Freitag, 25. Januar 2013

Rezension: Als hätten wir alle Zeit der Welt (Lucie Whitehouse)

S. Fischer Verlag
Taschenbuch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-596-17473-7
8,95 €


Ein kurzer Einblick

Einige Monate lang verbringen Joanna und ihre Freunde aus Unizeiten ihre Wochenenden auf Stoneborough Manor in der englischen Provinz. Joannas bester Freund Lucas hat dieses Herrenhaus nach dem Selbstmord seines geliebten Onkels geerbt. Während Joanna und Lucas sich annähern, merkt Joanna, dass das Haus eine seltsame Wirkung auf ihre Clique und vor allem auf Lucas ausübt. Sie muss sich entscheiden, wie sie wirklich zu Lucas steht, bis es auf Stoneborough Manor zur Eskalation kommt…

Bewertung

Lucie Whitehouse stellt ins Zentrum ihres Erstlingswerks eine Geschichte um Freundschaft, Liebe, Verrat und ums Erwachsenwerden. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht von Joanna, die gemeinsam mit ihren Freunden aus Studienzeiten ihre Wochenenden in Stoneborough Manor verbringt, das ihr bester Freund Lucas von seinem Onkel geerbt hat. Lucas muss den plötzlichen Selbstmord seines Onkels erst noch verarbeiten und will seine Freunde und vor allem Joanna um sich haben. So kommt es schließlich auch zur von den Freunden lang erwarteten Annäherung zwischen Lucas und Joanna. Doch ihr anfängliches Glück wird immer stärker durch Veränderungen in Lucas´ Wesen überschattet. Er kann es sich nun leisten, seinen Anwaltsberuf an den Nagel zu hängen und sich der Schriftstellerei zu widmen. Joanna gefällt diese Entwicklung Lucas´ jedoch überhaupt nicht, der sich unter der Wirkung seines neuen Hauses sehr zu verändern scheint. Dies belastet zusehends ihre noch junge Beziehung, bis die Situation auf Stoneborough Manor vollkommen eskaliert.
Ich habe schon sehr lange nicht mehr so ein gutes Erstlingswerk eines Autoren/einer Autorin gelesen. Man bekommt Spannung von der ersten bis zur letzten Seite und kann das Buch kaum aus der Hand legen. Es wartet immer wieder mit überraschenden Wendungen auf. Zu Beginn denkt man noch, das klingt nach einer üblichen Geschichte. Zwei alte Freunde finden endlich zueinander, jeder außer der beiden wusste bereits, dass sie füreinander bestimmt sind, und endlich merken sie es selber. Doch bei diesem Buch irrt man sich damit völlig. Es ist keine übliche Liebesgeschichte, deren Ende bereits zu Beginn annähernd vorhersehbar ist. Vielmehr behandelt es Fragen rund um alte Freundschaften, wie diese weiter bestehen können, wenn alle Personen sich weiterentwickeln, neue Wege einschlagen, auch ob diese überhaupt so gute Freundschaften waren, wie man es sich immer weisgemacht hat. So geht es in diesem Roman vor allem auch ums Erwachsenwerden. Sollte man an seiner Vergangenheit und alten Freunden festhalten, egal wie weit man sich vielleicht voneinander entfernt hat, oder mehr seinen Blick in Richtung Zukunft richten, neue Menschen in sein Leben lassen und Vergangenes abschließen? Das Buch stellt diese Thematik äußerst gelungen anhand der Schilderung der Beziehungen innerhalb der Clique dar.
Dies wird unterstützt durch eine sehr überzeugende Darstellung der Psyche der Hauptpersonen. Man kann sich in jede Person sehr gut hineinversetzen, fühlt ihre Freude und Sorgen mit und kommt ihr sehr nahe. Jede Beziehung innerhalb der Clique beschreibt Whitehouse sehr authentisch und tiefgründig. Man erkennt übliche Gefühle und Konflikte, die sicher in jedem Freundeskreis vorkommen. Insbesondere das wechselnde Verhältnis zwischen Joanna und Lucas wird sehr gut herausgearbeitet. Man erlebt mit, wie aus einer guten Freundschaft Liebe werden kann oder eben nicht, aber auch wie sehr einen Menschen Eifersucht und emotionale Abhängigkeit verändern können. Über all dem hängt die düstere Atmosphäre des Herrenhauses, die dem Roman eine überzeugende finstere Stimmung verleiht. Einen halben Punkt muss ich aufgrund des Endes abziehen, das leider dem ansonsten großartigen Roman nicht ganz gerecht wird und zu vorhersehbar war.

Fazit

Ein tolles Debüt von Lucie Whitehouse, das großartige Spannung und psychologischen Tiefgang bietet. Insbesondere die tiefgründige Darstellung der Beziehungen innerhalb der Clique und das tolle Herausarbeiten der Probleme beim endgültigen Erwachsenwerden überzeugen absolut. Dieses Buch kann man nur weiterempfehlen.

4,5 von 5 Punkten

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