Samstag, 1. Dezember 2012

Rezension: Nosferatu 1. Si Vis Pacem (Peru/Martino)

Splitter
Hardcover, 48 Seiten
ISBN 978-3-86869-449-9
13,80 €


Ein kurzer Einblick
Niemand kennt sein Alter oder das Ausmaß seiner Macht... Er war bei der Kreuzigung Christi zugegen, hat mehreren römischen Kaisern gedient und unzählige Menschen getötet. Er ist der allererste Vampir: Nosferatu. Heute, nachdem er ein halbes Jahrhundert lang verschwunden war, erwacht er aus einem traumlosen Schlaf in Indien und findet heraus, dass gegen ihn eine Verschwörung im Gange ist. Seine Feinde wie auch seine Artgenossen wollen nur eines: ihn töten. Als seine Erinnerung langsam zurückkehrt, begreift er, dass sein Schicksal eng mit der Liebe zu einer Frau verknüpft ist. Er ist Nosferatu, das Ungeheuer, das als Mensch leben wollte...

Bewertung

Mit „Nosferatu“ thematisiert Olivier Peru, Autor der gelobten Graphic Novels „Zombies“ den Ursprung des Mythos Vampir ganz nach seiner Vorstellung und stellt die Frage: Sind Vampire wirklich die blutrünstigen und gefühllosen Monster? Kritisch beäugt Olivier Peru seinen eigenen Vampir-Mythos, doch zunächst baut sich eine klassische Handlung auf.
Der seitdem 2. Weltkrieg für tot gehaltene Nosferatu ersteht in Bombay auf und schart eine Anhängerschar williger Sklaven um sich. Vladic, einer der Anführer der Vampire, ergreift sofortige Maßnahmen, um Nosferatu zu eliminieren, denn die Vampire sehen ihre Existenz und Autonomie in Gefahr, die sie seit dem vermeintlichen Tod Nosferatus erlangt haben. Soweit spielt die Handlung in der heutigen Zeit. Die eigentlichen – und persönlichen – Gründe Vladics, die in der Vergangenheit begründet liegen, werden nach und nach durch Rückblenden zur Zeit Kaiser Caligulas eingeführt. So entsteht ein stringentes Bild von Schuld, Sühne und Rache, dass sowohl Vladic als auch Nosferatu nicht in dem Licht des stereotypen, blutrünstigen Monsters erscheinen lassen; sowohl das Böse an ihnen verhaftet bleibt.

„Nosferatu“ ist eine 3-teilige Serie, die mit ihrer Aufmachung darüber hinwegtäuscht, dass „Si Vis Pacem“ lediglich ein aufgeblähter, wenn auch hervorragender, Prolog ist. Inhaltlich werden aus diesem Grund fast ausschließlich Fragen aufgeworfen und das Grundgerüst für eine tiefgründige und ausgefeilte Story aufgebaut. Fast ausschließlich – denn ein erster Band kann natürlich nicht von aufgeworfenen Fragen und dem Bau eines Gerüstes leben, sodass sehr wohl auch viele Fragen beantwortet werden, um ein filigranes Netz zu spannen, das mühelos vereinnahmen kann.
Dies liegt aber auch darin begründet, dass sich „Si Vis Pacem“ wie ein Film liest. Bildübergänge und Zeitsprünge wirken wie ein langsam laufendes Filmraffer und erwecken somit ein bezauberndes Kinogefühl. Beispiel gefällig? Ein Rabe fliegt auf, eine Panoramalandschaft folgt und der Rabe landet auf einem anderen Ast – und zu einer anderen Zeit. Unterstützt wird der Sprung durch eine veränderte Farbgebung, die verschiedenste Handlungsorte und Zeiten eine unfehlbare Verwechslungsgefahr geben. Aber auch die großartige zeichnerische Qualität bis ins Detail lässt das Auge staunen und wundern. „Nosferatu“ wirkt weniger wie ein Comic, denn wie ein gemaltes Kunstwerk. Farbdetails, Schattierungen, Mimik und Gestik verleihen der Graphic Novel ein nahezu reales Erscheinungsbild. Es entsteht eine atmosphärische Geschichte mit brutal-blutigen Einschüben, die sowohl künstlerisch als auch erzähltechnisch voll und ganz überzeugen kann.

Um nicht zu viel über Charaktere und Handlung zu verraten, aber dennoch auf die verzahnten Figurenkonstellationen, Interessen und zeitlichen Zusammenhänge einzugehen, werde ich im Folgenden nur bruchstückhaft auf einige Dinge und Figuren eingehen. Wer dennoch keine Spoiler lesen möchte, dem sei an dieser Stelle von einem Weiterlesen abgeraten!
Vladic, ehemals Zenturio unter Kaiser Caligula, wird von Rachegelüsten angetrieben. Nosferatu, ehemals Caligulas Berater, versuchte das Herz der schönen Mucia, Vladics Frau, zu erobern. Dieses Gespinst aus Eifersucht und Rache tragen Vladic und Nosferatu bis in die heutige Zeit. Unterdessen beschatten die Vampirjäger die Aktivitäten der Vampire, die gegen Nosferatu vorgehen. Unter ihnen befindet sich der hitzköpfige und wortgewandte Erick, dessen Familie ihm die Vampire nahmen, und seine Partnerin Chelsea. Doch noch bleiben die Vampirjäger im Hintergrund und warten auf den rechten Moment für einen tödlichen Schlag gegen das Geschlecht der Vampire. Dem äußerst fiesen Cliffhanger zu entnehmen ist aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Jäger der Vampire im nächsten Band weiter in den Vordergrund rücken werden.

Thematisch beherbergen die Figuren eine Vielfalt von seelischen Abgründen. Es wird nicht nur die die Geschichte der Vampire mit Gesellschaft, Feinden und Ursprüngen angerissen, die Vampire werden zudem nicht in ein Licht eines Übermonster gerückt. Auch die Blutsauger haben neben ihrem Hang nach Blutdurst und Grausamkeit Gefühle und Emotionen, die sie antreiben. Schuld und Sühne beziehen ihre Spannung aus der Vergangenheit und treiben sie auf einen neuen Höhepunkt. Die Zeiten mögen modern geworden sein, das menschliche und vampirische Grundmuster nach Liebe, Ansehen und Macht jedoch ist gleich geblieben. Insofern werden Fragen aufgeworfen, die lauten: Ist es verwerflich für Frauen zu kämpfen, ohne Wenn und Aber, wenn sie schon einen Ehemann besitzt? Welche Art und Weise ist legitim, um eine Frau zu umwerben? Darf ein Vampir sich nehmen, was er begehrt oder muss auch er sich an Konventionen und gesellschaftliche Regeln halten? Kann man Liebe einfordern? Und: Wer ist das größte Monster?
Damit mich niemand falsch versteht: „Si Vis Pacem“ ist kein Liebesratgeber zur Eroberung von Frauenherzen und auch keine Schnulzen-Graphic Novel. „Si Vis Pacem“ geizt weder mit Blut, noch mit Brutalitäten, beschäftigt sich aber auf der gefühlsbetonten Ebene mit dem Verlangen Nosferatus nach einer ganz bestimmten Frau und der Vergeltungsrache Vladics.

Fazit

„Nosferatu. Si Vis Pacem“ ist eine meisterhafte Graphic Novel, die das Dasein des Vampirs vertieft, ihn aber auch auf eine Ebene hievt, die ihn in seiner Abscheulichkeit menschlicher Erscheinen lässt – denn auch Vampire haben Gefühle und sind weder fehl- und tadellos. Einziges bedauernswertes Manko ist das Gefühl eines üppigen Prologs.

4 von 5 Punkten

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