Samstag, 9. Februar 2013

Interview: Christian Gailus

Lieber Herr Gailus, schön, dass Sie Zeit für ein Interview mit uns gefunden haben. Sie veröffentlichten kürzlich Ihren Debütroman bei Heyne, infiltrierten den Markt der Bücher: Ist die Weltherrschaft das hehre Ziel oder überlassen Sie dies lieber Dierk Gewesen?

Christian Gailus: Der Unterschied zwischen Dierk Gewesen und mir ist ja: Er macht´s aus Idealismus, ich für Geld. Und da gilt die einfache Formel: Je mehr Bücher verkauft werden, desto mehr Taler klingeln in meiner Tasche. Deshalb habe ich auch, nachdem das Buch draußen war, überall in Deutschland in den Buchhandlungen angerufen und mit verstellter Stimme mein Buch bestellt. Das Resultat war nicht so prickelnd: Die Läden haben die Dinger wieder an den Verlag zurückgeschickt, und ich hatte ´ne horrende Telefonrechnung.

Dierk Gewesen ist Kommissar bei der Polizei Hamburg, Abteilung zur holistischen Durchleuchtung extrem seltsamer Delikte. Lässt „Hellboy“ und Die Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen grüßen?

CG: Ui, das klingt plausibel. Und ich kenne Hellboy natürlich auch, allerdings nur als Film. Dierk und seine Abteilung habe ich allerdings schon 1998 oder so entwickelt, und zwar für ein Hörspiel, das der NDR dann auch produziert und ausgestrahlt hat. Seitdem habe ich immer wieder daran gedacht, ein Buch daraus zu machen. So ist mir die Abteilung vermutlich derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass mir die Ähnlichkeit zu Hellboy gar nicht mehr aufgefallen ist.
(Ich finde die Filme übrigens super und schätze die Arbeit von Guillermo del Toro sehr!)

Wenn Sie einen Vergleich zwischen Hörbuch und Buch ziehen: sind Sie lediglich bei den wesentlichen Details, die „Dierk Gewesen“ auszeichnen, geblieben oder haben Sie das Hörbuch möglichst getreu umgesetzt?

CG: Autoren sind ja faule Kerle, und deshalb dachte ich, als ich das Buch in Angriff genommen habe: Du schreibst einfach nur die Dialoge in Prosa um und ZACK! - fertig ist der Roman. Tja, beim Schreiben kam dann die große Ernüchterung, dass das so leider überhaupt nicht funktioniert. Anfangs habe ich auch noch an den wesentlichen Punkten der Hörspielstory festgehalten; aber letzten Endes ist so ziemlich alles rausgeflogen – bis auf die Charaktere. Die Hohlweltstory habe ich dann aus einem anderen Hörspiel adaptiert.

Wenn Sie von Ernüchterung sprechen, klingt dies nach Frust. Gab es als Ausgleich auch Szenen, die plötzlich einfach da waren, aus Tastatur/Stift heraussprudelten und riefen: Hier bin ich!?

CG: Ach, der Frust hielt sich in überschaubaren Grenzen. Dierk Gewesen und seine Abenteuer sind genau mein Humor – es war also das reinste Vergnügen, das Buch zu schreiben, und ich musste selber viel dabei lachen. Trotzdem ist es natürlich Arbeit, 250 Seiten Manuskript zu verfassen, die ein Verlag auch rausbringt. Da waren schon viele Überarbeitungen notwendig. Und richtig gute Witze schüttelt man (meist) auch nicht so einfach aus dem Ärmel. Ich würde mal sagen, Schweiß und Spaß hielten sich die Waage.

Lehrmethoden und Verbrechensbekämpfung lernte Dierk Gewesen im Kino. Wie effektiv hat sich diese Art der Fortbildung erwiesen? Vielleicht möchte Dierk Gewesen auch selbst zu Wort kommen?

Dierk Gewesen: Klar antworte ich! Weiß sowieso nicht, wieso Ihr diesen Schwätzer von Schreiberling zum Interview geladen habt. Der verdreht eh alles und hat von Tuten und Blasen keine Ahnung.
Zur Frage: Fakt ist doch wohl, dass die Wirklichkeit mittlerweile die Fiktion imitiert, sprich: Gangster planen ihre Verbrechen nach Methoden, die sie aus dem Kino kennen. Warum? Weil sie glauben, das Kino imitiere die Wirklichkeit. Und aus diesem Grund ist es nicht nur logisch, sondern absolut und total logisch, dass man im Kino das beste Handwerkszeug zur Verbrechensbekämpfung bekommt. Wer von Euch also eine Karriere bei der Polizei anstrebt, sollte sich ´ne Dauerkarte fürs Kino an der Ecke besorgen.
Weitere Tipps gibt´s übrigens auch hier: www.youtube.com/watch?v=I7qrxuz4Z6U

„Shoshona quali neq, wakan danka nuqua n´gu.“ Laut Ihrer Aussage auf Ihrer Website (www.dierkgewesen.de/#die_boesen), Dierk, ist dies ein indianisches Sprichwort. Gibt es dieses wirklich oder war Ihr genialer Verstand am Werkeln?

DG: Klar gibt es das wirklich! Hat mir ein mal ein alter Häuptling der Kurujawa beigebracht, der sein Pferd im Halteverbot geparkt hatte. Ursprünglich wurde es verwendet, um die bösen Geister der Ahnen in Schach zu halten. Dann stellten die Jungs aber fest, dass es sich auch hervorragend zur Behandlung von Fußpilz eignet.

CG: Äh, Entschuldigung, Dierk. Mir haben Sie gesagt, Sie hätten den Spruch auf der Herrentoilette vom „Blue Mambo Club“ gelesen und …

DG: Wer hat dich denn gefragt, Schreiberling! Und für dich immer noch: Herr Gewesen! Klar?!?

Herr Gailus, Dierk Gewesen lernt also nicht nur das Handwerkszeug im Kino, sondern liefert im Roman eine Vielzahl an Anspielungen von Filmklassikern. Sind Sie ein großer Filmfan?

CG: Nein, ich bin eher durchschnittlich, so eben über 1,75. Aber Kino find ich toll! Und wenn es eine Parallele zwischen Dier … äh, Herrn Gewesen und mir gibt, dann die, dass auch ich meine halbe Kindheit im Thalia-Kino in Hamburg verbracht und dort hunderte von Filmen meist mäßiger Qualität verschlungen habe. Auch heute gucke ich noch fast jeden Tag eine DVD auf meinem Rechner. Eine besondere Leidenschaft sind Tierhorrorfilme. Alleine mit Haien habe ich so an die 35 Stück.

Die absurde Zusammensetzung aus schrulligen Charakteren und aberwitzigen Handlungselementen empfand ich als erfrischende Auflockerung zwischen ernsten Krimis und (fast) immer ähnlichen phantastischen Storys. Warum gerade diese Charaktere, warum ein der Physik trotzender, schwebender Bus?

CG: Genau deshalb! Als ich mir Gewesen ausdachte (1998), waren gerade die ganzen ultrabrutalen Krimis a la Hannibal Lecter total in. Ich habe ein paar davon gelesen und hatte dann echt genug. Außerdem habe ich mich gefragt, wieso coole Leute in coolen Szenen immer cool rüberkommen? Wieso verspricht sich nie jemand im entscheidenden Moment? Wieso stolpert der Protagonist nicht bei der Verfolgungsjagd? Und wieso verhört sich der Angesprochene nie? Ich hatte einfach Lust auf einen Kommissar, der alles komplett umkrempelt, und damit war die Idee geboren, typische Genresituationen zu nehmen und gegen den Strich zu bürsten. Der Bus ist natürlich eine Mischung aus „Speed“ und „Die haarsträubende Reise in einem verrückten Bus“.

Was möchten / dürfen Sie schon über „Dierk Gewesen und das Geheimnis von Glamour City“ verraten? Wird es weitere Werke mit Dierk Gewesen geben?

CG: Laut meinem Vertrag darf ich nichts darüber verraten und muss mit Strafen bis zu 1 Million Yen rechnen, wenn ich was ausplaudere. Auf den Kommissar trifft das aber nicht zu.

DG: Das neue Buch wird ein Ritt durch die Zeit. „Zurück aus der Zukunft“ lässt grüßen. Ein fieser Obergangster beamt mich erst in die Vergangenheit, in der ich mich mit meiner fromm gewordenen Mutter und einer zur Nonne avancierten Rebecca herumschlagen muss; danach werde ich von einem unfähigen Wissenschaftler in die Zukunft verfrachtet, wo ich gegen Riesenspinnen kämpfen muss. Natürlich gelingt es mir, zurückzukommen – doch da hat der Oberschurke bereits sein oberschurkisches Werk auf den Weg gebracht: Glamour City! Und worum es sich dabei handelt und ob es mir gelingt, erneut die Welt zu retten – dafür müsst Ihr schon selber zum Buch greifen.

CG: Von mir aus gibt es weitere Abenteuer. Ich hätte Lust und Ideen für weitere Bände. Ob sie erscheinen werden, entscheidet der Verlag; und der war vom Verkauf des ersten Buches nicht so überwältigt. Klar, Dierk Gewesen spricht per se schon mal ein kleineres Publikum an. Aber irgendwie hatte Heyne mit mehr durchgeknallten Lesern gerechnet und gehofft, der Kerl würde zum Kultobjekt taugen. Allerdings wissen die auch, dass sich ein Kult entwickeln muss, deshalb erscheint auch auf jeden Fall Band 2. Ob es dann weitergeht, entscheiden dann letzten Endes die Verkaufszahlen.

Wollen wir das Beste hoffen!
Ich möchte mich nun noch zwei aktuellen Themen zuwenden. Sind Sie für, gegen oder gespaltener Meinung über eBooks?

CG: Ich habe noch nie eins gelesen. Aber ich kann mir vorstellen, dass eBooks sich über kurz oder lang durchsetzen werden. Vielleicht dauert das noch einige Jahrzehnte – und irgendwo in einem dunklen Kämmerlein wird es jemanden geben, der Bücher in gedruckter Form hortet. In tausend Jahren wird dieses Archiv dann von Archäologen geöffnet, sie werden ein Exemplar von „Dierk Gewesen“ in die Hand nehmen und erleichtert seufzen: Gut, dass wegen so einem Schund keine Bäume mehr geschlachtet werden müssen!

Political correctness – Die Diskussion über Kinderbuchklassiker, deren nicht mehr zeitgemäße Wörter ausgetauscht bzw. gestrichen werden, ist groß. Was denken Sie über Stiefel, die nicht mehr gewichst, sondern geputzt werden müssen, oder über Pippi Langstrumpfs Vater, den Negerkönig, der kein Negerkönig sein darf?

CG: Ich bin kein PC-Freund. Ich finde, jeder sollte selbst ein Gefühl dafür entwickeln, was korrekt und was nicht. Das ist – zugegebenermaßen – nicht immer ganz leicht, aber genau das ist ja der Punkt: Dass man sich die eigene Meinung erarbeiten muss und dadurch Kompetenz erlangt. Ich selbst habe mir auch ziemlich viele Gedanken gemacht, als ich meiner Tochter Pipi Langstrumpf vorgelesen habe. Soll ich jetzt „Neger“ sagen oder nicht? Anfangs, als sie noch klein war, tat ich es nicht. Als wir das Buch dann später noch mal gelesen haben, habe ich gesagt und dazu erklärt, wieso man den Begriff nicht gegenüber Menschen gebrauchen sollte. Das hat sie in diesem Moment sicherlich nicht in seiner ganzen Tragweite verstanden; aber es war der Anfang eines Sensibilisierungsprozesses – und zwar für beide Seiten: Für meine Tochter und für mich.

Zum Abschluss darf (Eigen-)Werbung erlaubt sein. Warum sollte man ausgerechnet „Dierk Gewesen“ lesen? Welchen Roman würden Sie Ihren Lesern empfehlen?

Man sollte Dierk Gewesen lesen, weil das Buch mehr enthält, als das Äußere verspricht. Davon bin ich überzeugt. Logisch, es ist ein humoristisches Buch und der Humor ist sicher nicht jedermanns Sache. Zum Beispiel hätte ich gedacht, dass es auf Frauen eine eher abschreckende Wirkung hat. Dann habe ich ein „Betreutes-Lesen-Projekt“ gemacht, bei dem fast nur Frauen mitgemacht haben – und die Reaktionen waren zum größten Teil sehr positiv. Deshalb finde ich: Gebt Gewesen eine Chance!

Was kann ich empfehlen? Ehrlich gesagt, lese ich gar nicht so schrecklich viele Romane. Der letzte, den ich ganz gelungen fand, war „Gottes Gehirn“ von Jens Ohler und Olaf-Axel Burow. Wer richtig lachen möchte, dem empfehle ich „Macho Man“ von Moritz Netenjakob. Und dann noch „Blackout“ von Marc Elsberg – der war echt super!
Ach so, und für die, die sie noch nicht kennen: Die Per Anhalter-Bücher von Douglas Adams. Die haben mich in meinem Humor ziemlich geprägt.

Herr Gailus, wir danken Ihnen herzlich für das Interview!

Interview vom 09. Februar 2013
Dieses Interview führte Benjamin Kentsch für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.

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