Sonntag, 9. Dezember 2012

Rezension: Zerbrechliche Dinge. Geschichten & Wunder (Neil Gaiman)

Klett-Cotta
Hardcover, 330 Seiten
ISBN: 978-3-608-93876-0
19,90 €

Ein kurzer Einblick

Ein liegengebliebener Leihwagen auf einem einsamen Highway, ein düsteres Zirkuszelt voller versteckter Geheimnisse, die flirrende Hitze der ägyptischen Wüste in ihrer menschenfeindlichen Schönheit – egal, wohin Neil Gaiman seine Figuren führt, sie werden stets mit der Zerbrechlichkeit ihrer eigenen Welt konfrontiert – Abgründen, in denen manch Unglücklicher verloren ging.

Bewertung

Nach der Kurzgeschichtensammlung „Die Messerkönigin“ (Heyne, 2001) liegt nun von Neil Gaimon, Autor von „Der Sternwanderer“ und „Caroline“, mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2002 mit dem Nebula Award für „American Gods“ und 2009 mit dem Hugo Award, sowie mit der Newbery Medal, dem angesehensten Kinderbuchpreis der Vereinigten Staaten, für „Das Graveyard-Buch“, im Verlag Klett-Cotta in einer gewohnt schönen Aufmachung eine zweite Sammlung vor: „Zerbrechliche Dinge“. Gegenüber der originalen amerikanischen Zusammenstellung beinhaltet die deutsche Ausgabe allerdings nur 14 von 32 Geschichten. Laut Verlag ist momentan keine weitere Storysammlung von Nail Gaiman geplant, sodass die deutschen Leser, sofern sie nicht zum Original greifen, sich mit weniger Geschichten begnügen müssen. Die vorliegenden Geschichten jedoch sind mehr als zufriedenstellend und der Großteil der Geschichten ist überdurchschnittlich gut. Von einer Enttäuschung, sei es auch nur eine einzelne Geschichte, kann keine Rede sein.
Neil Gaiman brennt ein wahres Feuerwerk an phantastischen Ideen ab. Seine Geschichten sind nicht einfach nur Geschichten; sie alle tragen ein ganz individuelles Gesicht. „Bitterer Kaffeesatz“ zeigt so z.B., dass der Weg des Lebens unergründlich ist, der Mensch sich auf den Winden des Lebens mal hierhin mal dorthin treiben lässt. Ein Individuum auf der Suche nach dem Lebensziel – ein Zombie, gemeinhin als verfaulender Leichnam, der durch die Gegend wankt, bekannt. Doch sind Zombies nicht auch jene Menschen, die keine eigene Individualität besitzen, sich stattdessen durch ein fremdes Leben versuchen zu individualisieren? Sind es nicht auch jene Menschen, die kein Ziel vor Augen haben, sich einfach nur wahllos durch die Weltgeschichte treiben lassen? „Bitterer Kaffeesatz“ fängt diesen Zombie-Aspekt ein und so startet die Geschichte konsequent mit folgendem Satz: „In jeder Hinsicht, auf die es ankam, war ich tot.“„Goliath“ spielt mit dem Sinn nach der Wirklichkeit. Was ist real und was nicht? Ein kleines Meisterwerk, das im Matrix-Universum angesiedelt ist. „Oktober hat den Vorsitz“: Eine Geschichte, die Lagerfeuerromantik versprüht, aber der wahren Freundschaft auf der Spur ist. Wie viel ist eine Freundschaft wert? Würde ein Mensch sein Leben geben, um eine Freundschaft zu wahren? Das Band der Freundschaft kann wahrlich viel ertragen.
Dies sind drei Beispiele, die verdeutlichen sollen, dass man die Geschichten natürlich auch als reine Unterhaltung lesen kann, das aber auch noch ein tieferer Sinn zwischen den Zeilen steckt. Neil Gaiman hat somit nicht nur eine Sammlung geschaffen, die vergnügliche Stunden bereitet, sondern eine Sammlung, die in vielfältiger Weise zum Nachdenken anregt.

Fazit

Nail Gaiman ist eine starke Storysammlung gelungen. Kein Flop, wenige „nur“ gute Geschichten und ein Übermaß an richtig guten Ideen. Ein Wermutstropfen jedoch ist die Neuzusammenstellung dieser Anthologie gegenüber der amerikanischen Originalausgabe, lässt diese Ausgabe doch sehr viele Geschichten vermissen. Nichtsdestotrotz bietet „Zerbrechliche Dinge“ ein mehr als vergnügliches Leseabenteuer, das nicht enttäuscht. Kurzgeschichtenfreunde werde definitiv auf ihre Kosten kommen – alle anderen sollten einfach mal die Nase zwischen diese Buchseiten stecken.

4 von 5 Punkten

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