Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: The New Dead (Christopher Golden (Hrsg.))

Panini
Klappenbroschur, 448 Seiten
ISBN 978-3833222535
14,95 €


Ein kurzer Einblick

DER TOD STEHT IHNEN GUT!

Vorbei die Zeiten, in denen Zombies nur als hirnlose, wandelnde Kadaver durch die Nächte schlurften. Christopher Golden hat eine Zombie-Anthologie zusammengestellt, in der Topautoren wie z.B. Joe Hill, Max Brooks, Tad Williams u.v.a zu Topform auflaufen und ihre ganz besondere Sichtweise auf die Untoten zu Papier bringen.

Herausgekommen ist eine beeindruckende Sammlung an Kurzgeschichten, die Zombies in einem völlig neuen Licht erstrahlen lassen. Ein Muss für Genrefans und die, die es noch werden wollen.

So viel Hirn hatten Zombies noch nie!

Bewertung

„(...) die Zombies in einem völlig neuen Licht erstrahlen lassen“ ist eine wahre Aussage, denn die blutrünstigen Filmzombies kommen in keiner der hier vorliegenden Geschichten vor. Stattdessen präsentiert Christopher Golden eine abwechslungsreiche Geschichtensammlung, die nachdenklich stimmt, an das Thema Zombies vollkommen anders herangeht, zugleich aber auch mit kreativen Ideen besticht. „Eine beeindruckende Sammlung an Kurzgeschichten“ ist „The New Dead“ allerdings nicht. Die Qualität der Geschichten ist sehr durchwachsen und sprunghaft. Einige sehr gute Ideen sind vorhanden, viele schlechte Geschichten aber auch, sodass letztendlich eine sehr durchschnittliche Anthologie vorliegt, die Fans der verwesenden Untoten zufrieden stellt, aber alles andere als ein Highlight ist.
Um einen Überblick über die Themenvielfalt zu bieten, gehe ich nun auf einige Geschichten exemplarisch ein.

John Connolly: Lazarus
In Anlehnung an Jesu Christi Wiederauferstehung erzählt John Connolly die Wiederauferstehung Lazarus'. Sehr zum Leidwesen der Priester kann Lazarus sich jedoch nicht an das jenseitige Reich erinnern. Ist dies womöglich der Beweis von Gottes Nichtexistenz?
Melancholisch eindringlich erzählt der Autor aus der Sicht Lazarus’ selbst. Gefühle und Emotionen, all das, was einen Menschen ausmachte, sind ihm abhanden gekommen. Nichts kann ihn begeistern, Schmerz oder Liebe kann ihn nicht berühren.

Kelley Armstrong: Zum Leben verurteilt
Daniel Boyd leidet an einem inoperablen Krebsgeschwür. Glücklicherweise ist er reich. Sehr reich! Reich genug, um sich ewiges Leben zu erkaufen. Die Zombifizierung soll sein Heilmittel sein.
Die Zusammensetzung dieser Story ist gewöhnlich: Ein Milliardär, der sich die Unsterblichkeit erkaufen möchte; die sexy und treu ergebene Assistentin; der Wissenschaftler, der auf seinen Vorteil bedacht ist; die leidenden Versuchsobjekte und das vorhersehbare Ende. Ein klarer Fall für einen Flop? Irgendwie ja und doch auch wieder nicht! Der knallharte Stil und das unbarmherzige Vorgehen des Daniel Boyd, den Menschenleben bis auf seines nicht interessieren, treiben die Spannung fast senkrecht in die Höhe.

M.B. Homler: Der Zombie, der vom Himmel
Ein Zombie fällt vom Himmel und spießt sich auf dem Dach das Rathauses auf. Die Menschen unten bekommen einen Blutschauer zu spüren, haben jedoch kurz darauf den Vorfall wieder vergessen und gehen ihrem Alltag nach. Doch die Seuche ist ausgebrochen und das Militär geht mit aller Härte gegen jeden Infizierten vor.
Ich hätte nicht gedacht, dass eine Zombiegeschichte auch humoristisch sein kein. Und doch ist dem Autor grotesker Klamauk gelungen! Erfrischend sticht sie aus den bisherigen Geschichten der Anthologie „The New Dead“ hervor. Mit Witz und Charme weiß die Geschichte zu gefallen. Übrigens: Es ist die erste Geschichte, in der das Straßenpflaster unter einer Schicht von Blut und Innereien versinkt. Gerade dieser Kontrast der absoluten Brutalität und des Witzes geben der Story eine ganz besondere Würze.

Rick Hautala: Geisterreuse
Bei einem Tauchgang entdeckt Jeff einen Toten auf dem Meeresgrund. Er alarmiert die Küstenwache und geht am nächsten Tag selbst mit runter, um die Leiche zu bergen. Was aber hat es mit der Geschichte von Pappy auf sich, der über den vor 30 oder mehr Jahren verschwundenen Old Man Crowther spricht, und der festen Überzeugung ist, es müsse der Leichnam des Old Man Crowther sein?
Rick Hautala erzählt eine Zombiegeschichte, der ganz feinen Art. Die klassische Geistergeschichte ist umgekrempelt worden, das Flair der Atmosphäre ist perfekt. Die drückende Finsternis in der Tiefe gibt den letzten Kick. „Geisterreuse“ ist eine der wirklich guten Storys mit Gänsehautgarantie. 

Tad Williams: Die Sturmtür
Die Hungergeister drängen aus dem Reich der Toten in das Reich der Lebenden. Nightingale kommt dem mysteriösen Phänomen auf die Spur und spricht mit seinem Onkel darüber. Doch die Hungergeister sind schon weitaus mächtiger geworden, als Nightingale ahnte ...
Tad Williams führt das Paranormale ein. Eine Erfrischung, die sehr willkommen ist. Denn so abwechslungsreich die Geschichten sind, sind es doch alles Zombiegeschichten. Auch diese, die aber einen ganz anderen Hauch verliehen bekommt. Mich hat der Stil – ob es vielleicht nur an der deutschen Übersetzung liegt, kann ich nicht sagen – an die „Doctor Nikola“-Romane von Guy Newell Boothby erinnert, die im Wurdack Verlag erscheinen. Die Exotik, die Boothby zu erzeugen versteht, herrscht auch in „Die Sturmtür“ vor.

David Wellington: Die Geheimwaffe
Miss Flores sammelt Informationen aus dem Kriegsgebiet des Nahen Ostens über eine mangelnde Versorgung der Truppen. Doch dann stößt sie auf die neue Geheimwaffe des Militärs: Zombies! Diese Story kann sie der Weltöffentlichkeit natürlich nicht vorenthalten ...
Zombies als die neue Generation von Waffen ist mitnichten eine sonderlich kreative Idee, in der Umsetzung ist David Wellington jedoch eine spannende Geschichte gelungen. Durch den bekannten Kriegshintergrund – alle Welt will natürlich nur das Öl bzw. die Superpipeline unter Kontrolle bringen – lässt das Szenario real anmuten. „Die Geheimwaffe“ ist kein Geheimtipp in Sachen Kurzgeschichten, aber bietet sehr wohl eine gute Unterhaltung.

Fazit

Wiederauferstehung, Unsterblichkeit, Philosophie, humoristisches, paranormales – an Themen und Ideen hat es den Autoren wirklich nicht gemangelt. Eine kontinuierlichere Qualität der Geschichten wäre aber wünschenswert gewesen.

3,5 von 5 Punkten

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