Mittwoch, 9. Januar 2013

Interview: Thomas Plischke (1)

Bitte stellen Sie sich doch erstmal unseren Lesern einmal vor. Wen hat man sich unter dem NamenThomas Plischke vorzustellen?

Zunächst mal einen bedauerlicherweise frühzeitig ergrauenden Menschen vom Planeten Erde (Sonnensystem Sol, vor Alpha Centauri einfach links abbiegen), meist mit einem T-Shirt mit Aufdruck bekleidet, gerne im Cordanzug und fast immer am Reden, Lesen, Schreiben und/oder Rauchen. Ansonsten bin ich im persönlichen Umgang auch mal etwas zurückhaltend, bis ich mit meinem Gesprächspartner warm geworden bin. Das hat der Pfälzer meines Jahrgangs (1975) manchmal so an sich, wenn er nicht genügend Wein zu trinken bekommt.

Wie kann man sich Ihre Zusammenarbeit mit ihrem Co-Autor Ole Johan Christiansen vorstellen?

Sie kennen bestimmt das Engelchen und das Teufelchen aus den Cartoons, oder? So in etwa, als eine Art Kreuzung aus den beiden, muss man sich Ole vorstellen – mit den feinen, aber entscheidenden Unterschieden, dass er viel größer ist, einen Bart hat und für meine eher schmächtigen Schultern ein bisschen zu viel auf den Rippen hat, um bequem darauf Platz nehmen zu können.
In Bezug auf Ideen verhält Ole sich gerne wie ein Sechsjähriger: Ständig schleppt er neue Einfälle an und möchte sie zu einem richtigen Roman oder anderen Text hochpäppeln. Bei manchen geht das, andere hingegen sind in freier Wildbahn wesentlich besser aufgehoben.
Scherz beiseite: Viele Grundideen stammen von Ole, der ständig dabei ist, sich mit allerlei Ideen und kulturellen Erzeugnissen auseinanderzusetzen, auf die man als Grenznerd so steht. Gemeinsam entwickeln wir dann aus den Resultaten dieses Vorgangs ein umsetzbares Konzept. Anschließend mache ich mich daran, das Ganze in die Form eines Romans zu bringen, während Ole ein Vorlektorat macht und sich um all die „Kleinigkeiten“ wie Verträge, Exposés und Verlage kümmert.

Wie entwickeln sich Ihre Ideen? Können Sie uns den Vorgang von der ersten Idee bis zum fertigen Buch beschreiben?

Am Anfang steht immer ein Grundgedanke, der Ole oder mich umtreibt. Bitte fragen Sie mich aber nicht, woher diese Ideen kommen, denn das kann wohl kaum ein Kreativer mit absoluter Gewissheit sagen. Sie entstehen einfach – manchmal steigen sie langsam wie eine Gasblase aus dem Morast des Halbbewussten, ab und zu trifft einen der berühmt-berüchtigte Geistesblitz aus heiterem Himmel, und gelegentlich muss man einen groben Klotz, der einem schon seit einiger Zeit quer im Hirn sitzt, zu einem einigermaßen ansprechenden und handlichen Projekt zurechtschnitzen. Aus der Idee wird dann jedenfalls ein grobes Vorkonzept, das wiederum zu einem Kurzexposé ausgebaut wird. Das legen wir dann dem Verlag vor, und wenn der sein Okay gibt, machen wir uns an die Vorplanung und die eigentliche Umsetzung. Im Anschluss geht das Buch an unsere internen wie externen Lektoren, die ihre Anmerkungen und Änderungen bei uns einreichen. Diese kommentiere ich gemeinsam mit Ole. Danach geht der endgültige Text an den Verlag, der ihn setzen und ein Cover dazu erstellen lässt – den fertig gesetzten Text erhalten wir als Ausdruck (die sogenannte (Druck-Fahne) ein weiteres Mal, um noch letzte Korrekturen vornehmen zu können. Aktuell liest unsere Frau diese Fahnen gegen, da sie einen etwas unbelasteteren Blick auf das Geschreibsel hat. Und dann wird das Buch auch schon bald gedruckt und kommt in die Läden.
Insgesamt dauert das alles im Optimalfall zwischen einem halben und einem ganzen Jahr, und manchmal ist es schon ein bisschen komisch, wenn man schon längst am nächsten Text sitzt und plötzlich das fertige Buch in der Post bekommt, mit dem man gefühlt bereits vor Urzeiten abgeschlossen hat.
Übrigens bildet der Text, an dem ich aktuell sitze, da eine Ausnahme. Wir haben probeweise dem Verlag schon vorab einen Teil des Textes geschickt, und unsere bezaubernde Lektorin Michelle (viele Grüße an dieser Stelle an sie) fand das anscheinend so spannend, dass sie jetzt regelmäßig Nachschub einfordert. Zum Glück ist sie gerade im Urlaub, sodass ich fleißig vorschreiben kann *lacht*

Benutzen Sie beim Schreiben bestimmte Rituale? Zum Beispiel eine feste Schreibzeit? Oder schreiben Sie eher nach „Lust und Laune“?

Rituale… *überlegt* Nein, bestimmte Rituale habe ich nicht, sehr wohl aber einen relativ festen Tagesablauf. Ich stehe zwischen acht und neun Uhr auf (morgens, wohlgemerkt), lese dann immer noch in Ruhe eine Stunde und setze mich anschließend an meinen Computer, um bis abends gegen 18 oder 19 Uhr zu schreiben (manchmal wird es auch etwas länger oder kürzer, je nach Tagesform). Einen solchen Tagesablauf empfinde ich als sehr wichtig für mich. So übertreibt man es nicht mit der Arbeit, aber zugleich untertreibt man es auch nicht, sondern bleibt für einige, überschaubare Stunden sehr konzentriert – und meist auch einigermaßen produktiv.

Was für ein Gefühl hatten Sie, als Sie Ihr erstes gedrucktes Buch in der Hand gehalten haben?

Puh, auch wenn es bei mir schon eine ganze Weile zurückliegt, kann ich mich trotzdem noch sehr gut an diesen Moment erinnern. Bei mir war es damals die übersetzte Fassung eines Rollenspielbuchs, und es war ein wirklich schönes Gefühl, wie all die ganzen Word-Seiten sich plötzlich in etwas Fassbares und Greifbares verwandelt hatten. So ähnlich ging es mir dann auch bei meinem ersten Roman: Allerdings war das Gefühl noch wunderbarer, denn schließlich hatte man keine Vorlage, mit dem man ihn vergleichen konnte, musste, wollte. *seufzt* Das Gefühl stellt sich übrigens auch heute noch ein, obwohl man in Gedanken oder tatsächlich – wie oben erwähnt – oft schon beim nächsten Text ist. Viele Autoren reden von ihren Texten als Babies, und ich kann diesen Vergleich voll nachvollziehen: Die Veröffentlichung ist so was wie eine Geburt – also aufregend, spannend, wunderbar und auch mit ein bisschen Bammel verbunden –, nachdem man vorher lange mit dem Buch quasi schwanger ging.

Für Ihre Leser sind Sie sehr „nah“ und greifbar dank Ihrer Internetpräsenz. Finden Sie das wichtig für die Leser?

Ja und nein. Einerseits finde ich, dass man sich nicht gegenüber neuen Entwicklungen und Möglichkeiten wie dem Internet in all seinen faszinierenden Spielarten verschließen sollte. Andererseits möchte ich dort auch keinen kompletten Seelenstriptease betreiben. Manche Aspekte meines Lebens sind einfach privat und sollen das auch bleiben (unter anderem auch deshalb, weil meine Seele an einigen Stellen dann doch eher unansehnlich ist und gewisse Teile meines Privatlebens bestürzend langweilig sind). Über meine Bücher, andere Texte sowie die eine oder andere persönliche Ansicht zu Gott und der Welt tausche ich mich aber wirklich gerne aus. Ich schreibe meine Bücher nicht (nur) für mich, sondern auch, weil ich Menschen Freude machen und Spaß bereiten möchte – wenn sie manchmal über das Zeug, was ich ihnen so präsentiere, nachdenken und diese Gedanken mit mir teilen möchten, dann ist mir das natürlich auch mehr als recht.
*schmunzelt* Wenn ich also ganz ehrlich bin, dann ist die Nähe zum Leser wohl eher für mich wichtig, und ich kann nur darauf hoffen, dass die Leser sie auch weiterhin nutzen und auf mich zu kommen – das Autorendasein kann nämlich ab und an ziemlich einsam sein, und dann freut man sich wie ein Schneekönig, Botschaften von „irgendwo dort draußen“ zu erhalten, wo die echten Menschen wohnen.

Sie halten auch Lesungen. Wie ist es für Sie so nah vor Ihren Fans zu sitzen. Können Sie sich an eine besondere Lesung erinnern?

Abgesehen von einer Handvoll Getreuer, denen ich in schöner Regelmäßigkeit virtuell oder von Angesicht zu Angesicht begegne, kann man bei mir von einer echten Fankultur wie beispielsweise bei Markus [Heitz] und Tom [Finn] wohl noch nicht sprechen.
Lesungen finde ich aktuell vor allem spannend, um Menschen meine Bücher näherzubringen. Gleichzeitig finde ich aber auch insbesondere die Diskussionen und Fragen im Anschluss hochinteressant – da sind wir nämlich wieder bei der in der vorherigen Frage angesprochenen Nähe zum Leser.
Sehr gut kann ich mich noch an die Premierenlesung zu „Die Zwerge von Amboss“ erinnern. Da kamen wirklich Dutzende von Bekannten, Freunden, Vertretern des Verlages und andere Interessierte, um mir zuzuhören. Das ist schon ein tolles Gefühl, auch wenn ich vorher immer schrecklich nervös bin und gehetzt wirke. Ende des Jahres wird es wohl auch eine Premierenlesung zu „Kalte Krieger“ geben, und darauf bin ich auch schon sehr gespannt…

Sie schreiben nicht nur Romane und Kurzgeschichten, sondern auch Drehbücher für Hörspiele. Sind Sie selber ein Fan von Hörspielen?

Ehrlich gesagt wäre es eine dreiste Übertreibung, wenn ich mich als waschechten Hörspielfan und Teil dieser eingeschworenen Community bezeichnen würde. Ich mag Hörspiele, aber ich habe nie eine Reihe gesammelt oder höre sie gar jeden Abend. Aber sowohl Ole als auch unsere Frau Verena sind Fans, und wir haben eine ganze Menge Hörspiele zu Hause, sodass ich ihnen natürlich nicht entgehen könnte – selbst wenn ich das wollte. Für mich ist es aber eher toll, mal mit einer anderen Form des Erzählens zu experimentieren – ganz zu schweigen davon, dass die Arbeit mit Patricia und Udo von Audionym einfach immer ein echtes Fest ist und riesig Spaß macht.
Mich würden allerdings durchaus andere Formen wie das Computerspiel oder gar ein Film bzw. eine Fernsehserie reizen – aktuell bin ich aber mit den Büchern auch mehr als zufrieden.

In „Die Ordenskrieger von Goldberg“ entwickeln sich Ihre Charaktere weiter. Ein gutes Beispiel dafür ist Karu Schneider. Haben Sie schon die Storyline im Kopf, oder passiert es, dass sich ihre Charaktere verselbständigen und Sie hinterher selber überrascht sind?

Die Storyline für einen Roman oder auch eine Reihe wie „Die Zerrissenen Reiche“ steht schon, bevor ich mit dem eigentlichen Text anfange. Das ergibt sich aus der Arbeitsweise von Ole und mir, wie ich sie weiter oben kurz umrissen habe. Das heißt jedoch nicht, dass Figuren im Laufe des Schreibens nicht plötzlich überraschende Facetten gewinnen oder sich weiterentwickeln, und gerade Karu ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Ursprünglich – also zu Beginn der Planungsphase – war sie nur als Randfigur gedacht, wurde dann aber immer wichtiger und schließlich zu einer der Schlüsselfiguren der gesamten Reihe. An der eigentlichen Marschroute der Geschichte ändert das aber nur wenig. Sie wird nun nur in Teilen durch eine andere Perspektive vermittelt, als es zu Beginn den Anschein hatte. Ansonsten sind unsere Vorplanungen in der Regel zu langfristig angelegt, als dass man sie „fünf vor zwölf“ noch umschmeißen könnte.

Religion und Logik stehen sich sowohl in „Die Zwerge von Amboss“, als auch in „Die Ordenskrieger von Goldberg“ im Vordergrund. Was hat Sie dazu gebracht diese Themen in diese Reihe einfließen zu lassen?

Nach dem Ende des Kalten Kriegs hat sich der zentrale Konflikt in unserer Welt ja sehr stark auf die Schlagworte „Fundamentalismus“ und „aufgeklärte Demokratie“ verlagert. Meiner Meinung nach ist die Welt aber nicht so leicht in zwei Lager zu unterteilen, und wenn das in unserer Welt der Fall ist, warum sollte es in der Fantasy anders sein? Diesen Konflikt verarbeite ich also für mich und die Leser neben vielen anderen Themen im Rahmen der Reihe – ein Patentrezept, wie man sinnvoll mit diesem Konflikt umgeht oder ihn löst, habe ich aber nicht parat. Das verstehe ich auch nicht als Teil meiner Rolle als Autor. Jeder Mensch und jeder Leser sollte sich dazu seine eigenen Gedanken machen. Ich kann bestenfalls Denkanstöße liefern.

In den zerrissenen Reichen hat die Sprache der Zwerge ihre Eigenwörter wie Zapfen, Klapperkopf und Kiesel. Wie sind Sie auf diese Sprachkreationen gekommen und warum verwenden sie dieses Stilmittel?

Im Rahmen unseres Studiums hatten Ole und ich einige sehr interessante Gespräche zum Thema Sprache und fiktionale Welten (sowohl in Verbindung als auch getrennt zueinander). Ganz einfach gesagt sprechen die Zwerge im Bund natürlich kein Deutsch, sondern sie sprechen Zwergisch. Wenn ich den Text aber in Deutsch drucke, ist er also quasi ins Deutsche übertragen worden. Warum sollte ich aber Namen und Orte, die ihre Bezeichnung direkt aus dem Zwergischen haben, nicht auch übertragen? Jeder Zwerg würde die Bedeutung ja kennen, und dieses Wissen will ich dem Leser nicht vorenthalten – erst recht nicht deshalb, weil es scheinbar oder auch nur angeblich innerhalb des Fantasy-Genres „schick“ ist, nur exotische Namen zu verwenden.
Bei den Redewendungen hingegen handelt es sich immer um mehr oder minder wörtliche Übertragungen, die das Naturell einer Sprache und damit eines Volks vermitteln, zugleich aber auch noch für den Leser verständlich und in ihrer Bedeutung nachvollziehbar bleiben müssen. Bei den Menschen beispielsweise dreht sich vieles um die Herren und um Ackerbau. Bei den Zwergen aber geht es vor allem um Steine, Bergbau und unterirdisches Leben, weil sie davon über Jahrhunderte hinweg geprägt worden sind. Der aufmerksame Leser wird sich jetzt aber vielleicht fragen: Moment, gab es bei den Zwergen nicht das Bergvolk und das Seevolk. Wo genau sind denn die Seefahrtsmetaphern? Tja, auch dabei habe ich mir natürlich etwas gedacht. Was genau wird aber noch nicht verraten *lächelt diabolisch*

Können Sie uns schon verraten wie es mit Garep, Sira und den anderen weitergehen wird?

Vielleicht wissen Sie, dass die Reihe ursprünglich auf nur vier Bände angelegt war, die aber in sich jeweils zwei Teile haben sollten (wie Hammer und Amboss in „Die Zwerge von Amboss“). Aufgrund der Länge haben wir diese Bände dann aber geteilt – will meinen, das dritte Buch ist also eigentlich die zweite Hälfte vom zweiten Band. Es ist sozusagen das Spiegelbild von „Die Ordenskrieger von Goldberg“. Während wir in den Ordenskriegern ja vor allem Wert auf Action und den Krieg der Zwerge gelegt haben, wird es in „Die Halblinge von Stahlstadt“ (so der vorläufige Titel) um Intrigen, Ränke und den Glauben der Menschen gehen. Die beiden Menschen aus Wolfenfurt – Sira und Siris – müssen sich ihrer Vergangenheit und dem Erbe ihrer zerrütteten Familie stellen, wohingegen Garep sich in einer für ihn völlig fremdartigen und unvernünftig handelnden Gesellschaft zurechtzufinden hat. Himek hingegen schlägt sich mit der Tatsache herum, dass nun „zwei Seelen in seiner Brust“ wohnen, und Karu wird – ob sie nun will oder nicht – in die Gesellschaft der Halblinge und die Vergangenheit der Zwerge eintauchen, um den kriegstreibenden Verschwörern die Stirn zu bieten. Auch über die Herren erfahren wir natürlich mehr – nicht zuletzt durch Fianessa, die unbedingt ihrer heiligen Mission nachkommen will…

„Kalte Krieger“, das im Dezember veröffentlicht wird, ist ein Superhelden-Roman. Schon in „Die zerrissenen Reiche“ gehen Sie etwas andere Wege, da liegt die Vermutung nahe, dass auch Ihre Superhelden alles andere als amerikanisch sind. Was zeichnet Ihre Superhelden aus?

Ertappt – selbstverständlich bemühe ich mich darum, da auch ein paar Sachen anders zu machen. Seit vielen Jahren lese ich mit schwankender Begeisterung (Superhelden-)Comics (aktuell bin ich aber wieder schwer süchtig). Das wichtigste Element war dort über viele Jahre die pure Action, wobei innere Konflikte für meinen Geschmack ein wenig zu kurz kamen. Bei „Kalte Krieger“ ging es mir darum, eben einen solchen Aspekt aufzugreifen: nämlich die Auswirkungen auf die Psyche eines Menschen, wenn er feststellt, dass er solche Kräfte hat. Das verquicke ich dann mit fiesen Verschwörungen, einer (hoffentlich) spannenden Parallelerzählung, finsteren Machenschaften und natürlich auch etwas Action – aber sie spielt eben nicht die erste Geige, sondern ist nur Teil eines ganzen Orchesters, das die Solisten, also die Figuren, begleitet.
Übrigens wird man auch unverwundbare Universaltalente wie Superman vergebens suchen. Bei mir hat jeder übernatürlich Begabte nur eine Fähigkeit. Das reicht meiner Meinung nach völlig, um eine ansprechende und bisweilen verstörende Geschichte zu erzählen – insbesondere dann, wenn man einige Fähigkeiten mal konsequent zu Ende denkt… Ein Beispiel: Wenn ich über die Fähigkeit verfüge, die Erinnerungen anderer Menschen zu manipulieren und nötigenfalls komplett umzuschreiben, und außerdem weiß, dass ich nicht der Einzige bin, der zu so etwas Erstaunlichem und Unheimlichem in der Lage ist, wie kann ich dann noch meinen eigenen Erinnerungen vertrauen? Könnte es nicht sein, dass ich schon einmal jemandem wie mir begegnet bin und es „vergessen“ habe? Bin ich am Ende gar nicht der, der ich zu sein glaube?

"Kalte Krieger" ist zunächst ein Einzelroman. In ihrem Webblog auf piper-fantasy.de schreiben Sie, dass Sie sich durchaus einen zweiten Band vorstellen könnten. Haben Sie schon eine Idee?

Ja, habe ich. Oder vielmehr hat Ole schon mehrere, die mir alle sehr gut gefallen *lacht* Aber über ungelegte Eier mag ich nicht so gerne sprechen. Wenn der erste Teil gut ankommt, dann hätte ich aber wirklich Lust, mit meiner Protagonistin Amy noch ein wenig mehr von dieser Welt zu erkunden.

„Kalte Krieger“ ist als Thriller ausgezeichnet. Wie kam es zu diesem Genrewechsel?

Genre-Einteilungen finde ich immer schwierig. Natürlich muss man etwas auf das Buch schreiben, damit Leser, Buchhändler, Vertreter und Verlagsleute eine ungefähre Kategorie vor Augen haben, aber ganz zutreffend sind sie selten. Auch „Die Zerrissenen Reiche“ bieten ja deutlich mehr als nur klassische Fantasy, und gerade der Thriller-Anteil ist in den Reichen schon ziemlich hoch.
Die Bezeichnung „Thriller“ kommt dem Inhalt von „Kalte Krieger“ wohl am nächsten, denn es ging mir vor allem um die Spannung und das Vorantreiben der Handlung zu einem klaren Höhepunkt, an dem sich das Schicksal aller Figuren entscheidet. Aber man hätte wohl auch „Krimi“ oder „Urban Fantasy“ darauf schreiben können, ohne ganz verkehrt zu liegen. Einer der beiden Handlungsstränge würde vielleicht gerade noch so als „Jugendroman“ durchgehen, weil er überwiegend in einem Sommercamp spielt. Der andere hätte diese Bezeichnung nicht verdient. Wahrscheinlich wäre selbst „Science-Fiction“ zutreffend gewesen (obwohl es weder Raumschlachten noch Aliens gibt) – aber das wäre dann wohl, wie die Buchhändler sagen, „Kassengift“ gewesen *lacht*
Unter uns gesagt: Diese lose Behandlung von Genres ist vielleicht nicht der beste Weg, wenn man einfach nur möglichst viele Bücher verkaufen will, aber mir persönlich ist sie wichtig, denn zum einen passt sie besser zu unserer vielschichtigen Welt und zum anderen schätze ich Bücher und andere Werke, die sich etwas zwischen den Genres bewegen, sehr.

Haben sie selber Lieblingscharaktere in ihren Büchern?

Och, das ist aber eine fiese Frage. Man darf doch Eltern auch nicht nach ihren Lieblingskindern fragen, oder? Zum Glück sind das ja alles nur ausgedachte Gestalten, deren Gefühle ich also nicht verletzen kann. Seltsamerweise mag ich viele meiner Frauen-Charaktere besonders gern – und das obwohl (oder gerade weil?) ich ein Mann bin und diese Damen ganz sicher nicht den gängigen Klischees entsprechen. Meine drei momentanen Favoriten sind Karu aus den „Zerrissenen Reichen“, Amy aus „Kalte Krieger“ und Lily aus „Lilie“, was übrigens der Arbeitstitel des oben bereits erwähnten und von Michelle in Häppchen eingeforderten Buches ist.

Mittlerweile sind die E-Books auf dem Markt. Was halten Sie von der Technisierung des Buches?

Finde ich toll, großartig und einfach praktisch. Ich lese jetzt schon eine ganze Menge am Computer (nämlich einem dieser praktischen und zum Glück günstigen Netbooks). Leider finde ich das Angebot an E-Book-Readern aber bisher unbefriedigend, und zwar sowohl was die Auflösung als auch die Farbigkeit angeht (vom Preis mal ganz zu schweigen). Ich wünsche mir einen Reader, auf dem ich nicht nur herkömmliche Bücher, sondern auch Comics und Rollenspielprodukte in ihrer vollen Pracht genießen kann – und da ist momentan das Netbook leider die einzige Möglichkeit.
Im Gegensatz zu weiten Teilen des Buchmarktes habe ich aber keine übertriebene Angst vor Urheberrechtsverletzungen. Ich denke, dass gedruckte Bücher uns noch eine Weile erhalten bleiben werden. Die Verlage sollten sich daher nicht stur neuen Entwicklungen verweigern, sondern stattdessen bereit sein, den neuen Gegebenheiten ins Auge zu blicken – ansonsten steht uns ein ähnliches Desaster wie auf dem Musikmarkt bevor. Aber Piper ist sich dieser Dinge durchaus bewusst, und erst vor Kurzem hatte ich ein sehr erhellendes Gespräch dazu mit dem Leiter der Fantasy-Sparte im Verlag.

Noch eine abschließende Frage. Auf was dürfen sich die Fans von Ihnen in nächster Zeit freuen? Welche konkreten Projekte sind geplant? Können Sie uns etwas über ihr neues Projekt „Lilie“ verraten?

An „Lilie“ sitze ich aktuell und ich muss sagen, dass es mich wirklich gepackt hat (aber das muss auch so sein, wenn man mitten in einem Projekt steckt). Ob ich dazu schon etwas verraten darf, weiß ich nicht, aber ich tue es einfach mal: Im Mittelpunkt der Handlung steht erwähnte Lily, eine Doktorandin aus Oxford, die bei der Recherche für ihre Doktorarbeit Dinge aufrührt, die man wohl lieber ruhen gelassen hätte. Natürlich gibt es auch eine Parallelerzählung, diesmal mit zwei sehr unterschiedlichen Männern, die aber beide im Banne ihrer Familie und deren Traditionen stehen. Ansonsten geht es um die großen Themen im Leben: Liebe, Leben und Tod – mit einer gehörigen Portion Grusel und Spannung. Nackenbeißende Vampire müssen aber draußen bleiben *lacht* Okay, noch ein paar Hinweise mehr: Es wird definitiv kein Buch für Vegetarier und ich gehe auf eines meiner Lieblingsmotive ein – den Widerstreit zwischen Schicksal und freiem Willen.
Danach geht es dann gleich an „Die Halblinge von Stahlstadt“, wobei ich dafür zum Glück schon auf sehr ausgedehnte Konzepte zurückgreifen kann – und wenn ich damit fertig bin (also im Herbst und Winter) mache ich mich an „Asche“, was der Arbeitstitel einer zweiten Fantasy-Reihe ist, die ich zusammen mit Ole entwickelt habe.
Das alles erscheint im Laufe des nächsten oder übernächsten Jahres bei Piper, und wir freuen uns sehr, dass der Verlag uns so viel Vertrauen entgegenbringt und zugleich eine solch gute Atmosphäre bietet, um uns kreativ auszutoben.

Herr Plischke, wir danken Ihnen für dieses Interview.

Ich habe zu danken. Es war mir eine echte Freude, und vielleicht bietet sich anlässlich von „Kalte Krieger“ ja eine erneute Möglichkeit, ein bisschen zu plaudern? Ich bin zu jeder Schandtat bereit.

Dieses Interview führte Jana Quade für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen