Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Sonky Suizid (Gero Reimann)

Shayol
Taschenbuch, 254 Seiten
ISBN 978-3-926126-99-3
17,90 €


Ein kurzer Einblick

Durch die Nächte eines kalten, kranken Hannover, in dem die braune Vergangenheit dicht unterm Asphalt brodelt, irrt Sonky Suizid, ein lebender Toter, und zieht Sterbende und Randexistenzen in seinen Bann. Ein Roman von zerfallenden und sich vervielfältigenden Wirklichkeiten, vom Tod, der auf sich warten lässt und von der Widerwärtigkeit der westdeutschen Gegenwart in den 80ern, die nicht so fern ist, wie einem lieb sein könnte.

Bewertung
„'(...) Hier kann ein Brückengeländer einem Menschen den Kopf abreißen, und es gibt kein Fest. Die Menschen erstarren für einen Moment, schütteln sich und essen weiter an ihren Currywürsten.(...)'“ (Seite 34)
Sonky Suizid, seine Kindheit verbrachte er vermutlich in osteuropäischen Ländern, reist in die BRD. Sein Gepäck besteht aus zwei Munitionskisten, die unter seinem Arm klemmen. Er sucht seine Tante, die in einem Krankenhaus künstlich am Leben erhalten wird. Zeitgleich verursacht der Sohn des Chefarztes des genannten Krankenhauses einen Unfall und wird eingeliefert. Sonky entführt gemeinsam mit einer jungen Frau seine Tante – und den Sohn des Chefarztes – in den Keller des Krankenhauses. Was dann geschieht, sollte besser nicht namentlich genannt werden. Lest selbst und stellt euch den Fantasien Sonky Suizids.
„'Ich bin das wilde, agonale Glück des Lebens, welches nur noch im Tod und in der Verwesung aufblühen kann.'“ (Seite 111)
Aus Sätzen wie diesen wird klar, dass „Sonky Suizid“ kein einfach zu lesender Roman ist. Vielschichtig, abwechslungsreich und keineswegs stringent verfolgt Gero Reimann den … nun, den Handlungsfaden, der irgendwie vorhanden ist, sich aber stets versteckt hält. So wirklich klar wird nicht, wohin die Handlung treibt, was der Autor dem Leser mitteilen möchte. Hier und da sind Bruchstücke einer Thematik, die angeführt, aber nicht weiter verfolgt werden. Vieles sogar entzieht sich gänzlich dem Sinn. Wenig wird direkt ausgesprochen, vieles in verschachtelt verschnörkelten Sätzen erwähnt. Was der Verstand daraus macht, wird dem Leser überlassen. Vielleicht ist das alles gewollt, vielleicht verstehe ich auch nur nicht, was der Autor mir mit so mancher Szene mitteilen möchte.
Doch eigentlich steht auch weniger die Handlung im Vordergrund. Sonky Suizid wird die vollste Aufmerksamkeit zuteil. Der Krebs zerfrisst Sonky Suizid innerlich, formt aus ihm beständig eine neue Persönlichkeit und er selbst hat kein Ziel. Vielleicht ist das der Grund einer nicht stringenten Handlung, denn Sonky treibt dahin, von einem Ort zum anderen, von einem Plan zum nächsten. Wie diese Pläne aussehen, ist irrelevant, denn erst, wenn Sonky ein Gedanke ereilt, handelt er. Was der morgige Tag bringt, ist ungewiss, ist nicht von Belang. Eine Idee wird diesen schon gestalten, formen und Sonky zum nächsten Ort führen. Die Handlung entspringt allein Sonky Suizids vom Krebs zerfressenen Verstand; eine Handlung, die so manches Mal fernab der Realität anzutreffen ist, und mehr einem psychedelischen Trip auf Drogen anmutet; ohne etwas von der Gefährlichkeit und seltsamen Realitätsnähe, die zugleich nah und fern ist, einzubüßen.
Hannover ist keine Stadt der unendlichen Freuden, kein Ort zum Wohlfühlen. Hannover ist ein dreckiger, düsterer Moloch voller Randexistenzen, einem Überwachungssystem und dem Wahn möglichst lange dem Tod zu entkommen. Farbe fehlt dieser Stadt völlig. Sie ist trist, leer von Leben und gefüllt von seelenlosen Menschen, die gleich Robotern ihren Alltag verrichten. Hannover lädt nicht ein zum Verweilen, Hannover hat das Leben ausgeschlossen und vertrieben.
So unnahbar Hannover ist, so unnahbar sind auch die Figuren. Die Sympathie zu Sonky und seinen Gefährten trägt zu keiner emotionalen Bindung bei. Die Figuren lassen einen kalt, so kalt wie Hannover ist. Doch ist dies vielleicht so gewollt? Ich denke, ja, denn Stadt und Charaktere harmonieren bestens miteinander, ergänzen sich in ihrer Hässlichkeit, fördern das Bild einer abstoßenden Stadt und gefühlskalter Menschen.
Am Ende bleibt nur eines: Sonky Suizid, der keine Freude an dem Kollektiv Stadt findet und sich nach Sommer, Sonne und Strand sehnt – einem besseren Leben.
„Er sehnte sich wider nach dem Meer. Wann, endloses Meer, dachte er, kann ich in dir ersaufen, kann ich meinen Tod in deinen Tiefen finden, kann ich, ein Wurm, in deiner Fische Leiber mich ergründen.“ (Seite 219)
Caroline Kohler hat den Roman mit zahlreichen Illustrationen bereichert, die die Geschichte bestens unterstützen.

Fazit

Gero Reimanns (an Krebs verstorben im August 2011) Roman „Sonky Suizid“, posthum veröffentlicht, ist ein eindrucksvoller Roman sprachlicher Qualität und suggestiver Einbildungskraft. Eine latent vorhandene Handlung, eine realitätsferne Fantasie und Charaktere, die jeglicher persönlicher Nähe zum Leser abspenstig sind, sind üblicherweise Kriterien für einen Verriss, hier jedoch die größte Stärke, die dieser Roman besitzt.

5 von 5 Punkten

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