Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Ultra Fuckers (Carlton Mellick III)

Festa
Hardcover, 124 Seiten
ISBN 978-3-86552-122-4
12,80 €


Ein kurzer Einblick

Als Tony seine Frau zur Party ihres Arbeitgebers fährt, verirrt er sich in der Einfamilienhausöde von Eagle Hill. Kein Wunder: Alle Straßen sehen gleich aus, alle Häuser sehen gleich aus, alle Leute sehen gleich aus. Alles ist gleich.
Viele Kilometer später ahnt Tony, dass er aus diesem Vorstadtlabyrinth nie wieder herauskommt. Mit den Häusern stimmt etwas nicht und auch die Menschen, die ihn durch die Fenster angaffen, wirken unnatürlich … seltsam ungerührt.
Dann begegnet Tony den japanischen Punkrockern der Ultra Fuckers. Sie tyrannisieren Eagle Hill – aber nur, um die Welt vor der monströsen Konsummaschine zu retten. Sagen sie. Tony schließt sich den Irren an …

Bewertung

Eine Welt des Carlton Mellick III kann einfach nicht normal sein! So oder so ähnlich könnte ein Werbespruch lauten, der Mellicks III Szenarien durchweg auf den Punkt bringt. Wer bei Titeln wie „Der Baby-Jesus-Anal-Plug“ „Adolf in Wonderland“, „Satan Burger“ oder „The Haunted Vagina“ einen handelsüblichen Roman erwartet, der hat sich bei Mellick III definitiv in der Lektüre vergriffen.

Die Ehe von Tony ist zerrüttet. Auf der Autofahrt zur Party des Arbeitgebers seiner Frau ist ein vernünftiges Gespräch zwischen ihnen nicht möglich. Stattdessen wird gemeckert und werden dem Ehepartner Unannehmlichkeiten bereitet: Zu lautes Radio, seltsame Gesichtsgrimassen, etc. Also ... eigentlich ist doch alles normal?
Nun, alles ist so lange normal, bis sie die Schranke zur geschlossenen Wohngegend Eagle Hill durchfahren. Immer weiter verirren Tony und seine Frau sich in den Straßen der Neubausiedlung. Anhaltspunkte gibt es keine, denn alles sieht gleich aus. Reihenhaus an Reihenhaus an Reihenhaus. Jedes Haus hat einen gepflegte Garten und ein schwarzes oder graues Auto vor der Tür stehen. Alles ist gleich. Total gleich. Unterschiede sind auf Null reduziert worden. Dass Tony und seine Frau noch pünktlich zur Party kommen, die Hoffnung haben sie schon längst aufgegeben und schieben dem Partner die Schuld daran zu.
Der Roman nimmt sehr gemächlich Fahrt auf. Zunächst wird die vertraute Welt aufgebaut, bevor die ersten schrägen Eindrücke von Eagle Hill Gleichförmigkeit nicht nur offen zur Schau tragen, sondern auch ein unterschwelliges Grauen in die Welt lassen. Ein Grauen, das nicht wirklich gefasst werden kann. Aber auch ein Grauen, das seine volle Monströsität entfaltet, sobald Carlton Mellick III alles auf die Spitze treibt. Mellicks III Achterbahnfahrt der Skurrilitäten nimmt einen rasanten Verlauf, der über die eigentliche Spitze hinausschießt und bis zum letzten Quäntchen übertreibt. Normalität ist kein Bisschen mehr vorhanden. Selbst die Ultra Fuckers, japanische Punkrocker, die sich ebenfalls in der Wohngegend verirrt haben, die noch die größte Vertrautheit erwecken, vermögen ein ungläubiges Lächeln auf die Lippen zu zaubern, aufgrund ihrer Art: „'Ultra-Fucker-Lifestyle', brüllt Nagata“, während sie demolierend und randalierend Eagle Hill in ein unsicheres Pflaster verwandeln.
Carlton Mellicks III Stil ist einfach, schnell und gnadenlos schräg. In der Kürze liegt hier wahrlich die Würze. Das sagt auch Mellick III selbst im Vorwort. Ob es an der Knappheit der Worte und der Einfachheit der Sprache gemangelt hat? Ich weiß es nicht. Am Stil des Romans habe ich auch nichts auszusetzen, aber die Gespräche von Tony und seiner Frau lesen sich doch arg gestelzt. Wenn dies aber der einzige Kritikpunkt bleibt – und von meiner Seite aus ist dies der Fall – dann habe ich nichts dagegen „Ultra Fuckers“ ein Daumen hoch zu geben.

Mit der Aufmachung des Romans hat sich der Festa Verlag schon bei „Die Kannibalen von Candyland“ übertroffen: Rosa Seiten, ein quietschbuntes Cover und wenn man den Bauch der Frau streichelt, duftet es verführerisch nach Erdbeeren. Bei den „Ultra Fuckers“ duftet zwar nichts, aber auch hier ist das Cover eine wahre Augenweide und auch die Seiten sind in Farbe gehalten: ein Orange, das fast schon unangenehm beim Lesen ist, aber wunderbar das Genre Bizarro Fiction unterstreicht.

Fazit

Mit „Ultra Fuckers“ hat der Festa Verlag einen weiteren Leckerbissen von Carlton Mellick III auf den Buchmarkt gebracht. Optisch ansprechend und inhaltlich bis über die Schmerzgrenze verrückt, erschafft der Autor eine Vorstadthölle der Einfamilienhäuser und der perfekten Familien mit Katze, Hund und Baby. Eigentlich genau das, was der Mensch sich wünscht – oder?

3 von 5 Punkten

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