Mittwoch, 9. Januar 2013

Interview: Carsten S. Henn

Bitte stellen Sie sich doch erst einmal unseren Lesern vor. Wen hat man sich unter dem Namen Carsten Sebastian Henn vorzustellen?

Schriftsteller/Weinjournalist/Genießer/Musikliebhaber/Katzen- und Kinderbändiger

Haben Sie schon als Kind gerne geschrieben, oder haben Sie später erst diese Leidenschaft entdeckt?

Das Spiel mit Worten habe ich immer schon geliebt. Bevor ich schreiben konnte, habe ich mir Liedtexte ausgedacht. Später dann – in der Grundschule schon –schrieb ich, zuerst journalistisch, dann Lyrik, Kurzgeschichten und schlussendlich Romane.


Haben Sie bestimmte Zeiten oder Rituale beim Schreiben? Oder ist dies als Vater eher schwierig?

Eigentlich schreibe ich den ganzen Tag, von morgens bis spät in die Nacht. Manchmal habe ich mein Pensum schon erledigt, wenn die Kinder aus dem Kindergarten kommen, ein andermal muss ich weiterschreiben, wenn sie (endlich!) im Bett liegen. Im Grunde bin ich eher ein Nachtschreiber – wünsche mir aber ein Tagschreiber zu sein.

Wie kann man sich Ihre Recherchearbeit vorstellen?

Vor allem: Umfassend. Meine Haupthandlungsorte werden alle besucht. Das hat nicht nur den Grund, dass ich danach die Schauplätze besser beschreiben kann, sondern vor allem, dass einen Recherchereisen auf viele Ideen bringen – und man Informationen erhält, die bei Google nicht zu finden sind.

Was für ein Gefühl war es als Sie Ihr erstes frischgedrucktes Buch in der Hand hielten?

Den größten Kick hatte ich, als überhaupt erstmals etwas von mir in gedruckter Form (mit ISBN-Nummer) erschien. Es war das Gedicht „Unter Plejaden“ in der 1996 von Jochen Arlt herausgegebenen Anthologie „Junger Westen“. Ich erinnere mich jetzt noch, wie ich damals durchs Haus rannte und es allen zeigte. Es gab mir das Gefühl, dass das, was ich schrieb, einen Wert hatte.

Wie kamen sie auf die Idee einen Hundekrimi zu schreiben?

Einen Kriminalroman mit Hunden wollte ich schon seit gut zehn Jahren schreiben. Ich bin mit Hunden aufgewachsen, es waren immer mehrere um mich, und sie waren weit mehr als Haustiere für mich, es waren echte Gefährten. Meine ursprüngliche Idee war, einen Krimi á la „Schwarze Serie“ zu schreiben. Ein heruntergekommener Hundeprivatdetektiv in einer Großstadt, der ein Rätsel um verschwundene Metzger aufklären muss. Ich hatte sogar schon einen Titel: „Für eine Handvoll Hundekuchen“. Der Titel war klasse, aber der Roman fühlte sich nie hundertprozentig richtig an.
Dann besuchte ich eines Tages ein Trüffelsymposium im Sinziger Schloss, und der Feinkosthändler Ralf Bos hatte frische Alba-Trüffel mitgebracht. Den Karton öffnete er vor unseren Augen – ein faustgroße weiße Trüffel holte er daraus hervor. Direkt war der besondere Duft der Trüffel zu riechen und schon nach fünf Minuten war der ganze Raum damit ... zugetrüffelt. Vermutlich hat das auf meine Synapsen gewirkt, denn plötzlich war Giacomo da, die Figur mit der für mich die Geschichte von „Tod & Trüffel“ begann. Er stand sofort in seiner ganzen Komplexität vor mir: ein alter Trüffelhund, eine Legende, mit der besten Nase, die je ein Hund in der Langhe besaß, mittlerweile heruntergekommen in Alba, wo er lieber Wein trank und sich durchfraß. Erst später gesellte sich Niccolo zu ihm, der dann als kleines Windspiel zur eigentlichen Hauptfigur des Romans wurde. Aber mit Giacomo fing alles an.

Inwiefern haben sich Ihre Recherchen bei diesem Buch verändert? Haben Sie Hunde beobachtet?

Da ich mit Hunden aufgewachsen bin, in einer Familie, die ihre Hunde als Jagdhunde ausgebildet und auf Hundeschauen präsentiert hat, musste ich zum Hundewesen nichts recherchieren – die Wölfe bedeuteten dagegen einiges an Arbeit. Ich habe mir viele Bücher sowie DVDs besorgt und bin auch in einen Tierpark gefahren um die Grauröcke eingehend zu beobachten.

Wie haben Sie es geschafft so gut wie möglich Abstand von der menschlichen Haltung zu schaffen und eine möglichst perfekte Hundesichtweise zu bekommen?

Das ist der schwierigste Teil, denn natürlich müssen meine Hauptdarsteller reden und denken - was Hunde zumindest in dieser Form nicht können. Die Logik muss zudem menschlich nachvollziehbar sein, auch wenn einige zentrale Interessen (Futter) oder Sinne (Riechen wichtiger als Sehen) anders sind. Dadurch, dass die Menschenwelt den Tieren zum Teil fremd und unverständlich vorkommt, konnte ich ihre Sichtweise besser darstellen. Beim Schreiben musste ich mich immer wieder daran erinnern: deine Blick ist nah am Boden, du riechst mehr, als dass du siehst und du bist ein Hund! Denke wie ein Hund! Was interessiert einen Hund gerade jetzt? Was treibt ihn an? Das war gleichermaßen anstrengend wie faszinierend für mich.

Ihre Hundekrimis spielen im italienischen Piemont. Wieso dort und nicht in Deutschland?


Meine Idee war es, einen Krimi mit einem Trüffelhund zu schreiben – und die besten Trüffel gibt es im Piemont. Außerdem liebe ich die Gegend sehr.

Giacomo hat ein eine Vorliebe für guten Wein. Am liebsten mag er einen guten Barolo. Was steckt hinter diesem Gedanken?

Der Duft von gereiftem Barolo und Trüffeln ist nicht unähnlich, insofern ist es logisch, dass Giacomo diesen wunderbaren Wein gerne riecht. Hier spielt aber auch die Vorliebe des Autors mit hinein… Ich arbeite auch als Weinjournalist, und die Begegnungen mit gereiften Barolos gehören zu meinen genussvollsten Erfahrungen.

Die Dachshunde haben den Leser doch sehr zum schmunzeln angeregt. Was steckt als Idee hinter diesen?


Im englischen nennte man es „Comic Relief“, schon Shakespeare baute in seine Dramen immer wieder erheiternde Teile ein, damit der Zuschauer wieder einmal erfrischend lachen kann. Ich finde, dies gibt auch ernsten Stücken erst das richtige Gleichgewicht. Ständig Spannung und Gefahr geht nicht. Mit Dachshunden, also Dackeln, bin ich (neben Cocker Spaniels) großgeworden. Ganz wunderbare Hunde – aber in einer Gruppe werden sie zu wahren Bestien. Das hat viel komisches Potential. Diese Szenen zu schreiben hat unglaublich viel Spaß gemacht.

Steckt hinter der Wahl der Hundefigur mehr? Ein schlauer Fuchs hätte ja sicherlich auch ein gutes Bild abgegeben.
Rita Mae Brown hat ja eine Krimiserie mit einem Fuchs. Aber ich kenne Füchse nicht, bin mit ihnen nicht aufgewachsen. Und meine Bücher müssen immer einen ganz direkten Bezug zu mir haben, da muss eine Leidenschaft von mir drinstecken, sonst schreibe ich sie nicht, sonst klappt es einfach nicht. Hunde sind außergewöhnliche Tiere, weil sie dem Menschen so nah sind. Gerade ihr Blick auf die Menschen ist deshalb so faszinierend. Die Freundschaft zu einem Hund, also einem Lebewesen das so verschieden von uns ist, und uns doch so nah, hat etwas Magisches. Das gibt es in dieser Intensität – außer bei Katzen – wohl mit keinem anderen Tier.

Würden Sie sich selbst als Hundefanatiker beschreiben?

Nein, ein Fanatiker bin ich in keinem Lebensbereich. Aber ich liebe Hunde sehr, ohne sie wäre meine Kindheit ein ganzes Stück weniger schön gewesen.

Auf ihrer Internetseite www.carstensebastianhenn.de springt einem in roten Lettern das Wort „Meine Weine!“ entgegen. Der Link führt weiter zur „Deutschen-Wein-Entdeckungs-Gesellschaft“ bei der Sie den ersten Vorsitz innehaben. Genehmigen Sie sich gerne einen guten Wein zu einem guten Buch, oder ist das doch eher ein gängiges Klischee?

Wein ist für mich ein Gesellschaftsgetränk, ganz selten genehmige ich mir alleine einen Schluck, oder um in Stimmung für ein Buch zu kommen. Einige berühmte Kollegen haben im Rausch geschrieben, ich bevorzuge den klaren Kopf. Manchmal schreibe ich jedoch mit Musik, um mich in die entsprechende Stimmung zu bringen.

Mittlerweile sind auf dem deutschen Markt auch e-books erhältlich. Was halten Sie von der Technisierung des Buches?

Ich selber brauche das Gefühl von Papier, das spüre ich einfach sehr gern, ich mag das Gewicht eines Buches, das Knistern beim Umblättern. Elektrische Bücher haben das halt nicht, allerdings glaube ich, dass sie für Fachliteratur oder Tageszeitungen ein hervorragender Ersatz sind.

Noch eine abschließende Frage. Arbeiten Sie schon an einem neuen Buch und machen Sie nächstes Jahr eine Lesereise? Auf was können sich Ihre Fans als nächstes freuen?

Ich arbeite derzeit sogar an mehreren Büchern. Es gibt viele Ideen, die ich endlich umsetzen will. Kulinarik ist bei diesen immer ein Thema – das Kriminelle allerdings nicht. Ich habe mir angewöhnt, nicht konkret über Buchprojekte zu reden, das bringt Unglück- Über Lesungen kann ich dagegen sprechen, davon wird es auch im nächsten Jahr viele geben, die sich auf meiner Homepage finden (wenn ich dran denke, sie immer fleißig zu aktualisieren…).

Herr Henn, wir danken Ihnen für dieses Interview.


Dieses Interview führte Jana Quade für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.

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