Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Tagebuch aus der Hölle (Jeffrey Thomas)

Festa
Taschenbuch, 272 Seiten
ISBN 978-3-86552-096-8
13,95 €


Ein kurzer Einblick

Die Warnung eines Toten an uns, die noch Lebenden
Dies sind die Aufzeichnungen eines Mannes, der nach seinem Selbstmord in der Hölle erwacht – denn dort landen alle Menschen, außer bibelfeste Christen. Fragt den Papst, der wird es Euch bestätigen.

Eine Welt des Leidens und ewigen Sterbens
Wie all die anderen armen Seelen muss der Mann endlose Qualen ertragen – denn in der Hölle stirbt man nicht. Und die vielen Dämonen haben nur eine Aufgabe: Ungläubige zu foltern und zu bestrafen.
Als der Mann die schwerverletzte Dämonin Chara findet, die von einigen rebellischen Verdammten an einem Baum gekreuzigt wurde, überkommt ihn Mitleid. Er befreit Chara und damit löst er eine sich langsam vollziehende Kettenreaktion aus, die zur letzten Schlacht zwischen Himmel und Hölle, Engel und Dämonen führt ...

Bewertung

Als Schriftsteller erfolglos, von der Ehefrau verlassen, sieht der Tagebuchschreiber, der seinen Namen niemals nennt, keinen anderen Ausweg als Selbstmord. Er erschießt sich, um den Qualen des Lebens zu entgehen – und landet ironischerweise in der Hölle, in der Quallen an der Tagesordnung stehen. In der Avernus-Universität steht Selbsterniedrigung und Selbstkasteiung auf dem Stundenplan, bevor er nach mehreren Tagen Kreuzigung aus der Universität entlassen wird.
Wer seinen Glauben nicht an Gott richtet, kommt zur Bestrafung in die Hölle. Das betrifft sowohl Verbrecher, Kinderschänder und Nichtchristen, als auch jene, denen der Glaube an Gott verwehrt war, aufgrund der Geburt vor dem Leben Jesu Christi. Doch Gott macht da keinen Unterschied. Wer nicht an den Allmächtigen glaubt, muss das ewige Strafprogramm Hölle durchlaufen. Die Hölle ist ein gepflegter Ort der Qualen, ein Produkt Gottes, geschaffen zur systematischen Folterung aller ungläubigen Menschen. Luzifer gibt es nicht, der Schöpfer übernimmt die sadistische Rolle gleich mit. Und jener ist ein seniler Greis, der im Koma liegend absurde Befehle an seine Engel weitergibt. Die Dämonen sind seine ausführenden Organe, die das bürokratische System der menschlichen Qualen rigide führen. Die Engel fallen immer wieder mit Armeen in die Hölle ein, um Städte zu schleifen, Angst und Schrecken zu verbreiten, zu brandschatzen und zu vergewaltigen. Sie sind die lüsternen Kreaturen, die besessen sind nach den Qualen anderer. Sie sind jene, die die freie Entscheidung haben, ein friedliches Leben im Himmel zu führen oder in der Hölle gefürchtet zu werden. Die Dämonen hingegen sind die Kreaturen ohne Wahl. Sie sind in ihre Rolle als Henker hinein geboren. Verdrehte Rollen, verkehrte Welt?
Jeffrey Thomas entwirft eine Hölle, die unsrigen Vorstellungen entgegensteht. Eine düster-lüstern bizarre Exotik mischt sich mit Steampunk, Fantasy und Horror. Das sind gute Voraussetzungen für tolle Bilder. Und genau diese kreiert Thomas. Es sind intensive Bilder der Hölle und der Qualen. Ein gehärtetes Lavafeld, in dem Menschen eingeschlossen sind, nur der Kopf schaut noch heraus; währenddessen nähert sich ratternd die Erntemaschine. Eine riesige, schwarze Kathedrale kreischt auf Schienen wie eine schnaufende Lokomotive durch die Städte und sammelt wahllos Menschen ein, um diese unvorstellbaren mentalen Qualen auszusetzen. Der Mensch, diesem Grauen hoffnungslos ausgeliefert, kann nicht sterben. Der Astralleib empfindet lediglich Schmerzen. Verlorene Körperteile wachsen unter unvorstellbarer Pein nach. Der ewigen Folter steht die Tür offen.
Im Tagebuchstil geschrieben, wird der Leser eng an den Tagebuchschreiber gebunden. Jeffrey Thomas geht jedoch nicht soweit, das Tagebuch absolut authentisch zu halten; wie ein Roman liest sich die Geschichte dennoch. Und das ist auch gut so. Denn nur so können die gelungenen Bilder ihre volle Kraft entfalten, die durch düstere Schwarzweiß-Illustrationen kongenial unterstützt werden.
Dass lange Zeit kein klarer Handlungsstrang die Richtung anweist, hat zwei Kehrseiten. Einerseits irrt der Protagonist anfangs ohne Ziel durch die Hölle, andererseits gibt es für den Leser keinen Bezugspunkt, sodass die Handlung mehr vor sich hin dümpelt, als sich zu entwickeln. Einerseits langweilt dies, andererseits ist die Konsequenz unverfälscht glaubhaft.
Nach einigen Strapazen – endlich zeichnet sich ein vages Ziel ab – ist der Tagebuchschreiber auf dem Weg nach Oblivion, wo er sich Zuflucht und Ruhe verspricht. Doch bevor er dort ankommt, findet er die Dämonin Chara an einem Baum aufgespießt – und befreit sie. Nachdem er sie später in Oblivion noch einmal rettet – denn Dämonen können anders als die Menschen sterben –, entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die bisher unvorstellbar erschien. Chara trägt einen fast menschlichen Körper. Allein die Flügel kennzeichnen sie als Dämonin. Und sie ist sexy. Volle Lippen und Brüste, ein schöner Körper; kein Wunder, dass der Protagonist sich nach ihr sehnt, sich in sie verliebt und schließlich mit seiner Geliebten eine Revolution gegen die Engel anzettelt.

Fazit

Die Hölle ist die Ausgeburt Gottes, der Sündenpfuhl, in dem all jene bestraft werden, die nicht an den Schöpfer glauben. Der Fundamentalismus wird gekonnt auf die Spitze getrieben, die kuriosen Ideen Thomas kreieren eine Hölle, die trotz der Qualen spannend ist zu erkunden. Denn die üblichen Höllenfeuer sind nicht zu finden, stattdessen wird den Menschen systematisch und einfallsreich das Leben unerträglich gemacht.

4 von 5 Punkten

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