Mittwoch, 2. Januar 2013

Rezension: Ein plötzlicher Todesfall (Joanne K. Rowling)

Carlsen Verlag 
Hardcover, 576 Seiten 
ISBN 978-3-551-58888-3 
24,90 €

Ein kurzer Einblick

In der englischen Kleinstadt Pagford stirbt unerwartet Barry Fairbrother, ein Mitglied des Gemeinderates, der sich vor allem für eine Sozialsiedlung eingesetzt hat. Um seinen Sitz im Gemeinderat entwickelt sich nunmehr ein erbitterter Wahlkampf zwischen zwei Parteien. Auf der einen Seite die, die sein Werk weiterführen möchten, und auf der anderen Seite die, die seine Pläne verhindern wollen.

Bewertung

Joanne K. Rowlings erstes Buch für Erwachsene. Egal, in welchem Internetportal oder in welcher Zeitung oder Zeitschrift das Buch besprochen wurde, immer wieder kam man auf den Vergleich zu Harry Potter zurück. Man kann einwenden, dies läge auf der Hand nach dem herausragenden Erfolg der sieben HP-Romane, doch meiner Meinung nach sollte man versuchen, dieses neue Buch unabhängig von Harry Potter zu bewerten. Es hat rein gar nichts mit der Zauberwelt um Hogwarts zu tun und sollte für sich allein stehend beurteilt werden.
Das Buch beginnt direkt mit dem unerwarteten Tod von Barry Fairbrother. Als Mitglied des Gemeinderates setzte er sich für das Elendsviertel der Kleinstadt und speziell für eine Schülerin (Krystal) ein, die aus diesem Viertel stammt und bei ihrer drogenabhängigen Mutter lebt. Krystal wirkt zunächst wie eine typische Jugendliche aus ärmlichen Verhältnissen, die auf dem besten Wege ist, den Weg ihrer Mutter in den Drogensumpf nachzuahmen. Man tappt hier direkt in die üblichen Vorurteile, doch es zeigt sich schnell, dass Krystal einen weichen Kern besitzt, der sich vor allem in ihrer mütterlicher Fürsorge für ihren kleinen vernachlässigten Bruder äußert, den sie jedoch hinter einem ruppigen Ton und versuchter Coolness versteckt. Barry jedoch ließ sich von ihr nicht täuschen, holte sie ins Ruderteam der Schule und förderte sie. Nach Barrys Tod entwickelt sich nun ein Kampf um seinen vakant gewordenen Sitz im Gemeinderat zwischen den Bürgern, die das gesamte Elendsviertel und die im Ort ansässige Drogenklinik am liebsten weghaben möchten und denen, die Barrys Kampf für die Unterschicht weiterführen wollen. Die Geschichte wird dabei aus der Sicht verschiedener Charaktere weitergeführt, so dass man viele Familien und ihre Konflikte kennen lernt. Die Spanne reicht von ihre Kinder terrorisierenden Vätern über gelangweilte Ehefrauen, die sexuelle Erregung durch Boybands suchen, auf die ihre Töchter stehen, bis hin zu rebellierenden Jugendlichen, die vor allem mit Hilfe des Internets ihren verhassten Eltern Einiges heimzahlen. Doch gerade die Erzählweise, die zu Beginn noch darunter leidet, dass man die ständig neu eingeführten Personen nur schwer einordnen kann, verleiht dem Roman eine große Vielschichtigkeit und hilft einem, die Geschehnisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. So wirkt Barry etwa lange Zeit als der wirklich Gute, bis man die Sicht seiner Witwe kennen lernt, die ihm sein großes Engagement für die Sozialsiedlung übel nimmt, da es auf Kosten der Familie geschah. 
Insgesamt entwirft Rowling ein sehr ernüchterndes, negatives Bild der englischen Kleinstadt, das jedoch sehr realistisch wirkt, auch wenn man diese unangenehmen Wahrheiten am liebsten nicht hören bzw. lesen möchte. Unterstützt wird diese bittere Atmosphäre durch eine sehr derbe Sprache, die in erster Linie die Jugendlichen benutzen, und herrlichen schwarzen Humor, den man wohl als typisch britisch bezeichnen kann. So musste ich beim Lesen einige Male wirklich herzhaft lachen. Die einzigen Kritikpunkte, die ich sehe, sind zum einen einige Abschnitte ungefähr zur Hälfte des Buches, in denen die Handlung ein wenig schleppend vorangeht. Zum anderen sind ein paar Charaktere doch ein wenig zu klischeehaft gezeichnet, worüber man jedoch schnell hinwegsehen kann, da ansonsten die Problematik der Beziehungen verschiedener Gesellschaftsschichten zueinander sehr angemessen und mit viel Feingefühl behandelt wird.

Fazit

Ein gelungenes Buch, das nicht davor zurückschreckt, unangenehme Dinge unserer Gesellschaft und die Vorurteile zwischen den verschiedenen Gesellschaftsschichten anzusprechen. Insbesondere Rowlings Fähigkeit, gesellschaftliche Probleme angemessen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und dies mit bitterem Humor zu spicken, überzeugt. Somit insgesamt ein wirklich tolles Lesevergnügen trotz der zwei kleinen erwähnten Minuspunkte!

4,5 von 5 Punkten

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