Mittwoch, 9. Januar 2013

Interview: Iny Lorentz

Bitte stellen Sich doch erstmal unseren Lesern einmal vor. Wen hat man sich unter dem Namen Iny Lorentz vorzustellen?

Wir sind seit über einem Vierteljahrhundert verheiratet, obwohl Freunde uns damals höchstens ein halbes Jahr zugebilligt haben, und genauso lange schreiben wir auch zusammen. Iny stammt aus Köln und ist dort auch aufgewachsen. Aus beruflichen Gründen siedelte sie nach München um und arbeitete bis Ende 2006 in der EDV eines Versicherungskonzerns. Elmar hingegen ist Franke und zog ebenfalls aus beruflichen Gründen nach München. Da kannten wir uns bereits zwei Jahre und fanden, dass wir zusammenpassten. An dieser Erkenntnis hat sich bis heute nichts geändert. Elmar arbeitete ebenfalls bis Ende 2006 im gleichen Konzern. Mittlerweile leben wir als freie Schriftsteller in einem Dorf bei München.

Gibt es einen speziellen Grund, dass Sie nur unter dem Namen Iny Lorentz veröffentlichen und nicht unter Iny und Elmar Lorentz?

Daran sind die Buchhandelscomputer Schuld. Als unser erster Roman „Die Kastratin“ unter Iny und Elmar Lorentz angekündigt wurde, war bei vielen Buchhändlern entweder nur unter Iny Lorentz oder nur unter Elmar Lorentz und manchmal auch gar nicht zu finden. Knaur hat daher bei uns angefragt, ob wir einverstanden wären, nur unter einem Namen zu veröffentlichen, und wir haben zugestimmt.

Wollten Sie schon immer Bücher schreiben, oder hat sich dieser Wunsch erst nach und nach bei ihnen entwickelt?

Der Wunsch zu schreiben ist bei uns beiden bereits sehr früh entstanden. Wir haben beide mit etwa zwölf Jahren begonnen, für uns selbst Geschichten zu schreiben. Später haben wir dann im SF- und Fantasyfandom die Möglichkeit gefunden, Kurzgeschichten in Fanzeitschriften zu veröffentlichen. Iny erhielt dadurch die Chance, bei einer Anthologie beim Heyne Verlag mitzumachen, kurz darauf brachte Elmar seine erste Kurzgeschichte beim Goldmann Verlag unter. In der Folgezeit haben wir zusammen 16 Kurzgeschichten bei verschiedenen Verlagen veröffentlich und ein Fantasy-Kinderbuch heraus gebracht.
 Anschließend gab es eine mehrjährige Pause, in der aber der Wunsch, weiter zu veröffentlichen, stets gegenwärtig blieb. 1995 haben wir dann den nächsten Versuch gestartet und hatten bald die Chance, drei Begleitbücher zu Fernsehserien zu schreiben. Im Jahr 2000 haben wir dann „Die Kastratin“ geschrieben und unserer jetzigen Agentin angeboten. Seitdem hat sich mit dieser Agentin eine sehr fruchtbare und erfolgreiche Zusammenarbeit entwickelt.

Sie schreiben im Bereich der Historik. Was fasziniert Sie an diesem Themengebiet?

Wir hatten beide von frühester Jugend an ein großes Interesse an der Vergangenheit. Bei Elmar war Geschichte sein bestes Fach in der Schule. Seine Religionslehrerin erkannte zudem sein Interesse an der Literatur und hat ihn fast ein Jahrzehnt lang gefördert und ihm vor allem die Bücher aus ihrer eigenen Bibliothek zu lesen gegeben. Darunter waren sehr viele Historische Romane, aber auch entsprechende Sachbücher.
Iny hat sich schon früh dafür interessiert, wie die einfachen Leute früher gelebt haben. Das ist etwas, was im Geschichtsunterricht nicht zur Sprache kam. Daher erinnert sie sich immer noch dankbar an das erste Sachbuch darüber, welches sie in die Hände bekam: Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Mittelalters.

Verfolgen Sie den allgemeinen Trend zur Mittelalterbegeisterung, mit der Mittelaltermärkte, Fantasyliteratur und Rollenspiele einhergehen?

Wir haben Historische Romane und die entsprechende Sachliteratur, aber auch Fantasy, gelesen, lange bevor sie zum Trend geworden sind. Ebenso haben wir aus eigenem Interesse heraus historische Stätten und Museen besucht. Daher haben wir diese Entwicklung gar nicht so mitbekommen, da für uns die Beschäftigung mit der Vergangenheit ganz selbstverständlich war. Aufgefallen ist uns dieser Trend eigentlich erst, als es in München auf einmal einen mittelalterlichen Weihnachtsmarkt gab.

Haben Sie mal geplant einen Roman in einem anderen Genre zu verfassen?

Wir haben das nicht nur geplant, sondern auch schon getan. Bereits 1986 haben wir ein Fantasy-Kinderbuch herausgebracht. In neuerer Zeit kamen mehrere Historisch-Phantastische Romane unter dem Pseudonym Mara Volkers dazu, dann unter Diana Wohlrath das Fantasy-Jugendbuch „Der Feuerthron“ bei Hanser und zuletzt bei Page & Turner ein Thriller mit dem Titel „Die Tallinn-Verschwörung“, der nur wenige Jahre in der Zukunft spielt.

Die Protagonisten in Ihren Romanen sind meist junge Frauen. Viele werden durch ihr Schicksal mehr und mehr emanzipiert. Was fasziniert Sie selber an ihren Heldinnen? Erweitert eine solche Emanzipation die Möglichkeiten, die man für einen weiblichen Charakter hat?

Man kann anhand von Frauen die geschichtlichen und sozialen Gegebenheiten der jeweiligen Zeit besser deutlich machen als bei Männern, da Frauen eben sehr viele Rechte, die Männer besaßen, verwehrt wurden. Eine Frau, der es gelang, sich unter diesen Umständen durchzusetzen, ist nun einmal ein faszinierender Charakter. Wenn immer wieder behauptet wird, Frauen wären damals nur Heimchen am Herd gewesen und hätten sich bereitwillig der Herrschaft der Männer und der Kirche unterworfen, so ist dies nur eine Geschichtsfälschung der Neuzeit, in der die Rechte der Frauen immer mehr eingeschränkt wurden, bis sie im ach so modernen 19. Jahrhundert einen absoluten Tiefpunkt erreichten. Es gab zu allen Zeiten Frauen, die sich durchzusetzen wussten. Sonst wären Gesetze, die Männern den Pranger androhten, wenn sie sich von ihren Ehefrauen verprügeln ließen, wohl kaum nötig gewesen, und auch nicht der Brief, in dem sich der Ehemann einer Händlerin bei einem Freund beklagte, dass seine Frau sich schon wieder auf eine Geschäftsreise gemacht und ihn mit den Kindern allein zu Hause gelassen hätte.

Wie muss man sich Ihre Zusammenarbeit vorstellen? Schreiben Sie getrennt voneinander an einem Roman und setzen einzelne Szenen dann zusammen oder ergänzt der eine den anderen nur?

Diese Frage wird uns oft gestellt und ist zum Glück leicht zu beantworten. Wir entwickeln gemeinsam die Idee und den groben Ablauf eines Romans und erstellen ein Exposé. Während dieser Zeit beginnen wir mit den Recherchen. Elmar intensiviert die Recherche immer weiter, je näher der Tag rückt, an dem die erste Zeile geschrieben werden soll. Die Rohschrift ist dann sein Job. Iny liest den Text zeitnah nach und gibt dabei Anregungen und äußert Kritik. Danach überarbeitet Elmar den Text noch einmal und übergibt ihn anschließend Iny, die ihn dann insgesamt fünfmal durcharbeitet. Dabei ist es jetzt an Elmar, die einzelnen Phasen zu überwachen und seine Kommentare dazu abzugeben. Erst wenn wir beide zu der Ansicht gelangt sind, dass der Roman gelungen ist, geben wir ihn an unsere Agentur weiter. Diese Zusammenarbeit hat sich bereits bei unseren SF- und Fantasy-Stories entwickelt und wurde von uns im Lauf der Zeit immer stärker ausgebaut.

Können Sie uns etwas über ihre Recherchearbeit erzählen? Wie gehen Sie dabei vor und wie lange brauchen Sie bis die Recherchearbeit für ein Buch beendet ist?

Die Recherche beginnt, sobald wir uns dazu entschlossen haben, eine Idee für einen Roman weiterzuverfolgen. Dies beginnt meist zwei bis zweieinhalb Jahre vor dem wahrscheinlichen Ablieferungstermin. Zunächst informieren wir uns allgemein über die Zeit und die Gegend, in der dieser Roman spielen soll. Dies geschieht mittels Sachbüchern, DVDs und im Internet. Aufgrund des dadurch angesammelten Wissens entwickeln wir ein grobes Gerüst für den Roman. Etwa ein halbes Jahr, bevor wir mit dem Rohtext dieses Romans beginnen, wird die Recherche intensiviert. In den meisten Fällen suchen wir die Handlungsschauplätze auf, um uns einen Eindruck davon zu machen, und besorgen uns vor Ort Sachliteratur wie Chroniken, Beschreibungen usw. Sobald Elmar bei seinen Recherchen einen gewissen Stand erreicht hat, kann er mit der Rohschrift des Romans beginnen. Die Recherchen werden aber weitergeführt und enden im Grunde erst mit der letzten Überarbeitung des Romans durch Iny.

Laut der Verlagsseite von Droemer/Knaur soll im Oktober dieses Jahres ein Roman von Ihnen erscheinen, der im 19. Jahrhundert in Preußen spielt. Bisher stand Ihr Name vor allem für Mittelalterromane. Wie kam es zu dieser epochalen Neuorientierung?

Die Idee für „Dezembersturm“ verfolgt uns bereits seit einem Jahrzehnt. Wir sind nur nie dazu gekommen, sie auszuführen. Als wir 2007 auf der Frankfurter Buchmesse von Knaur gefragt wurden, ob wir nicht neben unseren Mittelalter-Romanen auch Romane über das 19. Jahrhundert schreiben könnten, haben wir diese Chance natürlich ergriffen. Da wir ja nicht auf eine gewisse Zeit oder Kultur fixiert sind, macht es uns ebenso viel Spaß, einen im 19. Jahrhundert spielenden Roman oder einen Thriller in der Jetztzeit zu schreiben.

Leider wird im Klappentext zu „Die Tochter der Wanderhure“ sehr viel vorweggenommen, was dem Roman sehr viel von seiner Spannung nimmt. Haben Sie Einfluss auf solche Dinge?

Bedauerlicherweise sind unsere Einflussmöglichkeiten hier sehr gering. Die Texte werden im Verlag von Leuten gemacht, die darin Erfahrung haben. Im Großen und Ganzen sind die Texte akzeptabel, auch wenn wir manchmal die eine oder andere Aussage etwas anders gemacht hätten. Bei der Tochter der Wanderhure wurde allerdings zu viel verraten. Als wir den Text das erste Mal gesehen haben, haben wir auch darauf hingewiesen. Aber gerade der Tod Michels schien den verantwortlichen Leuten bei Knaur so wichtig zu sein, dass sie es unbedingt erzählen wollten.

Trudi, Maries Tochter, erscheint in „Die Tochter der Wanderhure“ oftmals als naiv und verhätschelt. Ist Ihnen solch ein Charakter dann trotzdem ans Herz gewachsen oder regen Sie sich manchmal auch über Ihre eigenen Charaktere auf?

Selbstverständlich wächst uns auch ein solcher Charakter ans Herz. Übrigens war auch Marie zu Beginn recht naiv und es brauchte einige harte Nasenstüber, bis sie diese Naivität verloren hat. Im Grunde machen alle unsere Heldinnen im Lauf des Romans eine Entwicklung mit. Gerade das ist es ja auch, das uns an diesen Frauen so fasziniert. Aufgeregt haben wir uns bisher noch nie über einen unserer Charaktere. Wir sind höchsten erstaunt, in welche Richtung sie sich manchmal entwickelt haben.

Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihre Romane einmal verfilmt werden? Wenn ja, hätten Sie schon bestimmte Schauspieler im Blick? Z.B. für die Rolle der „Marie“ oder „Trudi“?

Es gibt bereits Pläne, die Wanderhure fürs Fernsehen zu verfilmen. Sollten sie realisiert werden, lassen wir uns überraschen, welche Schauspielerin die Rolle der Marie und welcher Schauspieler die Michels übernehmen wird. Wir selbst haben hier niemand im Blick. Allerdings hoffen wir, einen Tag beim Dreh dabei sein zu können.

Sony bringt im Frühjahr dieses Jahres einen elektronischen Reader für E-Books auf den Markt. Was halten Sie von der Technisierung des Buches?

Bisher haben wir mit E-Books keine Erfahrungen. Da wir aber am Computer unsere eigenen Texte schreiben und bearbeiten, glauben wir nicht, dass wir einen fremden Roman mittels moderner Technik lesen werden. Da wäre der Reflex, Stellen, die uns nicht so gefallen zu ändern, einfach zu groß. Daher werden wir so lange es geht beim gedruckten Buch bleiben.

Noch eine abschließende Frage. Auf was dürfen sich die Fans von Ihnen in nächster Zeit freuen? Welche konkreten Projekte sind geplant?

Wir arbeiten gerade an unserem zweiten Fantasy-Jugendbuch, das ebenfalls unter Diana Wohlrath erscheinen wird. Ebenso ist ein zweiter Thriller mit unserem Helden Torsten Renk in Planung. Was die historische Schiene betrifft, wird es nach „Die Rose von Asturien“ und „Dezembersturm“ einen Iny-Lorentz-Roman geben, der im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts spielen wird. Nebenher wollen wir auch im 19. Jahrhundert bleiben und eine Fortsetzung von „Dezembersturm“ schreiben.

Frau Lorentz, wir danken Ihnen für dieses Interview!

Dieses Interview führte Jana Quade für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.

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