Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: So finster die Nacht (John Ajvide Lindqvist)

Bastei Lübbe
Taschenbuch, 640 Seiten
ISBN 978-3-404-15755-6
8,99 €


Ein kurzer Einblick

Wenn das Unfassbare Einzug hält, nimmt es anfangs niemand wahr ...
In dem Stockholmer Vorort Blackeberg wird die Leiche eines Jungen gefunden. Sein Körper enthält keinen Tropfen Blut mehr. Alles deutet auf einen Ritualmörder hin.
Noch ahnt niemand, was tatsächlich geschehen ist. Auch der zwölfjährige Oskar verfolgt fasziniert die Nachrichten. Wer könnte der Mörder sein? Und warum sind in der Nachbarwohnung die Fenster stets verhangen ...
Eine fesselnde Geschichte über Liebe, Rache – und das Grauen.

Bewertung

„So finster die Nacht“ ist das beeindruckende Erstlingswerk, das auch unter dem gleichnamigen Titel verfilmt wurde, des schwedischen Schriftstellers John Ajvide Lindqvist, der 2008 den Selma-Lagerlöf-Preis gewann. Der schwedische Titel „Låt den rätte komma in“ - „Lass den Richtigen herein“ - klingt im Deutschen zwar sehr bescheiden, spiegelt aber umso besser eines der Themen wieder, das Lindqvist in seinem Roman behandelt.
Als Thriller vermarktet und als Vampirroman in Szene gesetzt, ist „So finster die Nacht“ weder das eine, noch das andere und doch haben sowohl der Thriller als auch der Vampirroman als Bezeichnung und Kategorisierung ihre Berechtigung. Warum dem so ist, darauf werde ich im Folgenden eingehen.
Thriller? Ganz klar ist der vorliegende Roman ein Thriller. Mehrere Morde geschehen im Stockholmer Vorort Blackeberg – in dem übrigens der Autor selbst aufgewachsen ist – und die Polizei ermittelt gegen den Mörder. Die Presse hat diesen sogleich als Ritualmörder betitelt und lechzt nach weiteren Informationen, die die Polizei nur zögerlich Preis gibt, denn die Ermittler tappen im Dunkeln.
Vampirroman? Neben den Thrillerelementen stellt sich aber auch ganz schnell heraus, dass „So finster die Nacht“ sehr vielschichtig angelegt ist. Während die Polizei nach dem Mörder fahndet, erfahren wir, dass Eli, Oskars neue Freundin, ein Vampir ist. Sie ist es, die das Blut braucht, sie ist es, die ihren Helfer los schickt, die Menschen zu ermorden, um ihnen das Blut abzunehmen. Sie ist es, die dafür sorgt, dass der Vampirthriller Einflüsse einer gänzlich andersartigen Liebesgeschichte erhält, wie ich sie bisher in keinem Roman angetroffen habe.
Horror? Natürlich schwingt der Horror stets im Thema Vampir mit, dennoch möchte ich diesen gesondert nennen. Denn allein von Eli und ihren Eigenschaften als Vampir, geht der Horror nicht aus. Eli sorgt dafür, dass der Horror eine ganz besondere Note bekommt. Den echten Horror hingegen erschaffen die Menschen selbst, die in der Vorstadt leben, sodass der Begriff Horror vielleicht durch Vorstadthorror ersetzt werden sollte. Zudem schwingt unentwegt ein unterschwelliges Grauen zwischen den Zeilen mit, das durch die Anonymität der Einwohner, des tristen Vorortes und des kalten Winters verursacht wird. Geborgenheit und Sicherheit wird vergeblich gesucht.
Drama? Ja, auch als ein Drama kann dieser Roman getrost bezeichnet werden. Die Jugend tyrannisiert jeden, der schwächer ist als sie; allein weil es ihnen Spaß macht. Eine Hemmschwelle scheinen sie nicht zu haben. Grausamkeit fängt erst da an, wo das Leben endet. Auch Oskar leidet unter ihnen, der jedoch von Eli lernt sich zu wehren.
In einer kühlen Sprache und kargen Dialogen erzählt John Ajvide Lindqvist seine ganz eigene Vampirgeschichte, die sich nicht auf ein Genre begrenzen lassen will.
„Was ist das?“
Oskar schaut das Mädchen, den Würfel, dann wieder das Mädchen an.
„Das hier?“
„Ja.“
„Weißt du das nicht?“
„Nein.“
„Ein Zauberwürfel.“
„Ein Zauberwürfel.“ - Als solchen möchte ich auch diesen Roman werten. Sind alle Seiten des Würfels gleichfarbig, ist „So finster die Nacht“ nur ein Thriller. Doch drehen und wenden wir den Würfel, verstellen seine Seiten, so ergibt sich immer wieder ein neues Bild. Beständig wandelt sich die Oberfläche und genauso viele Facetten können in diesem Roman entdeckt werden, wenn man nur ganz genau hinschaut.
So muss z.B. gar nicht das Thema Vampir zwanghaft im Vordergrund stehen, so muss gar nicht willentlich die Fahndung nach dem Mörder eine wichtige Rolle einnehmen ... Das sind doch eventuell nur Mittel zum Zweck. Es könnten genauso vordergründig Liebe, Einsamkeit und Menschlichkeit behandelt werden. Wer was welchen Stellenwert beimessen möchte, sei jedem selbst überlassen. Ich möchte nur aufzeigen, dass es hier mehr als eine Sichtweise auf den Roman gibt.

Fazit

„So finster die Nacht“ bietet wenig Action und auch mit blutigem Horror kann nicht gedient werden. Stattdessen regiert der leise Horror, der dafür in unvorhergesehenen Gewaltausbrüchen eskaliert. John Ajvide Lindqvist hat keinen Roman geschrieben, er hat ein Werk erschaffen, das unglaublich vielschichtig ist. Jedes Auge wird diesen Roman unweigerlich anders lesen. „Ein sehr beeindruckender Roman, der den internationalen Vergleich mit den Besten seines Genres nicht scheuen muss.“ (Dagens Nyheter) – Ich wage es und unterschreibe diesen Satz bedenkenlos.

4,5 von 5 Punkten

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