Freitag, 18. Januar 2013

Rezension: Pulsarnacht (Dietmar Dath)

Heyne
Paperback, 432 Seiten
ISBN: 978-3-453-31406-1
13,99 €


Ein kurzer Einblick

Der Mensch des 21. Jahrhunderts existiert nicht mehr. Generationen sind vergangen und der Mensch der Zukunft bevölkert den Weltenraum. Grundbedürfnisse haben die Zeiten überdauert, aber neue Formen angenommen. Als sich die Pulsarnacht ankündigt, wird offenbar, dass die letzten Rätsel des Universums gelüftet werden können ...

Bewertung
‎«Wer niemanden tötet und nichts dergleichen befielt, macht etwas Wichtiges richtig - auch wenn der Friede nicht soweit reicht, dass man auf Maßnahmen zum Schutz des eigenen Lebens verzichtet, dachte César.« (Seite 113)
Die Welt, wie wir sie kennen, ist seit Jahrhunderten vergangen. Die Menschen brachen in die Fernen des Universums auf, entdeckten neue Lebensformen, Planeten und lüfteten Geheimnisse, wie wir sie noch nicht einmal im Ansatz in Erwägung gezogen haben.Über unermessliche Zeiträume hinweg veränderte sich das gesellschaftliche System und ließ das gemeine Geld zurück: Einzig und allein Ideen und Erfahrungen sind von Wert und das Handelsgut der Zukunft. Unaufhörlich breitete die Menschheit sich aus, besiedelte unbewohnte Planeten und erschuf sich ihr eigenes Reich in den Weiten des Alls. Irgendwann jedoch musste die Demografie mit Kontrolle von Lebenszeit im Verhältnis zur Fortpflanzungsrate rigoros durchgreifen. Diese anfänglichen Sezierungen des dath‘schen Weltenbaus spiegeln lediglich zwei Staubkörner im gigantischen und komplexen Konstrukt wider, das Dietmar Dath entworfen hat. Sein Universum beruht auf der Pulsar-Astronomie. Pulsare werden auch Neutronensterne genannt. Wem dieser Sternentyp noch immer nur eine gerunzelte Stirn hervorlockt, sei auf das Glossar am Ende des Buches hingewiesen, das auch Wörter wie z.B. Tlalok und sTlalok, C-Feld, Athotür oder twiSicht erklärt - mit mäßigem Erfolg (dazu an anderer Stelle mehr). Ob der Grundbaustein des Romans nun bekannt ist oder nicht, der Weltenbau ist innovativ, umgeht Stereotypen und nimmt frohen Mutes seinen eigenen, kreativen Weg. Beispielhaft seien hier stichpunktartig die intelligenten Lebensformen genannt: Obwohl menschenähnlich, erinnern die Custai eher an Reptilien und die Binturen hinterlassen einen hundeartigen Eindruck. Auch die Dims sind dem Menschengeschlecht nicht weit entfernt; ihre Art verrichtet den Custai Sklavendienste. Exotisch und neuartig sind die Medeen und die Tlaloks. Die Medeen sind planetengroße Wesen, die den kosmischen Raum selbst bewohnen (weshalb sie in früheren Zeiten auch für Planeten gehalten wurden). Die Tlaloks zeichnen das Bewusstsein ihres Wirts auf und ermöglichen diesem die twiSicht.
»Pulsarnacht« ist eine Space Opera mit Verstand. Das Setting ist kreativ, unverbraucht und spannend aufgebaut und die Handlung fesselnd in Szene gesetzt. Das Universum lässt an Nichts zu wünschen übrig, aber was ist mit den Figuren? Sympathisch oder unsympathisch gibt es nicht. Man hasst die Charaktere ebenso sehr wie man sie liebt. Man wünscht Freund und Feind (soweit Freund und Feind voneinander zu trennen sind) sowohl den Tod als auch eine friedlichere Zukunft. Eine differenzierte Ausarbeitung und die Aufhebung von (un-)sympathisch, taucht Figuren und Handlung in farbige (sic!) Grautöne und hebelt die Schwarzweißmalerei aus ihrer zu oft verwendeten festen Verankerung. Dietmar Dath geht geradezu obszön intensiv auf die Charaktere ein, um ihre Motive, Ängste und Handlungsentscheidungen zu erörtern. Das nimmt der Geschichte drastisch Wind aus den Segeln, aber keinesfalls das Interesse - im Gegenteil! Spannung wird durch überraschende Wendungen in der Story erzeugt. Und die Dialoge ... sind im großen Teil sehr intellektuell. Dies spricht im Übrigen nicht nur auf die Dialoge, sondern auch auf die Erzählstimme Daths‘ zu, der versucht die Wissenschaftliche Basis mit entsprechendem Vokabular und Satzbau zu honorieren und zu untermauern. Das führt dazu, dass der Roman durch eine komplizierte Ausdrucksweise schwer zugänglich ist. Sprachliche Verspieltheit und Doppeldeutigkeiten der Sinnhaftigkeit fordern den Leser heraus. Es kommt nicht selten vor, dass ein Satz doppelt gelesen werden muss, um verstanden zu werden, oder ein Absatz erst zwanzig Seiten später seinen Sinn offenbart. Trotz der leserischen Herausforderung lässt sich »Pulsarnacht« flüssig lesen.

Fazit

An der sprachlichen Ausdrucksweise scheiden sich die Geister - landet der Roman direkt im Stapel der ausrangierten Bücher oder wird er in die Vitrine gestellt zur allgemeinen Bewunderung? Ich mag keine Entscheidung fällen, sodass ich auch auf die Punktevergabe verzichten möchte. Welten- und Charakterbau überzeigen ohne Wenn und Aber, die Spezies, die das Universum bevölkern, werden nicht nur geschichtlich in das Jetzt eingeordnet, sondern mit ihrer Jahrhunderte währenden Geschichte vorgestellt; so gesehen ist »Pulsarnacht« ein gnadenlos meisterhafter Roman.

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