Dienstag, 4. Dezember 2012

Rezension: Witwe für ein Jahr (John Irving)

Diogenes Verlag
Taschenbuch, 762 Seiten
ISBN: 978-3-257-23300-1
12, 90 €


Ein kurzer Einblick

Eddie O´Hare kommt für einen Ferienjob bei dem Schriftsteller Ted Cole in dessen Haus. Dort findet er zerrüttete Familienverhältnisse vor. Ted betrügt seine Frau Marion ständig und diese ist nie über den Tod der beiden Söhne hinweggekommen. Daher kann sie sich auch nicht richtig um ihre Tochter Ruth kümmern. Eddie wird mitten in diese Konflikte hineingezogen, so dass die Geschehnisse in dieser Zeit sein gesamtes Leben beeinflussen. Und auch Ruth taucht noch mal in seinem Leben auf…

Bewertung

In „Witwe für ein Jahr“ wählt John Irving einen anspruchsvollen, aber zudem reizvollen, Erzählstil. Der Roman hat insgesamt zwei Zeitsprünge, so dass er zu drei unterschiedlichen Zeitpunkten spielt. In diesen Zeitebenen rückt jeweils eine andere Person zunächst in den Vordergrund, bis dann aber doch alles zusammenläuft und die Verbindung zu den anderen Zeitpunkten, besonders durch die Figur der Ruth Cole, sichtbar wird. Aber auch innerhalb der Zeitebenen gibt es im Erzählrhythmus immer wieder Zeitsprünge, die den Leser herausfordern und seine Aufmerksamkeit erfordern. Die Zeitsprünge sind angenehme Elemente der Erzählung, die sie meist interessanter machen, zum Teil aber auch die Spannung zerstören.
Dass zu Beginn der einzelnen Zeitpunkte aus der Perspektive unterschiedlicher Personen erzählt wird, ist auch ein Element, dass die Spannung aufrechterhält und zudem dazu beiträgt, dass der Leser durch ungeahnte Geschehnisse überrascht wird, die jedoch immer wieder zu einer Erzählung zusammenlaufen. Durch den Titel des Buches ist jedoch leider nach dem letzten Zeitsprung einigermaßen absehbar, was noch passieren wird. Dennoch gibt es auch innerhalb der Geschichte einzelne Erzählungen, etwa über Romaninhalte, über die man gerne mehr erfahren würde und in denen sich Inhalte für weitere Bücher auftun.
Sex bzw. sexuelle Handlungen spielen in dem Roman eine sehr große Rolle. Dies wird mit der Zeit etwas störend, wenn die gesamte Zeit über fast nur von Sex bzw. Onanieren die Rede ist. Dies durchzieht leider weite Teile der ersten Zeitebene, so dass man beim Lesen irgendwann schon etwas genervt ist. Und auch in der zweiten Zeitebene ist man irgendwann von der Freundin, die nur Sex im Kopf hat, genervt und fragt sich, ob es wirklich Menschen gibt, die sich mit Vierzig immer noch nur noch für Sex interessieren.
Obwohl das Buch auch einige traurige Elemente, etwa die Auseinandersetzung mit dem Tod beinhaltet, gelingt es Irving nicht, dass man mit der Trauer der Figuren mitfühlen kann. Keine der Figuren weckt die uneingeschränkte Sympathie des Lesers, da man sich eigentlich bei fast allen Figuren nur über einige Dinge ihrer Lebensgestaltung wundern kann und die auch nicht wirklich nachvollziehen kann. So fragt man sich, ob man wirklich sein Leben lang in eine Person verliebt sein kann, mit der man als Teenager einmal eine Affäre hatte, oder, ob es wirklich Menschen gibt, die die Entscheidung zu Heiraten daran festmachen, dass sie ihren Partner mögen und es Zeit wäre zu heiraten.
Insgesamt also ein interessant erzählter Roman, der allerdings beim Inhalt nicht vollständig überzeugt.

2,5 von 5 Punkten

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