Mittwoch, 9. Januar 2013

Interview: Thomas Plischke (2)

Wie sah Ihre Recherchearbeit zu diesem Buch aus? Haben Sie Bücher/Filme/Serien über Superhelden und Mutanten gelesen bzw. geschaut?

Das tue ich zugegebenermaßen schon seit Jahren. Superhelden begleiten mich schon seit meiner frühesten Kindheit. Mal fröne ich dieser Leidenschaft mit mehr, mal mit weniger Begeisterung. Aktuell bin ich wieder sehr angefixt.
Aber arbeiten wir die Liste der Inspirationsquellen mal der Reihe nach ab und fangen mit allerlei Gedrucktem an: Bei den Büchern habe ich mich im Rahmen einer anderen Arbeit (um genau zu sein, einem Artikel über die Verquickung von Politik und (Super-)Heldenverehrung in der US-amerikanischen Gesellschaft für das Sci-Fi-Jahr 2009) vor allem auf die Sekundärliteratur beschränkt. Bei den Comics hingegen kämpfe ich mich mittlerweile seit Jahren hauptsächlich durch die X-Men und ihre zahllosen Ableger (und zwar chronologisch, was manchmal alles andere als leicht ist).
Nun zum Film: Auf der großen Leinwand hat das Superhelden-Genre in jüngster Zeit ja sehr viel Nachschub erhalten (was mich ungemein freut), und viele dieser Verfilmungen bieten zumindest interessante visuelle Eindrücke, auch wenn sie beileibe nicht alle in Sachen Plot oder Charakterzeichnung hitverdächtig sind.
Bei den Serien hingegen bin ich etwas genervt davon, dass Heroes nach einem grandiosen Start unglaublich viel Potenzial verschenkt und es einfach nicht schafft, das Überangebot an handelnden Figuren sinnvoll zu beschneiden oder sich auch nur von immer abstruseren Zeitreisestories zu lösen. Ansonsten bin ich nach wie vor traurig, dass 4400 eingestellt wurde – aus heutiger Sicht kann man vielleicht unken, ich hätte für "Kalte Krieger" gehörig bei Heroes abgekupfert, doch 4400 hatte wahrscheinlich einen größeren Einfluss auf meinen Roman. Einen brandaktuellen Tipp muss ich aber loswerden: Aktuell läuft im britischen Sender E4 die Serie "Misfits" – eine schauspielerisch wie filmisch großartige Auseinandersetzung mit dem Thema "normale Menschen mit Superkräften". In der Welt würden sich auch Amy und Nina wohlfühlen!

Woher kam die Inspiration einen Roman über Menschen mit Superkräften zu schreiben? Ist das vielleicht ein lang gehegter Traum?

In der Tat, diesen Traum hatte ich schon seit Jahren. Aber woher stammt diese Information? Hat da jemand etwa auch mysteriöse Kräfte? Zum Beispiel Telepathie. Oder habe ich wieder nur zu viel im Interview verraten?
Der Frage nachzugehen, was normale Menschen mit solchen Kräften anstellen würden, ohne auf die zahlreichen Klischees aus den Comics zurückzugreifen – wie etwa den Zwang zum Cape tragen oder zum Verbrechenbekämpfen – und stattdessen deutlich mehr Wert auf Psyche und Innenleben der Figuren zu legen, reizt mich wirklich schon sehr, sehr lange. Bei Piper hatte ich nun glücklicherweise die Möglichkeit dazu.

In dem Buch laufen zwei Handlungsstränge, mit Zeitunterschied, parallel ab. Haben Sie beim Schreiben immer die Perspektiven gewechselt, oder haben Sie erst den einen Handlungsstrang zu Ende geschrieben und sich dann dem Zweiten zugewendet?

Da muss ich gestehen, dass ich mal wieder zwischen allen Stühlen sitze. Manchmal habe ich gewechselt, manchmal aber auch mehrere Kapitel einer Perspektive direkt hintereinander geschrieben. Erst einmal nur einen Handlungsstrang fertigzustellen, gerade wenn beide ja doch sehr eng zusammenhängen, war mir ehrlich gesagt zu gefährlich. Zu leicht passt so etwas dann vorne und hinten nicht.

Was hat Sie dazu veranlasst diese Geschichte in Amerika spielen zu lassen? Bietet Amerika einem Autor mehr Möglichkeiten als Deutschland?

Ich habe ja vor einer gefühlten Ewigkeit mal Amerikanistik studiert. Es war ein wirklich tolles Studium, das meine Faszination für das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" noch bestärkt hat. In Amerika ist einfach fast alles größer als in Europa: Die Berge, die Straßen, die Hochhäuser, aber eben auch die Radikalität des Kapitalismus und der Wille zur kriegerischen Auseinandersetzung mit anderen Nationen. Daher kann man eine Geschichte um Menschen mit übermenschlichen Kräften natürlich sehr gut dort ansiedeln.
Ursprünglich hatte ich angedacht, die Geschichte in Deutschland spielen zu lassen. Dabei wäre es dann sehr viel stärker um eine Ost-West-Problematik gegangen – zugleich hätten die Protagonisten aber deutlich älter sein müssen und die Kräfte (oder zumindest deren Entdeckung) wären wohl etwas stärker in den Hintergrund gerückt. Der Verlag brachte dann jedoch das ausgezeichnete Argument, dass man die Geschichte auch nicht zuletzt deshalb gut in Amerika unterbringen konnte, weil die Idee des Superhelden ziemlich untrennbar mit den USA verknüpft scheint. Das hat wiederum andere, ganz neue Möglichkeiten eröffnet, und im Nachhinein halte ich das auch für die richtige Entscheidung – und wer weiß, vielleicht kommen die Kalten Krieger auch mal nach Deutschland ...

Die Hauptprotagonisten sind in beiden Handlungssträngen Frauen. Männer spielen in diesem Roman nur Nebenrollen. Wieso haben sie Frauen gewählt als im Mittelpunkt stehende Charaktere?

Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht! Irgendwie faszinieren mich Frauen (aber das geht wohl vielen Männern so). Insbesondere starke Frauen, die sich ihrer Stärke allerdings erst bewusst werden müssen, liegen mir einfach. Starke Männer gibt es unter uns gesagt schon viel zu viele. Noch dazu kommt natürlich, dass diese Perspektive eine größere Herausforderung für mich ist: Meine Frauenfiguren sollen keine Männerfantasien (denn auch davon gibt es viel zu viele), sondern "realistische" Personen sein. Daher habe ich mit vielen guten Freundinnen, Bekannten und auch der Familie gesprochen, um mir ein besseres Bild davon machen zu können, was Frauen anders als Männer macht – jenseits der Klischees von Kinder, Küche, Kirche. Selbstredend ist das nur mein persönlicher Eindruck, aber hoffentlich erkennt sich die eine oder andere Frau darin wieder.

Der Klappentext des Romans verrät, dass auch Amy Superkräfte besitzt. Im Buch selber kommen diese Superkräfte erst am Ende zum Vorschein. Allerdings gibt es im Buch kleine Hinweise, die darauf schließen lassen. Wie viel Einfluss haben sie als Autor auf den Klappentext?

Darauf habe ich so gut wie keinen Einfluss, aber das ist vielleicht auch ganz gut so. Als Autor stecke ich oft viel zu tief in meinem Text drin, als dass ich eine gute Zusammenfassung dazu schreiben könnte – irgendwie ist ja alles wichtig! Beim Verlag hingegen sitzen Profis, die sich damit einfach besser auskennen.
Das große Problem bei "Kalte Krieger" ist sicher, dass zwar Thriller draufsteht, es aber ein eindeutiges phantastisches Element gibt. Solche "unrealistischen" Elemente stören jedoch manche Thriller-Leser zutiefst, also muss man dafür sorgen, dass diese Leser sich nicht betrogen fühlen – was ich wiederum gut und richtig finde. Andererseits wird unter Umständen schon ein bisschen zu viel im Klappentext verraten. Aber na ja, ich hoffe, es gibt trotzdem noch ein paar Wendungen und Überraschungen im Text, mit denen man nach dem Klappentext nicht gerechnet hatte.

Das Buch endet doch ziemlich abrupt, nachdem Amy ihre Kräfte entdeckt hat. Haben Sie sich damit ein Hintertürchen offen gelassen für eine mögliche Fortführung der Geschichte? Oder können sie sich vorstellen auch andere Charaktere des Buches näher zu beleuchten? Zum Beispiel, wie es Jewel nach dem Camp ergangen ist?

Da habe ich mich wohl am ehesten von modernen Thrillern inspirieren lassen. Die enden nämlich auch gerne mal relativ abrupt und ohne dass alles aufgeklärt wird. Es gibt ja durchaus ein paar Erklärungen im Buch. Wären diese länger ausgefallen, hätte das meiner Meinung nach zu viel Druck aus der Geschichte herausgenommen – zugleich spiegelt diese Offenheit natürlich auch den Zustand wider, in dem Amy sich am Ende befindet. Was noch aus ihr werden wird, weiß sie ja selbst einfach nicht.
Eine Fortsetzung kann ich mir sehr gut vorstellen, und das würde mich auch reizen. Sowohl Beaumont als auch Jewel oder auch Amys Familie böten noch reichlich Stoff für Geschichten (und dazu habe ich natürlich auch schon ein paar Entwürfe und Notizen). Ob es aber so weit kommt, hängt schlichtweg vom Erfolg des Buches ab. Aktuell habe ich ja eine ganze Reihe von Projekten auf dem Tableau: Vor allem die Zerrissenen Reiche, die ja zügig zu einem möglichst furiosen Abschluss gebracht werden sollen (aktuell sitze ich an Band 3 & 4). Da die Reaktionen auf "Die Zombies", das im März erscheint, schon jetzt so überwältigend gut sind, muss ich da auch schon über eine Fortführung nachdenken. Und dann hat der Verlag bereits Interesse an einigen weiteren Projekten angemeldet, die ich im (nicht mehr ganz) jugendlichen Eifer eingereicht habe. "Kalte Krieger"-Teil 2 ist also ein schönes Kann, aber kein drängendes Muss, und so ist es mir ehrlich gesagt auch am liebsten.

Wenn Sie sich eine Superkraft ihrer Protagonisten aussuchen könnten, welche würden Sie sich für sich selbst wünschen?

Schwierige Frage ... am ehesten wünschte ich mir wohl die Selbstheilungskräfte des bärbeißigen Detectives. Ich bin ganz schön wehleidig, und damit hätte ich dann keine Probleme mehr. Noch dazu würde ich auf jeden Fall ein hohes Alter erreichen und könnte immer behaupten, dass "früher alles besser war (und aus Holz, jawohl)". Walter Moers' Alter Sack war mir einfach schon immer sympathisch.
Alternativ könnte ich mich wohl auch mit Amys Elektrokinese anfreunden. Meinen Mitmenschen ab und an einen Schlag zu verpassen, wenn sie sich besonders dumm anstellen (ja, ich wäre ein grausamer Weltherrscher), fände ich bisweilen durchaus nützlich – in letzter Zeit haben sich vor allem Teile unserer gewählten Volksvertreterschaft einen solchen Impuls redlich verdient. Vielleicht ließe sich so das eine oder andere kalte Herz wieder wärmer machen. Doch noch nützlicher wäre es sicher, keine Batterien und keine Steckdosen mehr zu brauchen. Ständig vergesse ich mein Handy aufzuladen oder mein Netbook hat auf einer Reise keinen Saft mehr, und meine eigene Vergesslichkeit ist dann doch noch ärgerlicher als ein im Grunde sicherlich lieber Mitmensch, der wegen einer Nichtigkeit wie Kleingeldzählen an der Supermarktkasse meinen leicht zu weckenden Groll auf sich zieht.

Dieses Interview führte Jana Quade für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.

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