Freitag, 14. Dezember 2012

Rezension: Nachtflug (Marcus Hammerschmitt)

Shayol
Klappenbroschur, 254 Seiten
ISBN 978-3-943279-02-3
17,90 €


Ein kurzer Einblick

Marcus Hammerschmitts Erzählungen bewegen sich frei zwischen Science Fiction, Phantastik und Groteske. Gemeinsam ist ihnen, dass ihre Hauptfiguren sich in absurden Verhältnissen zurechtfinden müssen. Manche von ihnen reagieren wütend, manche trotzig, wieder andere passen sich an.

Ein Ingenieur verstrickt sich in einem kleinen Betrug und richtet im Namen von Staatstreue und Gemeinwesen seine Untergebenen zu Grunde. Ein Naturbursche überlebt den dritten Weltkrieg ohne zu merken, was ihn das kostet. Ein Dichter im Krieg akzeptiert, dass das Morden sein Tagesgeschäft ist. Zum Lachen ist das meiste davon höchstens auf den ersten Blick.

Bewertung

Marcus Hammerschmitt, mehrfach mit dem Deutschen Science Fiction Preis und dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet, veröffentlichte mit »Nachtflug« seine zweite Kurzgeschichtenkollektion. Zuletzt erschien als Storysammlung 1995 »Der Glasmensch und andere Science-Fiction-Kurzgeschichten« im Suhrkamp Verlag. Enthalten sind acht bereits in diversen Anthologien erschienene Storys, für diese Ausgabe komplett überarbeitet, und fünf bislang unveröffentlichte Erzählungen.
Fast monatlich sprießen vor allem in Kleinverlagen Anthologien aus dem Boden. Wenige werden dabei einem durchweg hohen Anspruch gerecht, sodass es regelrecht zur Fleißaufgabe wird, die Perlen zu entdecken. »Nachtflug« ist eine jener wenigen löblichen Ausnahmen, die angenehm frischen Wind in das Geschwurbel des Masseneinheitsbreis bringt. Abstriche müssen hie und da gemacht werden, doch das Niveau setzt Michael Hammerschmitt überdurchschnittlich hoch an; sowohl, was Stil, Konzeption oder Leseflüssigkeit angeht. «Nachtflug« enthält Geschichten, die nicht nur gelesen werden wollen, sondern in denen der Leser mitdenken sollte, um die Tiefe zu verstehen. In die Verlegenheit einer mittelprächtigen Idee abzudriften, gelangt keine der Erzählungen.

Unter Aufsicht der Ethikkommission bildet das deutsche Militär internationale Terroristen in der Pressearbeit in eigens dafür errichteten Camps aus. »Der Ethiker« spielt mit der Thematik von Verwerflichkeit und Gefahrenpotential, die mit der Ausbildung von Guerilleros einhergeht. Die Effektivität in Kämpfen ist unwichtig. Vermittelt wird das wahrnehmbare Auftreten des äußeren Erscheinungsbilds, das von der Presse und der Welt wahrgenommen wird. »Die Gilde« verfolgt einen ähnlichen Ansatz, wurzelt jedoch in den Strukturen einer faschistischen Geheimgesellschaft, deren Mitglieder sich der kulturellen Elite verschrieben haben. Arroganz paart sich mit Narzissmus, sodass ein bedenkliches Bild einer geheimen Gesellschaft entsteht, deren Existenz nach der menschlichen Allgemeinheit - ich bin so frei, dies zu behaupten - nicht wünschenswert ist.
»Vanille« wendet sich von einzelnen Gruppierungen ab und legt die Aufmerksamkeit auf das Staatssystem. Scheinbar zufällig wird an Bürger ein Paket mit einem Pulver verteilt, das bei Einatmen des Nachts halluzinatorische Alpträume auslöst, die sich frappierend ähneln. Der Staat gibt seine Hilflosigkeit zu. Ermittlungen gegen den biochemischen Terrorismus verlaufen im Sande. Zwecks Untersuchungen werden die Betroffenen kurzerhand unter Arrest gesetzt. Die Idee des Staates in Ehren erinnern die Methoden der täglichen, Stunden andauernden Befragungen doch eher an Folter Unschuldiger. Wie weit kann und darf ein Staat seine Macht ausnutzen? Wann muss die Macht des Staates über Moral und Ethik enden?
»Vanille« muss keine Utopie sein, sondern könnte sich alltäglich unbemerkt von uns Bürgern auch in Deutschland abhandeln. Die »Lokomotive« verlagert das Setting in einen sozialistischen, weitgehend autarken Kleinstaat. Ein Maschinist schummelt sich mit Hilfe gefälschter Prüfergebnisse die Karriereleiter zum Ingenieur hinauf. Seinen Pflichten versucht er gerecht zu werden, seine Aufgaben versieht er stets mit Eifer und Genauigkeit. Doch der Betrug folgt ihm, sodass er Lüge auf Lüge, Schandtat auf Schandtat aufbauen muss, um nicht entdeckt zu werden. Die Dienste, die er dem Staat leistet, sind gegenüber seinem kleinen Vergehen unerheblich.
Einem ganz anderen Thema widmet sich »Reinhold Messer überlebt den Dritten Weltkrieg«. In einem postapokalyptischen Dänemark übersteht Reinhold Messner dem Inferno des verheerendes Krieges und wandelt nun durch eine Welt von Mutanten und den Naturgesetzen trotzende Flora und Fauna. So absurd sich die Ideen aneinanderreihen, so krankhaft der wahrgewordene Fiebertraum über Messner hereinbricht, weiß Messner bald nicht mehr Wahnsinn von Realität zu unterscheiden.
Diese und weitere Geschichten bescheren angenehme Lesestunden voller Nachdenklichkeit und Unterhaltung.

Der Ethiker
Der Keller
Nachtflug
Die Gilde
Seidenschläfer
Staub oder die Melancholie im Kriege
Vanille
Glatze
Das Büro
Reinhold Messner überlebt den Dritten Weltkrieg
Die Lokomotive
In der Zentrale

Fazit

Der Versuch der Menschen nach Vernunft und Logik zu handeln, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Gefangen in unmenschlichen Systemen, wird Humanität unter den Tisch gekehrt und Entscheidungen entpuppen sich als persönliche Katastrophen. Anfängliche Belustigung entschwindet schnell in ein schmerzliches Magengrummeln, sobald die unterschwellige Kritik deutlich wird. Marcus Hammerschmitt ist der Spagat zwischen Unterhaltung und böser Kritik grandios gelungen.

4 von 5 Punkten

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