Dienstag, 8. Januar 2013

Rezension: Das Schneemädchen (Eowyn Ivey)

Kindler
Hardcover, 464 Seiten
ISBN: 978-3-463-40621-3
19,95 €


Ein kurzer Einblick

In den 1920er Jahren versucht das Ehepaar Jack und Mabel, sich eine neue Existenz in Alaska aufzubauen. Beide sind um die 50 Jahre und entgegen ihrem Wunsch kinderlos geblieben. Das raue Leben im kalten Alaska setzt ihnen immer mehr zu und führt zu einer steigenden Distanzierung zwischen beiden. Doch als der erste Schnee des Winters fällt, packt sie ein seltener Übermut und sie bauen ein kleines Schneemädchen. Am nächsten Tag ist von dem Schneekind nur noch ein Schneehaufen übrig und die Handschuhe und der Schal, die sie dem Schneemädchen angezogen hatten, sind verschwunden. Da entdecken sie plötzlich ein kleines Mädchen am Waldrand…

Bewertung

Dieses Erstlingswerk von Eowyn Ivey, die selbst in Alaska aufgewachsen ist und immer noch dort lebt, mutet wie ein modernes Märchen an. Nachdem Mabel und Jack das kleine Mädchen entdeckt haben, erinnert sich Mabel daran, dass ihr Vater ihr immer eine Geschichte vorgelesen hat, die von einem alten Ehepaar handelte, das sich stets ein Kind gewünscht hat, aber nie eins bekommen konnte. Eines Tages formten sie ein kleines Mädchen aus Schnee, das lebendig wurde und somit ihren Kinderwunsch zu erfüllen schien. Doch die Geschichte endete tragisch, das Mädchen schmolz dahin. Mabel ist nun der Auffassung, dass das Mädchen aus dem Wald ebenso aus Schnee geschaffen wurde. Jack hingegen geht wesentlich rationaler an die Sache heran und fragt sich, warum denn ein kleines Mädchen allein im Wald zu leben scheint, und will dem auf den Grund gehen. Der Leser selbst steht zwischen beiden Ansichten. Man fragt sich die ganze Zeit, ist das Mädchen nun real, aus Fleisch und Blut oder nur eine Phantasie von Jack und Mabel, die sich ein Kind wünschen?
Der zweite Haupterzählstrang befasst sich mit der Entwicklung von Jacks und Mabels Ehe. Zu Beginn leben sie sehr distanziert voneinander, Jack kümmert sich allein um die Feldarbeit und möchte Mabels Hilfe nicht. Diese sorgt sich nur um den Haushalt. Nach der harten Arbeit ist Jack meist viel zu erschöpft, um sich abends noch mit Mabel zu beschäftigen, so dass sie kaum miteinander kommunizieren. Mit der Zeit verbessert sich ihr Verhältnis, sie freunden sich mit ihren Nachbarn an, fühlen sich durch die Besuche des Mädchens mehr wie eine Familie und Mabel kann nach einem Unfall von Jack beweisen, dass sie auch für die Feldarbeit nicht zu zimperlich ist. Diese Entwicklung der Beziehung von Jack und Mabel wird sehr feinfühlig und gelungen von Ivey erzählt. Man kann zu Beginn des Buches die Einsamkeit beider regelrecht mitfühlen, insbesondere die Rauheit und Kälte Alaskas, die beiden zusätzlich zusetzen, schwappen einem direkt entgegen. Man sieht vor seinem geistigen Auge das Leben im Alaska des frühen 20. Jahrhunderts auferstehen, erlebt den harten Alltag als Farmer mit, wird zurückgeführt in diese Welt ohne viel Technik, die detailliert und authentisch beschrieben wird.
Dieses Mitfühlen verliert man jedoch ein wenig im Laufe des Buches, das zumindest mich gegen Ende nicht mehr so stark wie zu Beginn fesseln konnte. Man liest immer noch eine gelungene Erzählung, doch diese „Magie“, die vor allem den ersten Teil kennzeichnete, geht meines Erachtens verloren. Dies dürfte auch damit zusammenhängen, dass man immer mehr über das Schneemädchen erfährt und es nicht mehr so geheimnisvoll wirkt, je länger die Geschichte sich fortsetzt. Das Schneemädchen wirkt zu Beginn so rein und unschuldig, verliert diese Eigenschaften jedoch durch seinen Kontakt zu Menschen stetig. Nur das Ende kann die märchenhafte Stimmung zu Beginn des Buches wieder ein wenig hervorholen.

Fazit

Eine liebevolle Geschichte, die durch ihre märchenhafte Stimmung, ihre anschauliche Darstellung des harten Lebens zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Alaska und ihre einfühlsame Schilderung des Kinderwunsches eines älteren Ehepaares überzeugt!

4 von 5 Punkten

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