Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Wicked (Michael Preissl (Hrsg.))

Voodoo Press
Taschenbuch, 220 Seiten
ISBN 978-3-9502701-7-4
12,95 €


Ein kurzer Einblick

Sammlung böser Geschichten nationaler als auch internationaler Autoren. Jede Geschichte wurde exklusiv von Christian Krank illustriert.

Torsten Scheib: Heimkehr
Kealan Patrick Burke: Die Frequenz des Verlustes
Jeremy C. Shipp: Keine Sonne in der großen Stadt
Christian Endres: Die Anzeige
Daniel I. Russell: Streiche, Unfug und Chaos
Dominic Flenner: Die grüne Fee
Michael Siefener: Willkommen
Markus K. Korb: Fest der Maden
Tobias Bachmann: Das Fundament
Sören Prescher: Die Tätowierung
Michael Tillmann: Tibetanisches Windspiel

Bewertung

„Wicked“, 2011 im Voodoo Press Verlag erschienen, macht durch seine Namen auf sich aufmerksam. Eine wohl bekannte deutsche Autorenriege versammelt sich zwischen den 200 Seiten, doch auch internationale Autoren haben sich darunter gemischt. Wohliger Grusel und schauriger Horror, das dürfte man bei den Namen erwarten, die doch ein Garant für guten Horror sind. Die von Christian Krank illustrierten Storys, die Vitae und das stimmungsvolle Cover runden das Gesamtbild ab.
Die Autorenriege mag begeistern, die Ideen tun es dann leider weniger. Die soliden, aber durchschnittlichen Ideen trüben das Leseerlebnis, aber eine überwiegend hervorragende Umsetzung macht den Wehrmaustropfen zumindest etwas wett. So präsentieren sich auch die ersten „Wicked“-Geschichten enttäuschend, doch die Enttäuschung schwindet nach und nach, wenn Geschichten wie „Keine Sonne in der großen Stadt“, „Die Anzeige“ oder „Die Frequenz des Verlustes“ zeigen, was richtig guter Horror ist.

Michael Siefeners („Der Teufelspakt“ Eloy Edictions, „Nathaniel“ Festa Verlag) „Willkommen“ ist der stimmungsvolle Eröffnungsakt um einen Journalisten, der für eine Story über Okkultismus recherchiert. Wie üblich ist die erste Story kein literarischer Meilenstein, aber – wie üblich – übt sie ihren Zweck aus und weckt den Hunger nach mehr, der mit den mittelmäßigen Geschichten von Markus K. Korb und Dominic Flenner nicht gestillt, sondern lediglich angeheizt wird.
Erst Jeremy C. Shipp schafft es die Messlatte mit seiner eigenwilligen Story „Keine Sonne in der großen Stadt“ höher zu legen. Anders als mit seinem Kurzroman „Der Trip“ (Voodoo Press), der zu verworren und verdreht ist, gelingt es Shipp auf 20 Seiten eine weitaus stringentere Geschichte zu entwickeln, die mit einer Mischung aus SciFi und Mystery zwar nicht zu begeistern, aber mit ihrer Gesellschaftskritik und dem markanten Stil ein wohlwollendes Nicken zu entlocken vermag.
Das gute „Tibetanische Windspiel“ Michael Tillmanns möchte ich überspringen und zur strittigen Story „Streiche, Unfug und Chaos“ des Autors Daniel I. Russell“ („Samhane“ Voodoo Press) zu sprechen kommen. Die Idee hat mich Ansatzweise an Will Elliotts grandioses „Hölle“ (Piper Verlag) erinnert, ist dann glücklicherweise doch eigene Wege gegangen. Gruselige Clowns, dafür habe ich etwas übrig. So hatte es dann auch die Idee leichter mich zu überzeugen, die ich übrigens wirklich gut, aber eben auch nur gut, finde. Doch wie in „Samhane“ hapert es an der Umsetzung, die nicht so recht überzeugen kann. Der Funke springt nicht über. Schade …
Auch Sören Preschers „Die Tätowierung“ vermag zu gefallen, hätte aber ein wenig mehr dem Wahnsinn anheim fallen dürfen. „Die Frequenz des Verlustes“ von Kealan Patrick Burke („Der Schildkrötenjunge“ Eloy Edictions“) entschädigt für vieles, ist es doch ausnahmslos die beste Story in „Wicked“. Ein Mann verliert seine Frau bei einem Autounfall. Ihren Tod kann er genauso wenig verschmerzen wie ihre Eltern und so gehen Verlust und Liebe Hand in Hand den Weg über die Grenzen des Todes hinaus. Neuartig ist Burkes Idee keineswegs; im Gegenteil. Technisch umgesetzt ist sie dafür aber hervorragend. Man spürt den Schmerz des Protagonisten. Trauert mit ihm. Leidet an (viel zu realen) Wahnvorstellungen. „Die Frequenz des Todes“ ist eine grandios atmosphärisch-gefühlvolle Story.
„Das Fundament“ Tobias Bachmanns („Das Spiel der Ornamente“ Eloy Edictions, „Dagons Erben“ Basilisk Verlag) verleiht der jüdischen Legende, dem Golem, neues Leben. Teilweise eklig, teilweise schockierend, aber gut geschrieben, erweckt Tobias Bachmann das Fundament des Hauses zum Leben.
Mit der schon fast als Novelle anzusehenden 50-seitigen Geschichte „Heimkehr“ von Torsten Scheib muss der Leser die Gefilde des Horrors vorerst verlassen.

Fazit

„Wicked“ liefert gewohnt gute Horrorkost zwischen Old School Horror und Splatter. Die Ideen sind nicht fade, aber auch nicht kreativ. Gerade zu Anfang lassen die Umsetzungen zu wünschen übrig. Letztendlich entwickelt sich „Wicked“ dann aber doch zu einer verdammt passablen Anthologie bekannter Namen und guter Storys. Fakt ist aber auch, dass es bessere Anthologien (mit den gleichen Namen) gibt.

3,5 von 5 Punkten

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