Mittwoch, 12. Dezember 2012

Rezension: Prothesengötter (Frank Hebben)

Wurdack
Taschenbuch, 227 Seiten
ISBN: 3-938065-35-4
12,90 €

Ein kurzer Einblick

Mit Prothesengötter legt der zweifach für den Deutschen Science Fiction Preis nominierte Autor die erste Sammlung seiner Kurzgeschichten vor. Wortgewaltig im Stil, temporeich im Rhythmus verschwendet Frank Hebben keine Zeit, den Leser erst schonend an seine düsteren, apokalyptischen Welten heranzuführen – er wird hineingeschleudert in die dampfenden Maschinenstädte, die industriellen Molochs, wo Halbgötter ihre silbernen Schwingen ausbreiten und fliegen, nur um noch tiefer zu fallen.

Bewertung

Ruß und Schmutz überdeckt alles und jeden. Die Luft ist verpestet und tot. Organisches Leben, bis auf den Menschen, ist auf der Erde erloschen. Stattdessen schwirren mechanische Bienen („Gelée Royal“) herum; in einer noch ferneren Zukunft existiert lediglich ein degenerierter Postmensch und insektoides Maschinenleben behauptet sich („[002:32:45]“). Der Mensch ist nur ein Schatten seiner selbst; falls denn ein Schatten übrig geblieben ist. Computer haben eine gute Rechenleistung? Nun, Computer taugen nicht mehr viel, der menschliche Verstand wird umfunktioniert, der Körper ist nur ein übrig gebliebenes Anhängsel („Gelée Royal“, „Das Fest des Hammers ist der Schlag“). Wenn die Welt am Abgrund steht, was ist dann des Menschen wichtigstes Gut? Erinnerungen, genau! Doch Erinnerungen sind oftmals nicht nur wegen ihrer Erinnerung an glücklichere Zeiten begehrenswert, sondern beinhalten auch Wissen, für das so mancher Mensch töten will. „Memories“ und „Im Labyrinth der Neonrose“ nimmt sich der heißen Ware Erinnerung an. „Der Wühler“ (Klassendenken und künstliche Anpassung an Schönheitsideale), ein Ding aus Maschine und Mensch, geschaffen zum, oh, Überraschung: wühlen, ist eine tragische Liebesgeschichte und neben „Marionettentheater“ eine der besten Geschichte in dieser Sammlung. Zuflucht wird im Kosmos gesucht. Doch der Kosmos bietet natürlich auch beste Voraussetzungen um Angriffe, auf Unternehmen auszuüben. Der Kosmos: eine der zentralen Ideen der Welt von Frank Hebben. Der Kosmos ist eine virtuelle Welt, für manche die zweite Heimat. Ein Leben im Cyberspace und Cyberterrorismus: „Das Bild im leeren Rahmen“, „Marionettentheater“, „Off“, aber auch „Imperium Germanicum“ ist der Cyberwelt zuzuordnen, wenn auch nicht dem Kosmos.
Einige der Geschichten haben Zusammenhänge, die meisten stehen für sich alleine. Eines aber weisen sie alle auf: Alle sind sie in ein und derselben Welt angesiedelt; wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten. Frank Hebben hat eine äußerst düstere Zukunft gezeichnet, in der die Menschheit immer mehr verkommt und sich am Ende selbst versklavt, seine geliebten Maschinen nicht mehr braucht und sich selbst in die effektivste und selbstzerstörerischste Maschine verwandelt. Frank Hebbens Welt ist dreckig, Seine Welt ist düster. Dem Schmutz, dem Elend und dem Verfall kann man nicht entkommen. Frank Hebbens knapper und kalter Stil unterstreicht die Kühle einer glücklosen Welt, in der sich der Mensch oftmals nicht einmal bewusst ist, dass sein Leben kein Leben ist. Kalt und kühl, aber auch verdammt lebendig, sodass jede Geschichte aufs neue seinen Reiz entfaltet und das pessimistische Weltszenario schleichend langsam in unsere Realität eindringt.

Fazit

Frank Hebben ist ein begnadeter Erzähler. Wenn auch nicht der Gott der SF, wie das Vorwort vermitteln möchte. Cyberpunk und dystopische SF – lest Frank Hebben, lest SF!

4 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen