Sonntag, 2. Dezember 2012

Rezension: Schlaf (Haruki Murakami)

DuMont
Paperback, 80 Seiten
ISBN-13: 978-3-8321-6136-1

8,95 €

Ein kurzer Einblick

»Es ist der siebzehnte Tag ohne Schlaf.« So beginnt Haruki Murakamis Erzählung von einer Frau, die nachts kein Auge mehr zumacht. Aber es fühlt sich anders an als die quälende Schlaflosigkeit, die sie als Studentin erlebt hat: Jetzt ist sie auf zauberhafte Weise nicht mehr müde. »Ich kann einfach nicht schlafen. Noch nicht einmal ein Nickerchen.«
Spätabends, wenn ihr Mann und ihr Sohn im Bett liegen, beginnt sie ein zweites Leben, und die Nächte sind bei Weitem aufregender als ihre gleichförmigen Tage – aber auch gefährlicher.
Die Illustratorin Kat Menschik hat den Zauber von Murakamis Erzählung in traumgleiche Bilder gebracht. Auch deshalb ist dieser durchgehend in Duotone (Nachtblau/Silber) gedruckte Band ein guter Grund, nachts wach zu bleiben.


Bewertung

Haruki Murakami entfaltet einen ganz besonderen Zauber zwischen Wirklichkeit, der Suche nach dem Lebenssinn und etwas, das man wohl Phantastik nennen kann.
Eine Frau verliert das Bedürfnis nach Schlaf. Es ist nicht das Fehlen von Müdigkeit, das die Nächte kürzer werden lässt. Es ist auch nicht ein Wachsein, das einen irgendwann in angenehme Träume entführt, einen wegdämmern lässt. Es ist das völlige Unverständnis von: Warum muss ich überhaupt schlafen? Schlaf ist einfach nicht nötig, wird nicht gebraucht; es gibt gar kein Fehlen von Schlaf!
Während ihre Familie im Schlaf versinkt, beginnt die Frau ein neues Leben. Sie bricht aus, aus den alltäglichen Strukturen, die sie gefangen halten. Sie fängt an, das Leben zu genießen. Sie fängt an, Dinge zu tun, die sie vorher nie für möglich gehalten hätte. Der Alltag ist etwas Entferntes, etwas Aufgezwungenes, aus dem sie sich befreien konnte. Starre Regeln fallen ab. Sie entdeckt das Fremde, ein aufregendes Leben, das vorher völlig undenkbar für sie gewesen wäre – und es am Tage noch immer ist.
Virtuos setzt Haruki Murakami die Nacht, das Schleierhafte, gegen den Tag, das Enthüllende. Ein Traum wird Wirklichkeit, zeigt die menschlichen Sehnsüchte und gesellschaftliche Regeln auf – und die Befreiung daraus. Zugleich zeigt er aber auch Unwegbarkeiten und Gefahren auf, die, wer unvorsichtig ist, nur sich im Blickfeld hat und nicht sein Umfeld, schnell zu etwas werden, das mehr als bloße Gefahr bedeutet.
Kat Menschiks Illustrationen nehmen die traumhaften Impressionen Murakamis auf und transportieren sie in eine Bildlichkeit, die genau dort weilt, wo der Roman den Leser hinführen will. In nachtblauen Farben, fernab vom Schlaf und doch im verschleiernden Mantel der Nacht, findet sich eine Wahrheit verborgen, die Konventionen des Alltags sprengen möchte.

Fazit

Ein kurzer, aber ein erhabener Roman, der davon erzählt, das Alltagsgewandt abzustreifen und ein verführerisch, aufregendes Leben in der nächtlichen Stille zu beginnen. Die Sehnsucht nach dem Fremden, die Sucht aus dem Alltag auszubrechen, aber auch die Grenzen von Freiheit verlieren sich in der trügerischen Nacht.

3,5 von 5 Punkten

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