Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Totes Meer (Brian Keene)

Heyne
Taschenbuch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-453-52705-8
8,95 €

Ein kurzer Einblick

Dies ist der Untergang der Welt, und er beginnt in der New Yorker Kanalisation: Ein Killervirus breitet sich rasend schnell aus und rafft Tiere wie Menschen dahin – nur um sie anschließend als bösartige Zombies wiederauferstehen zu lassen. Lamar Reed, einer der wenigen Lebenden, kann sich mit einem Boot aufs Meer retten, in Sicherheit, wie er glaubt. Ein tödlicher Irrtum ...

Bewertung

Brian Keene hat sich den Weltuntergangszenarien verschrieben. Zombies scheinen seine liebsten literarischen Kreaturen zu sein. Tumb und allein nach lebendem Fleisch gierend, wanken sie durch die Straßen und werden den Überlebenden nur gefährlich, weil ihre Zahl unermesslich steigt. Rasend schnell haben sie den Erdball erobert, New York hat sie in die Welt ausgespuckt. Eine Epidemie ohne Ausweg, ein bildgewaltiges Spektakel und ein Feuerwerk verfaulender Leichname. Wer zu einem Roman von Brian Keene greift, sollte sich bewusst sein, dass die Apokalypse keine Hoffnung birgt und Zerstörung und Tod den Weg der Leidenden pflastert. Wohin Sie auch rennen mögen, geneigter Leser, wohin auch Ihre Hoffnung treiben mag, seien Sie sich bewusst, dass es keinen Ort der Rettung geben wird – zumindest nicht auf Dauer.
„Totes Meer“ will nur eines: unterhalten. Und das kann es perfekt. „Totes Meer“ ist nur eines: ein heftiges und schnelles Leseabenteuer, das niemanden aus seinen Klauen lässt, bevor der letzte Satz gelesen ist. „Totes Meer“ kann vor allem eines: Tote zum Leben erwecken. Rasend schnell wird der beste Freund zum ärgsten Feind. Doch eines vermag „Totes Meer nicht: Neues zu bieten.
Der Ekelfaktor wird stets verdammt hoch gehalten. Wer mehr nicht will, ist bestens bedient. Dass sich auch Tiere in Zombies verwandeln, ist ein durchaus ungewohntes Bild, vernachlässigt die Filmbranche diesen Aspekt doch sträflich. Neu ist diese Idee aber auch nicht mehr, hat Brian Keene Zombietiere doch bereits in „Das Reich der Siqqusim“ (Otherworld) erfolgreich verarbeitet. Und mehr als untot durch die Gegend schwanken können Zombies nun einmal nicht; Neues müsste aus anderen Richtungen kommen, doch Keenes Fokus ist strikt auf unsere toten Freunde gerichtet. Und, nun gut, auch auf das Überleben einiger weniger Menschen, die wir auf ihrer Flucht vor den hungrigen Mäulern begleiten. Die menschliche Psyche ist auch der einzige interessante Kontrast zu den tumben Zombies, ist sie doch das Einzige, das keiner klaren Struktur unterliegt. Zusammenhalt in der Gemeinschaft, das Aufeinandertreffen verschiedenster Menschen (Zwist ist menschlich vorprogrammiert), der Gedanke: Warum kämpfe ich überhaupt noch, wenn die Zukunft ein grauenvolles Ende ist? oder die ganz allgemeine Frage nach dem Lebenssinn. Trotz all dieser philosophischen Gedankengänge, die eigentlich nicht mehr als Dekoration sind, um etwas Abwechslung in das Gemetzel und die ewige Flucht zu bringen, rast die Handlung unentwegt weiter auf das unausweichliche Ende zu; Die Frage nach Wie lange bleibe ich noch am Leben? ist irrelevant, die Charaktere kämpfen unbeirrt weiter.
Obwohl das philosophische Getratsche für die Handlung keinen tieferen Sinn besitzt, gehört es einfach dazu, sind dies doch die Themen, mit denen der Mensch sich in derartigen Situationen beschäftigt. Konsequenterweise hält Keene diese weltbewegenden Erkenntnisse auf ein erträgliches Maß zurück (denn mehr als die Standartfragen und -floskeln spult er leider nicht ab), doch beim christlichen Fundamentalismus erbricht sich Keene regelrecht am Thema und geht in Endlosschleife. Nichts gegen das Thema, aber derart aufdringlich hätte es nicht sein müssen, derart oft wiederholt hätte die ein- und dieselbe Phrase nicht werden müssen. Oder glaubt jemand von Ihnen daran, dass Jesus von den Toten zurückgekehrt ist – als Zombie?
Dagegen an stehen jedoch wirklich grandiose Szenarien, von denen ich eines nennen möchte: Ein Wal taucht aus den Fluten des Meeres auf – untot – und versinkt wieder, während das Meer um ihn herum brodelt; tote Fische attackieren ihre noch lebenden Artgenossen. Ein wirklich beeindruckendes Bild!

Richard Laymons Lobeshymne über diesen Roman auf der Buchrückseite ist mehr als deplatziert, ist „Totes Meer“ im Original doch erst 2007 erschienen; Laymon starb bereits 2003. Oder ist auch dieser als Zombie wiedergekehrt?

Fazit

Rasant, blutig – zombiegrotesk! Ein Roman wie ein Faustschlag in den Magen, Ekelfaktor garantiert. Horrorfreunde werden ihren hellen Spaß haben, Freunde des Splatter werden sich an den detailreich beschriebenen Zombies die Lippen lecken. „Totes Meer“ ist eine Gaumenfreude für jene, die sich bei ein paar Bluttropfen enttäuscht abwenden, aber bei auf der Straße schleifenden Innereien große Augen bekommen. Ein kleines Wunder, dass dieser Roman nicht in der Reihe „Heyne Hardcore“ erschienen ist.

4 von 5 Punkten

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