Sonntag, 2. Dezember 2012

Rezension: Only Revolutions (Mark Z. Danielewski)

Tropen
Hardcover, 365 Seiten
ISBN 978-3-608-50123-0
24,95 €


Ein kurzer Einblick

Die romantischen Liebesgeschichten von zwei Jugendlichen - Hailey und Sam - die quer durch den amerikanischen Kontinent und die Zeit unterwegs sind. Ein atemberaubendes Buch, das von beiden Seiten gelesen werden kann: von vorne nach hinten und von hinten nach vorne.

Das Schicksal der Liebe von Sam und Hailey ist das Leben. Das Leben, dem sie zu entkommen versuchen. Bei ihrem Trip quer durch die USA verfolgt sie stets das Schicksal der Geschichte, nicht nur der amerikanischen, sondern der Weltgeschichte. Als ewig Sechzehnjährige reisen sie durch zweimal hundert Jahre, vom amerikanischen Bürgerkrieg bis zum Kalten Krieg und von der Bürgerrechtsbewegung bis zum Irakkrieg. Zwei junge Liebende, die ihrem Schicksal entgegentreiben. 

Bewertung

Was Mark Z. Danielewski hier zu Papier gebracht hat, ist ein komplexes, lebendes Wesen, das den Leser fordert, an den Rand der Verzweiflung bringt und doch niemals den roten Faden verliert – und damit unentwegt eine gänzlich andere Spannung aufrechterhält, als ich sie von gewöhnlichen Romanen her kenne.

Dieses Zitat stammt zwar aus meiner Rezension zum grandiosen »Das Haus. House of Leaves«, trifft aber genauso auf »Only Revolutions« zu, das noch verspielter in Sprachgestaltung und Wortwahl ist. Wo in »Das Haus« die Wörter Treppen bildeten und die Buchseiten hinabfielen, ist »Only Revolutions« kein Roman herkömmlichen Sinnes mehr, sondern ein 360 Seiten langes Gedicht. Die Zahl 360 ist eine bewusst gewählte Zahl, repräsentiert sie doch die komplette Umdrehung eines Kreises. So ist es weder verwunderlich, dass das O farblich hervorgehoben ist, noch, dass auf zwei Seiten genau 360 Wörter und auf einer 180 Wörter zu finden sind, was einer halben Drehung entspricht. Die Drehung des Buches wird vonnöten, wenn man beide Handlungsstränge lesen möchte. Passenderweise sind die 180 Wörter in jeweils 90 Wörter, einem Canto, pro Handlungsstrang aufgeteilt.
»Only Revolutions« erzählt zwar eine Geschichte, diese aber aus zweierlei Perspektive: Einmal aus Haileys und einmal aus Sams Sicht, sodass der Roman von vorne und hinten zu lesen ist, die Handlungsstränge somit spiegelverkehrt und parallel gedruckt sind, sodass die 90 Wörter entstehen. Die Empfehlung des Verlages ist es, den Roman nach jeweils 8 Seiten zu drehen. Leider artet dies in einem nervigen Hin- und Herdrehen aus.
Mark Z. Danielewski hat seinen Roman komplett durchstrukturiert und unterwirft sich der vorgegebenen Form des Cantos, das so manches Mal anstrengend und sprachlich abgehackt, aber auch ebenso kreativ zu lesen ist. Ein genauestens strukturierter Text schränkt ein: Dies haben auch die Übersetzer zu spüren bekommen, die den originalen Text nicht ihrer Struktur berauben wollten, sodass der Roman im deutschen leicht verkürzt erscheinen musste. Diese nicht zu ändernden Kürzungen aber sind notwendig und gerade darum legitim. Beeindruckend ist die Übersetzung allemal und muss gewürdigt werden.
Die ewig 16-jährigen Sam und Hailey rasen durch das Vereinigte Amerika, das Geschichte schreibt. Deutlich wird dies vor allem an den historischen Randnotizen, die von 1863 bis 2063 reichen und die bedeutendsten Ereignisse der Geschichte aufzählen. Ab 2006, als der Roman im Englischen erschien, bleibt die Spalte leer. Natürlich spiegelt sich die voranschreitende Zeit auch in den Gegebenheiten der Story: Sam und Hailey wechseln in Nebensätzen die Autos (Hudson Model L, Chrysler Concorde, ...), tanzen erst zu Swing-Jazz und viel später auf einem Grunge-Konzert. Dies alles geschieht so rasant, dass die Wahrnehmung des Lesers kaum mithalten kann.
Ewig 16, ewig jugendlich in den vergehenden 200 Jahren: Sam und Hailey sind sexuell mündig, im Besitz des Führerscheins und lassen sich durch das Leben treiben. Doch irgendwann werden auch sie von Geldsorgen geplagt. Der amerikanische Traum will gelebt werden. Ist dies problemlos möglich? Existiert der amerikanische Traum oder ist er nur ein Idealbild der Fantasie? Fakt ist, dass »Only Revolutions« ein Road Trip der ungezügelten Liebe ist und die Protagonisten auf der Suche nach Freiheit durch Amerika irren.

Fazit

»Only Revolutions« ist keine Geschichte, ist kein Gedicht, ist irgendetwas dazwischen, das vieles sein möchte, aber längst nicht alles sein kann. Mark Z. Danielewski hat abermals einen grandiosen Roman geschrieben, die feste Struktur durch die 360° der vollen Umdrehung des Kreises jedoch erdrückt ihn in seiner Freiheit, sodass der Autor in Zukunft hoffentlich etwas ungebundener an sprachlich-kreative Ideen herangeht.

4 von 5 Punkten

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