Mittwoch, 12. Dezember 2012

Rezension: Rattenfänger (Jane Yolen / Adam Stemple)

Edition Phantasia
Klappenbroschur, 176 Seiten
ISBN 978-3-937897-23-3
12,90 €


Ein kurzer Einblick

Für die vierzehnjährige Callie geht ein Traum in Erfüllung: Messingratte, eine der angesagtesten Rockbands, kommt zu einem Konzert in die Stadt, und sie soll für die Schülerzeitung den charismatischen Sänger und Flötenspieler Peter Gringras interviewen. Doch Callie merkt, daß Gringras nicht der ist, für den er sich ausgibt - und in der Nacht nach dem Konzert, an Halloween, erfüllt sich ein uralter Fluch ...

Bewertung

Im Jahre 1284 bietet der Rattenfänger in Hameln seine Dienste zur Beseitigung der Rattenplage an. Die Bürger versprechen ihm seinen Lohn und der Rattenfänger fängt auf seiner Flöte an ein Lied zu pfeifen, woraufhin Mäuse und Ratten aus Kellerlöchern, Seitenstraßen und Dachböden kriechen, ihm in die Weser folgen und ertrinken. Von der Plage befreit, verweigern die Bürger dem Rattenfänger seinen Lohn, der daraufhin verbittert die Stadt verlässt und am 26. Juni in Gestalt eines Jägers zurückkehrt. Und wieder fängt er auf seiner Flöte an ein Lied zu pfeifen, woraufhin Mädchen und Jungen, alle 130 Kinder der Stadt, die Häuser ihrer Eltern verlassen und dem Rattenfänger zum Ostertor hinaus folgen und für immer verschwinden.

Calcephony, von allen nur Callie genannt, ist ihrer strengen Eltern überdrüssig, vom kleinen Bruder genervt und die Hausaufgaben können sie auch nicht heiter stimmen. Nichts an Callie ist ungewöhnlich oder auffallend. Wie alle Mädchen ihres Alters muss sie cool und beliebt sein.
Als die Rockband Messingratte in ihre Stadt kommt, sieht sie nur einen Weg ihre Eltern zu überreden zum Konzert gehen zu dürfen: Sie ist Reporterin für die Schülerzeitung und verpflichtet sich ein Interview mit der Band zu führen.
Während ihrer Recherchen zu Messingratte überfällt sie ein mulmiges Gefühl, das sich beim Konzert verdichtet. Schon ihre Eltern rockten zu Messingratte in ihrer Schulzeit ab, doch die Bandmitglieder sind so jung wie eh und je. Mühelos nimmt die Band die Tanzenden für sich ein, wiegt sie in einer verführerischen Trance. Als Callie nach dem Konzert ein Gespräch aufschnappt, in dem es über eine Blutschuld und einen Zehnt in Gold, Silber oder Seelen geht und der Leadsänger vor ihren Augen echte Ratten zum Tanzen bringt, verhärtet sich eine fixe Idee in ihr, der sie jedoch keinen Glauben schenken kann.

Der Untertitel des Romans verspricht „Ein Rock 'n Roll Märchen“, doch das ist der „Rattenfänger“ nicht. Die Musik des Rattenfängers ist unweigerlich ein wichtiges Instrument und die verführerischen Kräfte werden im Instrument der Band Messingratte vortrefflich gebündelt, zur Schau gestellt und damit die Spannung geweckt, doch der Fokus liegt nicht auf der Musik, sondern auf der tragischen Geschichte des Rattenfängers selbst. Die Rockband bleibt seltsam farblos, was traurig ist, denn gerade in ihr schlummert durch den Untertitel das herausragende Potential eines modernen Rattenfängers. China Miévilles „König Ratte“ ist ein Vorzeigebeispiel wie Musik und Geschichte im Einklang harmonieren können, ohne dass Musik noch Story zurückstehen müssen.
Die Band bleibt blass, der Rattenfänger hingegen gewinnt mehr und mehr an Gestalt. Jane Yolen und Adam Stemple verleihen diesem eine phantastische Hintergrundgeschichte, die weder innovativ noch herausragend ist, von der Idee aber zu überzeugen weiß.
Das erwachsene Publikum wird die Nase rümpfen, denn wieder einmal wird das althergebrachte Volk der Elfen herangezogen. Als Lösung sind die Elfen ideal. Die jugendlichen Leser kennen und schätzen die Mystik des alten Volkes. Etwas mehr Kreativität wäre dennoch wünschenswert gewesen. Einen Fehler begehen die Autoren dann aber doch nicht: Das Volk des Lichts und der Güte gibt es nicht. Die Grausamkeit und die Kälte, die grenzenlos zu sein scheint, wohnt den Seelen der Elfen inne. Eine schärfe an Gewalt bleibt dadurch nicht aus, doch bleibt diese in einem jugendgerechten Rahmen.

Alle sieben Jahre kehrte der Rattenfänger zurück, fordert seinen Lohn in Gold, Silber oder Seelen. Auch an Halloween, direkt nach dem Konzert von Messingratte, verschwinden die Kinder der Stadt. Nur Calcephony, von ihrem Artikel zum Konzert abgelenkt, bleibt zurück. An ihr ist es, das schreckliche Geheimnis des Rattenfängers zu lüften und die Kinder zu befreien.

Fazit

2006 gewann „Rattenfänger“ den Locus Award in der Kategorie Young Adult Book. Kurzweilig, fesselnd und authentisch (soweit Fantasy-Elemente authentisch sein können) erzählen Jane Yolen und Adam Stemple ihre Version des Rattenfängers, die gut in Szene gesetzt ist und sich ohne sich zu schämen in die Reihe der unterhaltsamen Jugendfantasy einreihen darf.

3,5 von 5 Punkten

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