Mittwoch, 12. Dezember 2012

Rezension: Raumanzüge & Räuberpistolen (Schlotzen / Kloben)

Shayol
Taschenbuch, 124 Seiten
ISBN 978-3-926126-94-8
10,00 €


Ein kurzer Einblick

Seit 2009 tritt die Lesebühne Schlotzen & Kloben – das sind Jasper Nicolaisen, Jakob Schmidt und Simon Weinert – an jedem ersten Donnerstag des Monats in der tristeza in Berlin auf. Der vorliegende Band enthält ihre besten Geschichten, in denen es unter anderem um bährenohrige Prinzessinnen, Metabolismus-Invertiten von Torus-5 und den Tod, der ohne seinen Stachel ganz deprimiert wird, geht. Texte, die so lange im Genretopf geschmort haben, bis etwas daraus geworden ist, das so im Rezept garantiert nicht vorgesehen war.

Bewertung

Jasper Nicolaisen, Jacob Schmidt und Simon Weinert sind das Lesebühnen-Trio Schlotzen & Kloben. Dass die Geschichten mehr gehört denn gelesen werden, merkt man den Texten sehr schnell an. Ein echtes Manko ist das jedoch nicht. Denn Genrekonventionen werden geflissentlich über Bord und kreative, ungewöhnliche Ideen durcheinander geworfen; sehr zur Freude des Dirigenten, der mit Arbeit förmlich überhäuft wird. Irgendwie muss schließlich ein lesbarer Text herauskommen, der sich nicht wie ein Wust aus Zufallsideen lesen lässt. Schlotzen & Kloben sind ein äußerst fähiger Dirigent, sodass auch der Leser seine helle Freude an den Texten hat. Sofern er mit den unterschiedlichsten Stilen und Genrevermischungen zurecht kommt.

„PUSSY-PRINZ PASST! KEINE RETTUNG DER PRINZESSIN IN SICHT!“, kritzelten die Reporter auf ihre Blöcke. (S. 19)

Jasper Nicolaisens „Die Prinzessin mit den Bährenohren“ möchte Märchen und Satire zugleich sein. Flappsig vorgetragen, erzählt die Story von Identitätsstörungen, Diskriminierung und der Macht der Boulevardpresse. Skurril, humorvoll, ein wenig gruselig und ein bitterböses, romantisches Ende – reicht doch, oder?
Jacob Schmidts „Mr. Swift“ ist einfacherer, aber nachdenklicherer Natur, lässt aber auch nicht das Außergewöhnliche vermissen. Vordergründig eine Abenteuergeschichte auf hoher See, erzählt die Story von der Ausbeutung der Natur und dem Leben im Einklang mit genau dieser. Einfach und effektiv.

Nicht einmal der Mossad hat von der Urananreicherungsanlage in meinem Verlies Wind bekommen, ein Quäntchen Stolz lässt den Eiszapfen meines Gemüts an den Rändern tauen. (S. 49)

Simon Weinerts „Mein einziger Freund“ lässt eine geradlinige Story missen, kreist stattdessen lieber um das ewige Alleinsein, der Schwierigkeit von wirklich guten Freundschaften und dem Weg an das Ziel eben dieser. Satirisch tödlich und mit einer Pointe versehen, zeigt sich auch diese Geschichte in bester Gewandung mit dem Vorzeigeschild: Kleines, aber feines Kunstwerk.
Jasper Nicolaisens „Warum das verwunschene Juwel von Zagghot noch immer darauf wartet, geraubt zu werden“ kehrt der Ausgangssituation ignorant den Rücken, um sich schlussendlich umso vehementer in den Vordergrund zu rücken. Ausgang, Folgerung und Konsequenz spielen sich perfekt die Klinke einander in die Hände.
Jacob Schmidts „Die Gruft der Urgeluffen“ ist eine SciFi-Geschichte über die Oberflächlichkeit des Menschen (Ich liebe dich, weil du Geld hast – Ich liebe dich, weil du mir Geld beschaffst) und der Nahrungsknappheit im Weltraum.

wach auf, o tod!“
„was?“ da hat er die augen aufgeschlagen, geblinzelt, schnief, gleich wieder das taschentuch gezückt. (S. 82)

Simon Weinerts „stachel“ verausgabt sich künstlerisch in Wort und Bild. Der Tod, schniefend auf der Suche nach seinem stachel, ist ein parodistisches Zerrbild seines eigentlichen Charakters. „stachel“: Amüsant groteske Verniedlichung einer oft gefürchteten Persönlichkeit.

„Vertrau mir einfach. Wir müssen um unser Leben wichsen.“ (S. 97)

Jasper Nicolaisens „Hausaufgaben“ ist eine verdrehte Harry-Potter-Umkrempelung auf der Suche nach dem Dolch von Wilhelmina Wuffelcoat in den tiefen Kerkern des Internats – bloß auf homoerotisch getrimmt.
Jacob Schmidts „Die drei Gaben des Waldes“ spielt mit der Idee des Schneeballeffekts: Du rettest mich – ich töte dich. Ich schaffe mir eine Leibgarde zum Schutz meiner Person an – die Leibgarde …
Simon Weinerts „Ein Sieg“ ist eine gesellschaftskritische Parabel auf das Ungleichgewicht unseres Globus, mischt zugleich psychologische Krisenmomente eines Vaterproblems unter und der Protagonist jagt seiner geraubten karierten Socke hinterher, um letztendlich den Unterdrückten und Erniedrigten einen sportlichen Frieden zu bescheren.

Wie sagt man so schön? Friede, Freude, Eierkuchen!

Fazit

„Raumanzüge und Räuberpistolen“ ist keine große Literatur. Aber große Literatur ist für eine Lesebühne auch zu schwer. Stattdessen warten die drei Herren Jasper Nicolaisen, Jacob Schmidt und Simon Weinert mit knackig erfrischend spaßigen Geschichten auf, die sprachlich ohne großen Aufwand zünden. Gut, dass keiner der Autoren sich selbst oder seine Geschichten ernst nimmt.

4 von 5 Punkten

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