Samstag, 12. Januar 2013

Rezension: Nosferatu 2. Para Bellum (Peru/Martino)

Splitter
Hardcover, 56 Seiten
ISBN: 978-3-86869-450-5
13,80 €

Ein kurzer Einblick

Nosferatu, der Vampir aller Vampire - er sah die Kreuzigung Jesu, diente den römischen Kaisern und wird im Hier und Heute in eine gegen ihn gerichtete Verschwörung verstrickt. Nach einem Schlaf von einem halben Jahrhundert kehrt seine Erinnerung zurück und sein Schicksal offenbart sich.

Bewertung

Sind Vampire wirklich die blutrünstigen und gefühllosen Monster? Im ersten Band »Si Vis Pacem« beäugte Olivier Peru kritisch seinen eigenen Vampir-Mythos und ließ viele Fragen ungeklärt. Diese sollen sich in »Para Bellum« klären - aber natürlich auch neue Fragen für den abschließenden dritten Teil aufwerfen.
Nosferatu erstand in Bombay auf und erlangte frische Kräfte. Die Vampire ergriffen Maßnahmen, um ihren alten Herrn zu eliminieren, denn sie sahen ihre Autonomie in Gefahr. »Para Bellum« wendet sich ab vom Weltenentwurf und der Einführung der Gruppierungen und hin zur Lebensgeschichte des unerbittlichen Vampirjägers Erick und dem Jahrhunderte überdauernden Nosferatu. Nur ein Bruchteil der Handlung spielt in der heutigen Zeit. Die eigentlichen - und persönlichen - Lebensgeschichten Ericks und Nosferatus liegen fern in der Vergangenheit begründet und werden durch Rückblenden aufgedröselt. So entsteht ein stringentes Bild von Hass, Rache und leidenschaftlicher Liebe, dass sowohl Erick als auch Nosferatu nicht im Licht des stereotypen Vampirjägers bzw. Blutsaugers erscheinen lässt; obwohl selbstsüchtige Charakterzüge ihre gerechtfertigte Lebenseinstellung kaschieren.

Konnte Band 1 nur schwer darüber hinwegtäuschen, dass »Si Vis Pacem« ein aufgeblähte Prolog ist, festigt »Para Bellum« seine Substanz aus aufgeworfenen Fragen und baut die tiefgründige und ausgefeilte Story auf überraschende Weise weiter aus. Die Ursprünge Nosferatus liegen zur Zeit Jesu Christi verborgen, als sein Name Nusferrha war. Die Geschichtsschreibung unterliegt der künstlerischen Freiheit (Jesu Geschichte wird neu interpretiert), sodass Geschichtsfanatiker nur mit einem Auge lesen sollten. Auch Ericks grausame Vergangenheit wird gelüftet und erklärt seine Wandlung vom Familienvater zum Vampirjäger. Dass zuvor filigran gespannte Netz verhärtet und kann erneut mühelos vereinnahmen.
Dies liegt aber auch - abermals - darin begründet, dass sich »Para Bellum« wie ein Film liest. Hier kann ich nur meine Worte zum ersten Teil wiederholen:
Bildübergänge und Zeitsprünge wirken wie ein langsam laufender Filmraffer und erwecken somit ein bezauberndes Kinogefühl. (...) [A]uch die großartige zeichnerische Qualität bis ins Detail lässt das Auge staunen und wundern. „Nosferatu“ wirkt weniger wie ein Comic, denn wie ein gemaltes Kunstwerk. Farbdetails, Schattierungen, Mimik und Gestik verleihen der Graphic Novel ein nahezu reales Erscheinungsbild. Es entsteht eine atmosphärische Geschichte mit brutal-blutigen Einschüben, die sowohl künstlerisch als auch erzähltechnisch voll und ganz überzeugen kann.
Das Figurengeflecht dröselt sich auf bzw. wird vereinfacht, da sich die Graphic Novel vorrangig auf Erick und Nosferatu konzentriert. Querverbindungen und überraschende Charakterkonstellationen sind nicht ausgeschlossen, aber im Vergleich zum ersten Band reduzierter anzutreffen, da sie öfters handlungstechnisch vorhersehbar sind.
Ericks Rachegelüste und die Jagd auf die Vampire haben so z.B. gar nichts mit dem Vater der Vampire in direkter Linie gemein, sondern sind ein Zufallsprodukt aus vergangenen Tagen und den Entwicklungen in der heutigen Zeit; man könnte sagen: Ihre Lebenslinien haben sich zur falschen Zeit am falschen Ort getroffen. Das Gespinst aus Eifersucht respektive Rache tragen sowohl Erick als auch Nosferatu gemeinsam und macht die beiden auf gewisse Weise zu Verbündeten. Anders als von mir erwartet, rückt das Geschlecht der Vampire gar nicht mal so sehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit - wobei es natürlich eine zentrale Rolle spielt! -, sondern wird ihre Entstehungsgeschichte erzählt. Aufgedeckte Geheimnisse und Konsequenzen dürften damit dramatischen Einfluss auf das finale Ende im dritten Band nehmen.

Thematisch haben sich die seelischen Abgründe der Figuren durch die ausführliche Schilderung der Vergangenheit vervielfacht. Wurde im ersten Band die Geschichte der Vampire mit Gesellschaft, Feinden und Ursprüngen angerissen, um ein weitgefasstes Bild des Universums zu vermitteln, erhält das Vampirgeschlecht nun handfesten Boden - dessen Ursprung allerdings wiederum im Schatten der Zeit verborgen liegt. Blutdurst und Grausamkeit mögen die wesentlichsten Eigenschaften sein, Gefühle und Emotionen mögen schon im ersten Band wichtige weitere Charaktereigenschaften gewesen sein - in »Para Bellum« wird die Menschlichkeit entdeckt. Und gehört zur Menschlichkeit nicht auch das vampirische Grundmuster nach Liebe, Ansehen und Macht? Was differenziert den Vampir vom Menschen?

Fazit

»Nosferatu. Para Bellum« ist nicht nur eine meisterhafte Graphic Novel, sondern toppt sogar »Si Vis Pacem«, denn das Gefühl eine aufgeblähte Story zu lesen, ist verflogen und dem Staunen eines komplexen Universums gewichen. Die Beziehungen der Figuren verdichten sich, arbeiten auf das Finale zu und der Ursprung, die Entstehung des Vampirs bereiten Überraschungen geschichtlichen Ausmaßes.

4 von 5 Punkten

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