliebt sich in Fitzherberts deutschen Freund Walter von Ulrich, der aus einer deutsch-österreichischen Aristokratenfamilie stammt. Die Brüder Grigori und Lew Peschkow wachsen als Waisen im zaristischen Russland auf und Gus Dewar, Sohn eines amerikanischen Senators, wird zu einem wichtigen Berater von Präsident Woodrow Wilson.

Bewertung

Nach dem Prolog, der im Jahr 1911 mit Billys erstem Arbeitstag als Bergmann beginnt, setzt die Handlung kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs ein. Ethel hat auf dem Landsitz von Earl Fitzherbert eine Affäre mit ihm. Als sie jedoch schwanger wird, wird sie entlassen und von ihrer Familie verstoßen, so dass sie nach London geht und sich für Frauenrechte einsetzt. Fitzherberts Schwester Maud wiederum verliebt sich in den Deutschen Walter von Ulrich, der mit Fitzherbert gut bekannt ist und mit seinem Vater Otto in der deutschen Botschaft in London arbeitet. Vor der deutschen Kriegserklärung an Russland heiraten Maud und Walter heimlich in London, in der Überzeugung, der Krieg werde bloß bis Weihnachten dauern und ein schnelles Wiedersehen möglich sein. Die Entwicklung in Russland wird uns durch die Brüder Grigori und Lew Peschkow näher gebracht, die nach dem Tod ihrer Mutter am Petersburger Blutsonntag 1905 Vollwaisen wurden. Beide arbeiten mittlerweile in den Putilow-Werken in St. Petersburg. Lew jedoch verdient sich durch Betrügereien immer wieder etwas dazu, bis er wegen Mordes gesucht wird. Grigori, der sich gerade seinen Traum, nach Amerika auszuwandern, erfüllen will, gibt Lew seine Schiffsfahrkarte und bleibt in Russland zurück. Dort muss er sich auch noch um die schwangere Geliebte seines Bruders, Katherina, kümmern, in die er heimlich verliebt ist. Des Weiteren kommt noch Gus Dewar vor, der aus einer amerikanischen Senatorenfamilie stammt und Berater insbesondere für europäische Außenpolitik für den amerikanischen Präsidenten Wilson ist. Zu Beginn reist er durch Europa, um militärische Informationen zu sammeln, was ihn z. B. auch in die Putilow-Werke führt. Anhand der Entwicklungen der Mitglieder dieser fünf Familien wird die Handlung weitergeführt, wobei die Geschichten immer wieder miteinander verstrickt werden. Dabei hilft gerade am Anfang das vorn im Buch aufgeführte Personenverzeichnis ungemein, da man doch, wenn ständig neue Personen eingeführt werden, schnell den Überblick verliert, wer nun wer ist und zu wem er in welchem Verhältnis steht.
Generell muss man sagen, dass sich Ken Follett mit diesem Buch ein Mammutprogramm vorgenommen hat. Die Geschichte während des Ersten Weltkriegs in Großbritannien, Deutschland, Russland und den USA zu behandeln, nichts Wichtiges auszulassen, dabei historisch annähernd korrekt zu bleiben und die Charaktere sich weiterentwickeln zu lassen, ist äußerst schwierig zu bewerkstelligen. Doch Follett gelingt dies, bis auf ein paar kleinere Abstriche, doch wieder einmal sehr gut. Die größeren historischen Zusammenhänge sind, soweit ich dies sehe, sehr angemessen und authentisch dargestellt. Es hilft aber ungemein, wenn man sich mit den Geschehnissen der Zeit etwas ausgeht. Ohne Vorkenntnisse über den Ersten Weltkrieg oder etwa den Kampf gegen den Zarismus in Russland wird man Einiges im Buch nicht gut nachvollziehen können. Zum Ende des Buches, insbesondere die Geschehnisse im Jahr 1918, da nehmen die geschichtlichen Ereignisse jedoch zu sehr die Überhand ein. Es wird viel zu sehr bloß berichtet, was wann geschah, anstatt sich den Geschichten der Charaktere des Buches zu widmen. Ständig springt man von einer Entwicklung in einem Land zum nächsten Land und kann der Handlung nicht mehr so gut folgen. Hier muss Follett doch etwas vor seiner Mammutaufgabe kapitulieren. Auch gerade die Amerika-Geschichte des Buches gefiel mir nicht besonders gut. Oft kommt sie nur sehr kurz vor, man merkt irgendwie, dass sie eben noch für später, wenn es um die Friedensverhandlungen nach dem Krieg geht, benötigt wird. Sie gestaltet sich nicht besonders interessant und dümpelt oft nur ein wenig nebenher.
Dies ist nun der dritte historische Roman, den ich von Ken Follett lese. Allmählich entdeckt man immer wiederkehrende Muster, denen sich der Autor in jedem seiner Bücher bedient. Dies sind einerseits oftmals ein wenig klischeehafte Beziehungen wie in diesem Roman die verbotene Liebe zwischen einem Deutschen und einer Engländerin oder die Affäre eines Dienstmädchens mit ihrem Vorgesetzten, die natürlich nicht besonders einfallsreich sind. Doch obwohl einem dies durchaus bewusst ist, gelingt es Follett trotzdem, dass man mit diesen Figuren mitfiebert. Insbesondere die Geschichte zwischen Maud und Walter, die sich aufgrund des Krieges nun jahrelang nicht sehen und nicht einmal schreiben können, fesselt den Leser enorm und macht die Leiden des Krieges, stark unterstützt durch die Schilderungen der Kämpfe in den Schützengräben, deutlich und mitfühlbar. Andererseits taucht in diesem Buch wieder der Konflikt zwischen Fortschrittlichen und auf der alten Ordnung Beharrenden auf, der selbstverständlich die Zeit um den Ersten Weltkrieg entscheidend prägte und von Follett sehr gelungen präsentiert wird. Auch überzeugt der sehr abwägende Erzählstil, der davon absieht, einen Alleinschuldigen für den Krieg, etwa Deutschland, zu suchen. Vielmehr zeigt Follett die Geschehnisse aus verschiedenen Blickwinkeln und macht deutlich, wie der Krieg von allen Seiten hätte verhindert werden können. Im Fokus steht die Herausstellung des Schreckens des Krieges für alle beteiligten Länder und seine sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen in allen Staaten, nicht die Suche nach einem Alleinschuldigen, den es, wenn man die Komplexität der Beziehungen der verschiedenen beteiligten Staaten bedenkt, auch gar nicht geben kann.

Fazit

Wieder ein gelungener historischer Roman von Ken Follett, der uns die Geschichte in Großbritannien, Deutschland, Russland und den USA während des Ersten Weltkriegs näher bringt. Er überzeugt durch eine sehr genaue Schilderung der historischen Ereignisse, die jedoch ab und zu zu sehr die Überhand einnehmen, aber sehr abwägend und verschiedene Blickwinkel einnehmend erläutert werden und den Roman zu einem großen Lesevergnügen machen. Hoffentlich geht es so weiter in Teil 2.

4 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen