Mittwoch, 9. Januar 2013

Interview: Sarah Lukas


Liebe Frau Lukas, schön, dass Sie Zeit für ein Interview mit uns gefunden haben. Bitte stellen Sie sich doch erst einmal unseren Lesern vor. Wen hat man sich unter dem Namen Sarah Lukas vorzustellen?

Nun, ich bin eine passionierte Schriftstellerin aus dem Rhein-Main-Gebiet. Meine Wurzeln liegen hier, und nach etlichen Jahren in anderen Gegenden Deutschlands lebe ich nun auch wieder in Wiesbaden. Ich bin Jahrgang 1972, habe u. a. Anglistik, Geschichte und Psychologie studiert und das Schreiben mittlerweile zum Beruf gemacht. In meiner Freizeit gehe ich sehr gern wandern, aber auch ins Kino oder spiele mit meinem Neffen und meinem Hund.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und wie entwickeln sich Ihre Ideen? Können Sie uns den Vorgang von der ersten Idee bis zum fertigen Buch beschreiben?

Das Schreiben muss mir hinter dem Rücken meiner Eltern in die Wiege gelegt worden sein, denn ich habe mir schon als Kind Geschichten ausgedacht und sie später dann aufgeschrieben. Die Ideen beginnen ganz unterschiedlich. Manchmal fängt es mit einer Szene an oder mit einer Figur, deren Geschichte erzählt werden will. Manchmal finde ich aber auch ein Thema spannend und überlege dann, wie ich es in einen Roman verpacken kann. Dann entscheide ich, aus wessen Perspektive ich schreiben will, und entwickle die Handlung, die Figuren und den Hintergrund parallel. Dies geht auch dann noch weiter, wenn ich bereits mit dem konkreten Schreiben begonnen habe. Das fertige Buch entspricht deshalb nie zu 100 % dem, was ich mir vorher ausgedacht habe. Es gibt immer auch einen Anteil Eigendynamik.

Haben Sie beim Schreiben bestimmte Rituale? Zum Beispiel eine feste Schreibzeit? Oder schreiben Sie eher nach „Lust und Laune“?

Ich versuche, mich an feste Schreibzeiten zu halten, weil das zum einen meine produktivsten Stunden des Tages sind. Zum anderen hilft es aber auch, wirklich mit dem Manuskript voranzukommen, anstatt sich zu verzetteln. Besondere Rituale gibt es bei mir kaum. Manche Geschichten möchten an einem bestimmten Platz in einem bestimmten Zimmer geschrieben werden, dann fühle ich mich beim Schreiben dort am wohlsten. Andere wollen die Abwechslung. Manchmal ist es auch hilfreich, mich mit Musik in die richtige Stimmung für eine Szene zu versetzen. Aber meistens stört sie mich eher. Ein festes Ritual ist, dass ich mir Zeit nehme. Wenn ich mich an den Text setze, muss ich wissen, dass ich nun ein paar Stunden Zeit haben werde, sonst kann ich nicht richtig in die Szene eintauchen.

Sie haben vor kurzem ihren Debütroman „Der Kuss des Engels“ veröffentlicht. Können Sie uns das Gefühl beschreiben, als Sie ihn das erste Mal in den Händen hielten?

Es ist schon ein tolles Gefühl, einen Roman das erste Mal gedruckt in der Hand zu halten. Eine Mischung aus Freude, Staunen und Stolz. Die Geschichte wirkt sofort verändert, sobald man sie in einem anderen Schriftsatz und in gebundener Form vor sich hat. Sie hat dann etwas Offizielles, Unveränderliches, da man sie nicht mehr zurücknehmen kann. Besonders viel Freude macht es natürlich, wenn das Buch auch noch so aufwändig und schön gestaltet wurde, wie es Piper bei „Der Kuss des Engels“ gemacht hat!

Bücher über Vampire und Werwölfe überschwemmen zurzeit immer noch den Buchmarkt. Warum haben Sie sich entschlossen ein Buch mit Engel zu schreiben?

Ja, die Vampire und Werwölfe sind nicht zu übersehen. Aber mich haben sie als Thema einfach nie gereizt. Die Engel- und Dämonenmythologie der jüdisch-christlichen Tradition fand ich als Grundlage von Erzählungen dagegen schon länger spannend, deshalb lag es nahe, einen Roman vor diesem Hintergrund anzusiedeln.

Am Anfang von „Der Kuss des Engels“ sehnt sich die Hauptprotagonistin Sophie nach ihrer Liebe Rafael zurück. Die Szenen wirken sehr gefühlvoll und melancholisch. Können Sie uns sagen, was man selbst fühlt, wenn man solche emotionsgeladenen Szenen schreibt? Und lassen sich solche Szenen einfach von der Hand schreiben?

Hm, ich würde nicht sagen, dass mir solche Szenen leicht von der Hand gehen. Ich überlege mir jedes Wort und jeden Satz sehr genau und suche die passenden Bilder, die nicht immer spontane Eingebungen sind. Außerdem – und da komme ich zum ersten Teil der Frage – muss ich mich sehr gut in meine Protagonisten einfühlen und immer wieder hinterfragen, ob ihre Handlungen zu ihrem Charakter passen. Für diese spezielle Szene habe ich mir den Song „Join me in death“, der ja eine gewisse Rolle spielt, mehrfach angehört, um genau nachzuempfinden, was Sophie in diese starke Melancholie treibt. Im Grunde muss ich in allen emotionalen Szenen fühlen, was die Figur fühlt. Das kann auch sehr anstrengend sein, sodass ich dann nach dem Schreiben ziemlich ausgelaugt bin.

Haben Sie beim Schreiben einen Charakter besonders ins Herz geschlossen?


Das ist immer schwierig zu sagen, denn die Hauptfiguren wachsen mir natürlich immer ans Herz, weil ich so viel Zeit mit ihnen verbringe. Wer davon dann mein Favorit ist ... hm ... Ich mag auch Sophie sehr gern, aber Jean Méric ist sicher der faszinierendere Charakter.

Jean Méric ist ein sehr charismatischer Charakter, welcher zugleich gutaussehend und mysteriös daherkommt. Gab es für ihn oder für einen anderen Charakter ein reales Vorbild, an das Sie sie angelehnt haben?

Ich benutze nie reale Vorbilder 1:1, weil sie selten wirklich gut in die von mir gewünschte Geschichte passen würden. Jean ist – wie die anderen – eine Mischung aus Charakterzügen realer Menschen, die ich mit einem Schuss erfundener Vergangenheit zu eigenständigen Personen entwickle. Für die optische Erscheinung stelle ich mir dagegen öfter mal reale Menschen vor, aber die verrate ich nicht, damit sich die Leser ihr eigenes Bild machen können.

An manchen Stellen geht Ihr Buch sehr auf die Bibelgeschichte der Engel ein. Wie hat man sich da die Recherchen vorzustellen?

Um mir einen Überblick verschaffen und passende Details für den Roman auswählen zu können, habe ich sehr viele Bücher über Engel, Dämonologie und Exorzismus gelesen, die teilweise nur antiquarisch zu bekommen waren. Außerdem die Apokryphen, also jene Texte aus biblischer Zeit, die nicht in den offiziellen Kanon aufgenommen wurden. Und natürlich habe ich auch umfangreich in der Bibel selbst nachgelesen.

Ihr Roman setzt sich mit der Frage auseinander, ob das Böse in der Welt Gottes Werk oder Teufels Beitrag ist. Wieso haben Sie sich diese Kernfrage für ihren Debütroman ausgesucht?

Wenn man sich damit beschäftigt, was zu Engeln in der Bibel steht und was sich später die Kirchenväter und Gelehrten dazu überlegt haben, stellt man fest, dass es da Widersprüche gibt. Ich fand es spannend, diesen Widersprüchen nachzuspüren und die offizielle Antwort der Kirche damit zu hinterfragen.

Hat es einen besonderen Grund, wieso Sie die Handlung in der „Stadt der Liebe“, Paris, spielen lassen?

Das war eine der ersten Entscheidungen, als ich beschloss, einen Roman über Engel zu schreiben. Ich hatte bestimmte Szenen und Stimmungen vor Augen, und es war mir sehr schnell klar, dass nur Paris mit seinem Flair als passender Ort dafür in Frage kommt.



Im Buch ist eine Karte von Paris, auf der die Schauplätze aufgezeichnet sind. Auch die Schilderungen im Buch von den Orten sind sehr detailliert. Haben Sie dafür Hilfsmittel wie Fotos benutzt oder alles aus Ihrer Erinnerung geschrieben?

Mein Erinnerungsvermögen ist angeblich recht gut, aber beim Schreiben habe ich doch immer wieder seine Grenzen erreicht. Wenn ich über reale Plätze schreibe, will ich bei der Beschreibung keine Fehler machen. Daher war ich froh, dass ich mir in Paris auch vieles notiert und mehrere Hundert Fotos gemacht hatte. So konnte ich kritische Details nachschauen und hatte auch mehr Auswahl.

Das Ende des Buches lässt Raum für Spekulationen. Sind noch weitere Bände geplant?

Ja, die Geschichte war von Anfang an als Mehrteiler konzipiert. Deshalb arbeite ich gerade an der Fortsetzung, die wohl im nächsten Frühjahr erscheinen wird.

Können Sie sich vorstellen, dass Ihr Roman vielleicht einmal verfilmt wird? Wie wichtig wäre Ihnen in einem solchen Fall ein gewisses Mitspracherecht?

Träumt nicht jeder Autor von einer schönen, werkgetreuen Verfilmung? In den meisten Fällen bleibt es ja bei diesem Traum, weshalb ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht habe. Spontan würde ich sagen, dass ein Mitspracherecht wunderbar wäre. Aber wenn die Filmleute – wie im Fall des Herrn der Ringe – den Geist eines Romans erspürt haben, kann auch ohne Mitsprache des Autors ein fantastischer Film entstehen. Dabei stört mich dann auch nicht, wenn in Details etwas von der Vorlage abgewichen wird. Wichtiger ist, die Grundaussage nicht zu verfälschen.

E-Books sind die neue Weiterentwicklung zum herkömmlichen Buch. Was halten Sie von dieser Entwicklung und besitzen Sie vielleicht selbst ein E-Book?

Nein, bis jetzt besitze ich kein E-Book. Ich halte viel zu gern Bücher aus Papier in der Hand, um zu einem solchen Gerät zu greifen. Außerdem verbringe ich schon so viel Zeit vor einem Bildschirm, dass ich das in meiner Freizeit lieber vermeide. Entsprechende Suchfunktionalitäten vorausgesetzt könnte ich es mir höchstens als Hilfe bei der Recherche vorstellen.

Welche Autoren und welche Genres lesen Sie gerne? Haben Sie bestimmte Bücher oder Autoren, die Sie inspiriert haben?

Mein Lesegeschmack ist sehr breit gefächert. Ich lese nicht nur viele Sachbücher, sondern auch sehr unterschiedliche Spielarten der Phantastik (von Fantasy über Science Fiction bis zu Werken, die sich schwer in Schubladen einordnen lassen), außerdem Historische Romane, Thriller, Familiensagas und zwischendurch immer wieder Reiseberichte, alte Klassiker und moderne Weltliteratur. Sehr viele Bücher und Autoren haben mich im Lauf der Zeit inspiriert, eigentlich alle, deren Werke mich in irgendeiner Form beeindruckt oder erfreut haben. Speziell für die Mischung aus Spannung und Romantik kann ich Victoria Holt nennen, die meiner Meinung nach unerreichte Meisterin dieses Fachs.

Worauf können sich Ihre Leser in nächster Zeit freuen?

Im Herbst erscheint eine Engel-Kurzgeschichte von mir in einer Anthologie aus dem Hause Bertelsmann, in der Rafael aus „Der Kuss des Engels“ eine große Rolle spielt. Und im nächsten Frühjahr wird dann die Fortsetzung des Romans kommen, die Sophies Geschichte weitererzählt und neues Licht auf Jean Mérics Vergangenheit wirft.

Liebe Frau Lukas, wir danken Ihnen für dieses Interview!

Dieses Interview führte Jana Quade für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.

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