Donnerstag, 17. Januar 2013

Rezension: Eiseskälte (Arnaldur Indridason)

Bastei Lübbe
Hardcover, 396 Seiten
ISBN: 978-3-7857-2462-0
19,99 €

Ein kurzer Einblick

Mit Eiseskälte hat Arnaldur Indriðason nun den 11. und damit auch letzten Fall um den eigenwilligen Kommissar Erlendur und sein Team von der Kriminalpolizei Reykjavik veröffentlicht. Dieser spielt diesmal in den Ostfjorden Islands, wohin Erlendur gereist ist, um sich seiner Vergangenheit zu stellen. Denn dort hat er vor vielen Jahren seinen kleinen Bruder im Schneesturm verloren. Jahrzehnte davor gerieten englische Soldaten in den Bergen in ein Unwetter, dem auch eine junge Frau zum Opfer fiel, deren Leiche jedoch niemals gefunden wurde. Das Schicksal dieser Frau lässt Erlendur nicht los und er setzt alles daran zu klären, was damals geschehen ist…


Bewertung

Nachdem in den letzten beiden Islandkrimis von Indriðason die Kollegen von Kommissar Erlendur im Mittelpunkt standen, taucht nun endlich wieder der sympathische, wenn auch sehr eigene Erlendur selbst auf. Er ist zurück in seine Heimat, die Ostfjorde, gereist und versucht sich mit dem Schicksal seines kleinen Bruders auseinanderzusetzen, den er während eines Schneesturms in den Bergen verloren hat und dessen Leiche niemals gefunden wurde. Seinen immerwährenden Drang danach, im Schnee Verschollene oder Umgekommene zu finden und ihre Geschichte aufzuklären, kennen wir aus den vorherigen Romanen um Erlendur. Auch diesmal erfährt er durch einen Fuchsjäger mehr über englische Soldaten, die während des Zweiten Weltkrieges auf einem Höhenpfad in ein Unwetter gerieten. Die meisten konnten damals gerettet und die wenigen, die umkamen, zumindest gefunden werden. Die Leiche einer Frau jedoch, die damals während des Unwetters ebenfalls auf dem Höhenpfad unterwegs war, wurde niemals entdeckt. Dies weckt wiederum die Neugier von Erlendur, der beginnt, sich mit den noch wenigen lebenden Verwandten der Frau in Verbindung zu setzen, um das Rätsel um den Verbleib der Frau endgültig zu klären.
In diesem Roman kommen wir dem sehr distanzierten Kommissar Erlendur so nah wie noch nie. Die Geschichte seiner Kindheit, die von dem tragischen Tod seines Bruders Breddur überschattet wird, wird ausführlich erzählt. Man fühlt mit Erlendur mit, der immer wieder von Selbstvorwürfen geplagt wird, war er es doch, der den Vater überredete, Breddur zu dem Ausflug in die Berge mitzunehmen und der im Unwetter von Breddur getrennt wurde. Man erlebt, wie sehr diese Unklarheit Erlendur belastet, nicht zu wissen, was genau mit seinem Bruder geschehen ist. Woraus sich sicherlich auch erklären lässt, warum solche Vermisstenfälle ihn immer wieder in ihren Bann ziehen. So versucht er schließlich in diesem Fall auch wieder, den Angehörigen der vermissten Frau zumindest Klarheit darüber zu verschaffen, was mit dem von ihnen geliebten Menschen geschehen ist, damit sie zumindest damit abschließen können. Ob dies gelingen wird?
Den Roman durchzieht abermals wie die Vorgängerwerke eine schwere Melancholie, die Indriðason äußerst überzeugend zeichnet. Wieder tauchen viele Charaktere auf, denen der Autor ein erfülltes Leben verweigert, die einsam ihren Lebensabend verbringen und deren Dasein von einer Tragödie in ihrer Vergangenheit überschattet wird. Auch die Schilderung der rauen isländischen Landschaft, in der Abgeschiedenheit und Vermisstenfälle charakteristisch sind, trägt zu dieser Stimmung bei, die Indriðason mit einer sehr schlichten Erzählweise und einer langsam steigenden Spannung wieder gelungen aufbaut. Und was bedeutet diese Stimmung für das Ende der Reihe um Erlendur, der wie auf dem Buchrücken angekündigt in seinem letzten Fall ermittelt? Passt dazu überhaupt ein klares Ende? Diese Frage beschäftigte mich während des Lesens die ganze Zeit, was dadurch verstärkt wurde, dass es, ähnlich wie in den anderen Romanen, immer wieder einzelne Kapitel gibt, die nicht die Hauptgeschichte weiterführen. Meist nutzt Indriðason diese, um die Sicht des unbekannten Täters darzustellen, doch diesmal begleitet man jemanden, der sich über Kälteresistenz Gedanken macht und zu erfrieren scheint. Handelt es sich um Erlendur?

Fazit

Das Buch ist ein würdiger Abschluss der Erlendur-Reihe. Es lebt von diesem speziellen isländischem Flair, das Indriðasons Romane stets auszeichnete, und einer sich langsam aufbauenden Spannung einerseits, was die Geschichte der vermissten Frau angeht, und andererseits, was mit Erlendur geschieht. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

4 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen