Freitag, 14. Dezember 2012

Rezension: Walfred Goreng (Armin Rößler / Dieter Schmitt (Hrsg.))

Wurdack
Taschenbuch, 185 Seiten
ISBN 3-938065-04-4
9,95 €


Ein kurzer Einblick

Die Zukunft ist voller Fragen:
Wovor fürchtet sich der Programmierer Chris? Ist Njomwegs Krankheit, die nur Kinder befällt, wirklich unheilbar? Und was hat Ökonomie mit Raumfahrt zu tun?

Interkulturelle Probleme gibt es auch morgen:
Ein Computerfehler löst diplomatische Verwirrungen aus, ein Fluch hingegen schafft Frieden; und die Lärmempfindlichkeit wandelnder Kakteen führt zum Zusammenbruch des interplanetaren Handels.

... und mysteriöse Verbrechen ebenfalls:
Einem Starpianisten werden die Hände gestohlen, die Blautigerkatze Walfred ist unauffindbar, Polizisten aus Vergangenheit und Zukunft jagen einen Verbrecher und irgendjemand stiehlt Blut.

Bewertung

24 SF-Kurzgeschichten von 26 Autoren tummeln sich in dem im Jahr 2005 mit dem Deutschen Science Fiction Preis nominierten Werk »Walfred Goreng«. Die Überzahl der Autoren war 2004 noch den Hobbyschriftstellern zuzurechnen, doch viele Namen etablierten sich bis heute in der Phantastik-Szene. Durch ein fehlendes Thema standen den Sprachkünstlern eine unbegrenzte thematische Vielfalt und kreative Ergüsse zur Verfügung. Schriftstellerisch ist die Qualität der Geschichten auf einem gut-soliden bis hohen Niveau. Literarische Flops bleiben daher aus und lediglich Vorhersagbarkeiten, ordentliche, aber belanglose oder schlicht und ergreifend leicht unfertig wirkende Geschichten machen dem Lesespaß zu schaffen. Aber auch dies in nur geringem Maße.
Unmöglich bis schwer ist es auf diese Anthologie einzugehen, wenn ich es nicht bei oberflächlichen Trivialitäten belassen möchte. Über jede der 24 Storys ein Wort zu verlieren würde den Rahmen sprengen, sodass ich sehr subjektiv eine hoffentlich repräsentative Auswahl an Geschichten getroffen habe. Ausdrücklich weise ich daher daraufhin, dass folgender Querschnitt nur verdeutlicht, auf was sich der Leser einlässt.

Markus Kastenholz‘ »Walfred Goreng«, die titelgebende Story, ist die klassische Eröffnungsstory. Kein Highlight, kein leservergraulendes Unding - eine grundsolide Idee mit einem ebenso einfach gehaltenen Stil, der Vorfreude auf kommende Kreativideen weckt. Exotisch, aber vorhersehbar ist »Walfred Goreng« schnell vergessen. Jennett vermisst ihre timoresische Blautigerkatze. Als sie mit Ben im Planet China, die als einziges Restaurant echtes Fleisch verwenden, essen geht, kommt Jennett ein Verdacht. Nein, in ihrem süß-sauren Sushi-Burger ist nicht Walfred verarbeitet. Ganz so absehbar gestaltet Markus Kastenholz die Pointe dann doch nicht.

Melanie Metzenthins »Vom Fluch des Fortschritts« ist eine zweiseitige Kürzeststory mit Witz und Charme. Sie ist zu kurz, um in ihr abzutauchen, und zu lang, um als witzige Anekdote am Rand stehen zu bleiben. Kevin-Armin Homeleuchter ist des Fluchs des Fortschritts überdrüssig und ruft in einer Wahlkampagne zu den Werten der Vergangenheit auf.

Stefan Wogawas »Ein Alien kommt selten allein« ist eine lupenreine Pulp-Story, deren Art nicht jedermanns Geschmack treffen wird. Der übertrieben dämliche und plumpe Stil und damit auch die Ideen mögen zwar ganz amüsant sein, finden mein Wohlgefallen jedoch nicht. Leonard Smyth wird aus Mangel an Botschaftern kurzerhand zu einem berufen und auf dem Planeten Porridus eingesetzt. Tollpatschig und kaum für den Job geeignet, tritt Leonard prompt in jedes Fettnäpfchen, das er entdecken kann. Schräg, skurril, aber Geschmackssache.

Uwe Hermanns »Das Geheimnis der unentschlossenen Treppe« ist eine der exzellenten Storys, die sich das Prädikat Lesen ist Pflicht! mühelos verdient hat. Zeitreisen ist wahrlich keine neuartige Idee mehr, muss es aber auch nicht sein, wenn man das Thema einfallsreich einsetzt. Die Kombination aus Zeitreise und Jack the Ripper funktioniert einwandfrei. Die zunächst unentschlossene Treppe, die in eine Art Labor führt (oder auch nicht), mutet anfangs eher wie ein mysteriöses Objekt an, bevor die Geschichte zur Science-Fiction wechselt. Der Protagonist, ein Streifenpolizist, entdeckt bei einer Routineuntersuchung die Treppe und will ihr Geheimnis ergründen. Unterdessen ist der Polizeiapparat aber mit der Fahndung nach Jack the Ripper beschäftigt. Auf faszinierende Weise fügen sich beide Teile zusammen. Wie? Nein, das verrate ich nicht.

Edgar Güttges »Dezibel« ist eine wahrhaft prachtvolle Parabel auf den Behördenwahnsinn. Unsinnig oder sinnig steht nicht zur Debatte, Paragraphen sind da, um strengstens ausgeführt zu werden. Da gibt es kein Wenn und Aber. Die Lärmschutzbestimmungen des Raumhafens Dezibel machen den Anflug des Postschiffs zunichte. Ein Landeanflug wäre ja noch möglich, aber der Start der Triebwerke beim Abflug würde gegen die geltenden Verfügungen verstoßen. Folgend entspinnt sich eine obskure Handlung, die einen zwanghaft Schmunzeln lässt, ob der irrwitzigen Bestimmungen. Infolgedessen fügt sich die Pointe mustergültig in die Story ein.

Markus Kastenholz: Walfred Goreng
Thorsten Küper: Njomwegs Krankheit
Heidrun Jänchen: Omega
Dieter Schmitt: Arbeitstag
Helmuth W. Mommers; Ernst Vlcek; Uschi Zietsch: All inclusive
Peter Hohmann: Tag des Glücks
V. Groß: Maschinelle Gelassenheit
Melanie Metzenthin: Vom Fluch des Fortschritts
Lutz Hermann: Corona
Thomas Kohlschmitt: Mein Schicksal in deinen Händen
Petra Vennekohl: Vascul
Andreas Flögel: Der Besuch
Frank Hoese: Erstkontakt
Klaus Eylmann: Mamma
Barbara Schinko: Dies ist eine Warnung
Stefan Wogawa: Ein Alien kommt selten allein
Dietmar Preuß: Der Kampf gegen die Baumfresser
Andrea Tillmanns: Träume
Uwe Hermann: Das Geheimnis der unentschlossenen Treppe
Birgit Erwin: Himmelfahrtskommando
Robert Kerber: Bibliothekar
Edgar Güttge: Dezibel
Veronika Fischer: Nachmittagsprogramm
Roland Triankowski: Ausgang

Fazit

»Walfred Goreng« hat sich die Nominierung zum Deutschen Science Fiction Preis 2005 verdient. 26 Autoren zeigen ihr Können - nicht immer perfekt, aber immer unterhaltend. Niemals wird mit der Moralkeule geschüttelt, auch wenn es das ein oder andere Mal möglich gewesen wäre. Stattdessen bedienen sich die Autoren lieber des Humors und der Aberwitzigkeit, um menschliche Unsinnigkeiten vorzuführen. »Walfred Goreng« ist ein würdiger zweiter Band in der Science-Fiction-Reihe des Wurdack Verlages.

4 von 5 Punkten

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