Sonntag, 16. Dezember 2012

Rezension: Verdammnis (Stieg Larsson)

Heyne
Hardcover, 752 Seiten
ISBN 978-3-453-01360-5
22,95 €


Ein kurzer Einblick

Ein ehrgeiziger junger Journalist bietet Mikael Blomkvist für sein Magazin „Millennium“ eine Story an, die skandalöser nicht sein könnte. Amts- und Würdenträger der schwedischen Gesellschaft vergehen sich an jungen russischen Frauen, die gewaltsam ins Land geschafft und zur Prostitution gezwungen werden. Als sich Lisbeth Salander in die Recherchen einschaltet, stößt sie auf ein besonders pikantes Detail: Nils Bjurman, ihr ehemaliger Betreuer, scheint in den Mädchenhandel involviert zu sein. Wenig später werden der Journalist und Nils Bjurman tot aufgefunden. Die Tatwaffe trägt Lisbeths Fingerabdrücke. Sie wird an den Pranger gestellt und flüchtet. Nur Mikael Blomkvist glaubt an ihre Unschuld und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Seine Nachforschungen führen in Lisbeths Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die ihn bald das Fürchten lehrt.

Bewertung

Der Journalist Dag Svensson schreibt für Millennium eine Story über Mädchenhandel und Prostitution, in der Polizei-Beamte, Journalisten und Rechtsanwälte namentlich angeprangert werden. Mia Bergman, Svenssons Freundin und Kriminalistin, beschäftigt sich in ihrer Doktorarbeit mit dem gleichen Thema. Doch noch bevor die Story veröffentlicht, das zugehörige Buch gedruckt und gegen die Vergewaltiger Strafanzeige erstattet werden kann, schaltet sich Lisbeth Salander ein. Kurz darauf werden sowohl Svensson und Bergman, als auch Lisbeths rechtlicher Betreuer Nils Bjurman erschossen aufgefunden. Alle Indizien beschuldigen Salander, woraufhin die Polizei eine Großfahndung nach ihr ansetzt und die Medien jedes pikante Detail über ihr Leben veröffentlichen.

Lisbeth Salander war schon in „Verblendung“ die schillerndste Gestalt unter den Charakteren Larssons – nun rückt sie in den Mittelpunkt des Interesses. Ihr Leben wird von vorne bis hinten aufgekrempelt. Sie ist zur bekanntesten und gesuchtesten Person Schwedens geworden. Lisbeth, 26 Jahre alt, mit zwölf Jahren in eine psychiatrischer Klinik eingewiesen, als geschäftsunfähig erklärt, wird nach dem Schlaganfall ihres Betreuers Holger Palmgren Nils Bjurman als neuen rechtlichen Betreuer unterstellt und von diesem mehrfach vergewaltigt. Finanziell ist sie von niemandem mehr abhängig, denn mit ihren einzigartigen Hacker-Fähigkeiten hat sie sich ein Vermögen von Millionen angeeignet. Und – sie besitzt ein fotografisches Gedächtnis.
Grob umrissen skizziert dies Lisbeths Person. Wer sie wirklich kennen lernen möchte, muss in die Bücher von Stieg Larsson abtauchen und ihren Charakter erkunden, der immer wieder Neues zum Vorschein zu bringen vermag.

Stieg Larsson pflegt einen äußerst einfachen und unterhaltsamen Stil, der in seiner Ausführung den Nerv eines gekonnt erzählten Krimis trifft und zu begeistern vermag. Dieser Stil zeichnete schon „Verblendung“ aus und macht auch den zweiten Teil der „Millennium“-Trilogie zu einem Leseerlebnis. Ganz klar ist aber auch, dass man von dieser Art Stil nicht viel in puncto Originalität erwarten darf. Weder „Verblendung“ noch „Verdammnis“ sind Unterhaltung auf hohem Niveau, dafür aber allerbeste Lektüre zum Genießen ohne große geistige Anstrengung.
Doch der Stil ist auch die einzige Stärke. Weder die Charaktere, noch die Story kann überzeugen. Stieg Larsson überschreitet die Grenzen der Unglaubwürdigkeit. 
Ein Krimi soll zum Rätseln animieren. Und das schafft Larsson auch problemlos. Oftmals läuft dies unweigerlich darauf hinaus, dass die Auflösung oder auch der Handlungsverlauf konstruiert wirken. Bis zu einem gewissen Grad ist dies zu verschmerzen – doch irgendwann, wenn die Verknüpfungen und Zusammenhänge abstrus werden, wäre etwas weniger deutlich mehr gewesen.
Das gilt auch für den Einstieg in den Roman. Die ersten 200 Seiten baut Stieg Larsson seine Story auf, lässt seine Figuren durch die Betten hüpfen und führt den Leser in die Charaktere ein. Doch das wäre auch auf weniger Seiten möglich oder zumindest mit mehr Handlung deutlich interessanter gewesen. Erst nach 300 Seiten nimmt die Geschichte endlich die Spannungskurve nach oben, als Dag und Mia erschossen werden.
So spannend es dann auch wird, die zahlreichen Handlungsfäden, die beständig Ort und Perspektive wechseln, immer wieder neue Fakten ans Tageslicht zerren und überraschend miteinander verknüpft werden, sind sowohl Segen als auch Fluch. Einerseits gelingt es Larsson nicht gänzlich einem roten Faden zu folgen, den sein Stil bitter nötig hätte. Zu viele Parteien ziehen am gleichen Strick und kochen doch ihren eigenen Brei. Andererseits ermöglichen die wechselnden Perspektiven einen tiefen Einblick in die Ermittlungen der Polizei, dem Sicherheitsunternehmen von Armanskij und Mikael „Kalle“ Blomqvist. Eine etwas stringentere Zusammenarbeit oder reduzierte Parteienvielfalt wäre dennoch wünschenswert gewesen.
Während Polizei, Armanskij und Blomqvist aus unterschiedlichsten Gründen nach Lisbeth Salander fahnden, gerät das anfängliche Thema Mädchenhandel und Prostitution zusehends in Vergessenheit bis es schlussendlich ein Thema geworden ist, das unter den Tisch fehlt. Die Story um Mädchenhandel ist lediglich der Aufhänger für die eigentliche Story. Traurig, denn gerade auf dieses Thema hatten sich die ersten 300 Seiten fokussiert. Vielleicht wird in „Vergebung“ tiefer in das Thema eingedrungen ...
Doch nicht nur Story und die Verknüpfungen werden immer mehr übertrieben, auch die Charaktere erleiden eine Überdosis an Unnatürlichkeit. Der Boxer Paolo Roberto wird von einem blonden Riesen fast umgebracht. Lisbeth Salander erwehrt sich zwei dieser Gestalten ähnlichen Kalibers und kommt ohne einen Kratzer davon. Das mag ich noch akzeptieren können. Wenn aber Salander angeschossen und mit einer Kugel in Hüfte, Schulter und Kopf lebendig begraben wird, ist ihr Rachefeldzug gegen Zala beendet. Ist? Sollte! Trotz der fast tödlichen Verletzung gräbt sie sich eigenständig aus und macht dort weiter, wo sie aufgehört hat. Sorry, aber spätestens an diesem Punkt hat Stieg Larsson seine Glaubwürdigkeit verspielt! Das mutet nicht nur wie eine Lösung aus der Deus ex Machina an, es ist eine Lösung der Deus ex Machina. Die einzige Figur mit unsterblichem Überlebensinstinkt ist Lisbeth Salander natürlich nicht …

Fazit

Warum „Verdammnis“ 2006 den Schwedischen Krimipreis gewonnen hat, bleibt mir ein Rätsel. Exzellent erzählt und aufgebaut mag die Geschichte um Lisbeth Salanders Lebensgeschichte sein. Doch die Überzogenheit der Charaktere, die selbst dann nicht wanken, wenn sie tödlich verletzt sind, und einer Story, die wie betrunken dem roten Faden folgt, muss sich schämen. Mehr als Unterhaltungslektüre des Mainstreams ist „Verdammnis“ nicht.

3 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen