Sonntag, 20. Januar 2013

Rezension: Die Säulen der Erde (Ken Follett)

Bastei Lübbe
Taschenbuch, 1295 Seiten
ISBN: 978-3-404-11896-0
12,99 €


Ein kurzer Einblick

Ken Folletts berühmter Bestsellerroman führt uns ins England des Hochmittelalters. Im Jahr 1120 verliert König Heinrich I. durch den Untergang des „White Ship“, das seinen einzigen legitimen Sohn an Bord hatte, seinen Thronfolger, so dass nach seinem Tod im Jahr 1135 ein 20jähriger Bürgerkrieg zwischen seiner Tochter Mathilde und seinem Neffen Stephan um die englische Krone ausbricht, die so genannte „Anarchy“. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund entwickelt Ken Follett die Geschichte um den Bau einer großen Kathedrale im fiktiven Ort Kingsbridge, der immer wieder von den äußeren Umständen überschattet wird.

Bewertung

Der Prolog des Buches setzt sehr mysteriös im Jahr 1123 ein und berichtet von einer Hinrichtung eines der Menschenmenge unbekannten Mannes auf einem Marktplatz, der einen silbernen Kelch gestohlen haben soll. Drei anwesende, ebenfalls unbekannte Männer – ein Ritter, ein Mönch und ein Priester – sorgten für seine Verurteilung. Kurz vor der Hinrichtung beginnt der Mann schließlich auf Französisch zu singen, es scheint sich also um einen Adligen oder Fremden zu handeln. Dabei sieht er immer wieder ein Mädchen in der Menge an, die offensichtlich schwanger ist und die während der Hinrichtung die drei unbekannten Männer verflucht und dann flüchtet. Der Verurteilte stirbt.
Die eigentliche Geschichte setzt schließlich mit dem Jahr 1135 ein, also zur Zeit des Todes von Heinrich I. Schauplatz ist in erster Linie der Ort Kingsbridge mit seinem Kloster, dessen neugewählter Prior Philip die marode Priorei wieder in Stand setzen will. Dazu träumt er auch davon, eine neue eindrucksvolle Kathedrale zu errichten. Diese beginnt er schließlich mit dem Baumeister Tom, der mit seinen Kindern Alfred und Martha und seiner Partnerin Ellen und deren Sohn Jack nach Kingsbridge gekommen ist, zu planen. Dabei müssen sie sich immer wieder neuer Probleme erwehren, die zum einen von dem intriganten Bischof Waleran ausgehen, der den Bau der Kathedrale unbedingt verhindern will, und die zum anderen auch durch die blutigen Auseinandersetzungen des Bürgerkriegs entstehen. Ein zweiter Erzählstrang behandelt die Geschichte der Grafentochter Aliena, deren Vater, der Graf von Shiring, als Verschwörer verhaftet wird und seinen Titel an den adligen Percy Hamleigh verliert. Auf sich allein gestellt, muss Aliena für sich und ihren Bruder Richard sorgen und baut schließlich ein Wollhandelgeschäft in Kingsbridge auf. Über all diesem hängt stets die Geschichte des Prologs, deren Aufklärung nur allmählich geschieht und über deren Bedeutung man immer wieder rätselt.
Ken Follett zeichnet in „Säulen der Erde“ ein beeindruckend akkurates Bild des Lebens im Mittelalter. Durch seine detaillierten Beschreibungen des Alltagslebens der Menschen sieht man den Ort Kingsbridge vor seinem geistigen Auge auferstehen, die Figuren wirken sehr lebendig, man kann ihre Sorgen und Probleme, aber auch Freude regelrecht mitfühlen und gewinnt Figuren wie Jack und Philip einfach lieb. Auch insbesondere die negativen Aspekte dieser Zeit, wie etwa die Macht und Willkür des Adels im Umgang mit seinen Untertanen und die Ohnmacht eben dieser, werden gelungen und überzeugend herausgestellt. Man sitzt immer wieder fast fassungslos vor dem Buch und fragt sich, wie früher Menschen mit derartigen Ungerechtigkeiten durchkommen konnten, und weiß unser heutiges (wenn auch nicht perfektes) Justizsystem sehr zu schätzen. Ich habe auf jeden Fall selten solch ein authentisches Bild des Mittelalters in einem Roman vorgefunden.
Verstärkt wird dies durch die Architekturgeschichte, die einen großen Teil des Buches einnimmt. Man lernt sehr viel über den Bau von Kathedralen, den allmählichen Wandel von Romanik zur Gotik, der sich im Laufe des Romans vollzieht, was jedoch niemals zu theoretisch und tröge erläutert wird. Follett gelingt es, diese Thematik sehr anschaulich und interessant darzustellen und in die Geschichte passend einzubetten. Insbesondere die Veranschaulichung, mit welchen doch begrenzten Mitteln diese riesigen Bauwerke geschaffen wurden, überzeugt. Die These vom dunklen Mittelalter, das nichts hervorgebracht habe und was Bildung und Können angeht, der Antike und der Neuzeit in allem nachstehe, kann allein, wenn man an diese Bauwerke denkt, als blanker Unsinn bezeichnet werden.
Zwei kleine Kritikpunkte habe ich aber noch anzumerken. Dies betrifft zum einen die Person von Bischof Waleran, der Philip klarmacht, dass er den Bau der Kathedrale auf jeden Fall verhindern werde. Im Laufe des Buches vergehen jedoch oftmals Jahre, bis dieser überhaupt irgendetwas unternimmt, um dies wahr zu machen. So wirkt Walerans Drohung doch sehr unrealistisch und scheint nur dazu da zu sein, die Gefahr, dass der Bau der Kathedrale nicht gelingt, zu dramatisieren. Zum anderen werden die Zeitsprünge gegen Ende des Buches immer größer, man verliert dadurch ein wenig den Kontakt zu den Figuren und auch der weitere Bau der Kathedrale wird dadurch nicht mehr so anschaulich wie zu Beginn beleuchtet.

Fazit

Insgesamt findet man in „Säulen der Erde“ eine tolle Geschichte vor, die einen kaum mehr loslässt. Man ist am Ende wirklich traurig, dass das Buch nicht weitergeht und man die Figuren nicht weiter begleiten kann. Überzeugen tut vor allen Dingen die Darstellung der damaligen Zeit, selten habe ich einen Roman gelesen, in dem das Leben im Mittelalter so authentisch gezeichnet wird. Und auch die Beschäftigung mit der damaligen Baukunst macht den Roman zu einem ganz besonderen Lesevergnügen!

4,5 von 5 Punkten

Kommentare:

  1. Eines meiner Lieblingsbücher! Zeitsprünge stören mich nicht - im Gegenteil, ich finde es spannend, wenn viel Zeit vergangen ist und man erst mit der Zeit erfährt, was in der Zwischenzeit geschah.

    LG,
    Heidi, die Cappuccino-Mama

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  2. Ich habe generell auch nichts gegen Zeitsprünge, ich fand nur, es fiel ein wenig auf, dass Ken Follett am Ende allmählich die Ideen ausgingen, wie er den Bau der Kathedrale noch weiter gefährden kann. Ihm fehlte ein wenig genug Handlung für die letzten Jahre, die er aber noch vergehen lassen musste, da der Bau so eines großen Bauwerks nun einmal viele Jahre dauert.

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