Freitag, 14. Dezember 2012

Rezension: Maschinengeist (Chris Schlicht)

Feder & Schwert
Taschenbuch, 440 Seiten
ISBN 978-3-86762-120-5
13,99 €


Ein kurzer Einblick

1899 – Die Städte Frankfurt und Wiesbaden sind zu einem riesigen Komplex verschmolzen, in dem die Unterschicht wenig mehr als die Verfügungsmasse der Reichen ist. Riesige Fabrikschlote hüllen die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit in schwarzen Rauch und lassen die Probleme der versklavten Massen bedeutungslos erscheinen.
Inmitten riesiger Fabrikkomplexe kann Privatermittler Peter Langendorf sich über einen Mangel an Arbeit nicht beklagen. Nicht nur, dass er für Baron von Wallenfels die Machenschaften einer technikfeindlichen Sekte ausloten soll, die das neuste Spielzeug des Industriellen, ein gewaltiges Luftschiff, zerstören wollen. Zusätzlich soll er noch die Halbschwester des Künstlers de Cassard finden, die in die schlimmsten Kreise abgerutscht zu sein scheint. Als dazu noch Peters Bruder Paul auftaucht und ihm von üblen Machenschaften auf den Baustellen und dem Auftauchen entsetzlich mutierter Ratten berichtet, ist das Chaos komplett.
Doch alle drei Fälle führen zu ein und derselben Person …

Bewertung

Der Moloch der zusammengeschmolzenen Städte Wiesbaden und Frankfurt ist der Industriekomplex des Deutschen Reiches. Fabrikschlote hüllen den Himmel in schwarzen Rauch, Chemieunternehmen leiten ihre Abwässer in den Fluss und Kleinunternehmen werden verdrängt und aufgekauft. Der Moloch ist ein Pfuhl der Sünde und der technischen Errungenschaften. Doch alles besitzt seinen Preis. Ein blauer Himmel bleibt den Bürgern versagt. Kümmerliche Pflanzen vegetieren in den giftigen Dämpfen, die vom Fluss in die Straßen ziehen, dahin und selbst die Stadtvögel haben den Raum Wiesbaden/Frankfurt für lebensunwürdig erklärt. Die Industrialisierung und die damit einhergehenden technischen Neuerungen haben die Gesellschaft im Guten wie im Schlechten geprägt. Im Herzen der Stadt lebt der wohlhabende Teil der Bevölkerung. Dampfbetriebene Straßenbahnen und Autos mit Äther-Antrieb, der Nachfolger der Dampfmotoren, verkehren auf den Straßen. Die situierten Bürger brauchen sich allgemein keine Gedanken um Massenarbeitslosigkeit und Rohstoffmangel zu machen, denn diese Probleme sind in der Innenstadt kaum bis gar nicht zu spüren.
Mit der Industrialisierung und der Entwicklung der Dampftechnik hat sich das Gesellschaftsgefälle drastisch verändert. Polizisten kontrollieren das Zentrum nach unliebsamen Besuchern der äußeren Stadtbezirke. Außerhalb der wohlhabenden Gebiete lebt die ärmliche Gesellschaftsschicht in Slums und verfallenden Häusern. Mit Müh und Not können die Menschen sich in überfüllten und baufälligen Wohnhäusern über Wasser halten - bis die nächste Seuche grassierend zuschlägt und Platz für die kommende Generation Armut macht. Ein Kreislauf, der nicht aufzuhalten ist. Die moderne Technik kann sich niemand der Armen leisten und die Reichen behalten den Luxus für sich. Ausgelaugte und magere Pferde ziehen altmodische Straßenbahnen über ein marodes Schienensystem. Doch auch diese letzten Überreste eines Verkehrsnetzes brechen zusammen, denn Nahrung für die Pferde ist teuer. Die Armenviertel dienen den Fabrikbesitzern als billige Arbeiterbeschaffungsquelle. Die Menschenleben hier sind keinen Pfifferling wert, sodass das Verbrechen sich ausbreitet und Unterweltbosse ohne Eingreifen der Polizei illegale Geschäfte mit Drogenhandel und Zwangsprostitution betreiben können. Was bleibt ist ein Bild einer verrottenden Stadt, die nicht stark genug ist den Wirtschaftsboom auf die komplette Gesellschaft zu verteilen. Während die einen reicher werden, verlieren die anderen nicht nur ihre Existenzgrundlage. Dreckig, verkommen und grausam ist das Überleben in den Randbezirken der Stadt.
Klar ist damit aber auch, dass der Fokus des Romans nicht auf den technischen Errungenschaften, sondern auf das Leben der ausgebeuteten Unterschicht ausgerichtet ist.

Peter Langendorf ist Detektiv. Anders als die Detektive der Kanzlei Pinkerton, hat er sich auf jene Gebiete spezialisiert, in die die bessere Bevölkerungsschicht keinen Fuß setzt. Reich macht ihn diese Arbeit nicht. Jedenfalls nicht bis zum Zeitpunkt, an dem er direkt drei kuriose Fälle angeboten bekommt. Wohl ist ihm dabei nicht zumute, aber er braucht das Geld. Für Baron von Wallenfels soll Peter Langendorf eine Sekte unterwandern, die die Vernichtung des im Bau befindlichen Luftschiffes des Barons sabotieren möchte. Die Tochter des Barons, Baronesse Elisabeth, bittet Langendorf darum, den Kopf der Sekte zu schützen und unschuldige Leben zu verschonen. Der Künstler de Cassard trägt Langendorf auf nach seiner Halbschwester in den zwielichtigsten Gegenden zu suchen, denn diese ist dem Mädchenhandel zum Opfer gefallen.
Der Lebensunterhalt ist dem Detektiv damit gesichert. Die Probleme fangen jedoch auch erst an. Bei seinen Ermittlungen stößt Peter nicht nur auf mutierte Riesenratten, gewalttätige Orgien der Oberschicht und einen organisierten Zuhälterbetrieb und Drogenhandel, sondern auch auf die obskuren Machenschaften einflussreicher Herren der besseren Gesellschaft. Der Unterweltboss, der Fuchs, nimmt sich da fast wie ein kleines, unschuldiges Mäuschen aus. Glücklicherweise weiß Langendorf seine Beziehungen zur Polizei zu schätzen, die ihm unterstützend unter die Arme greift. Schnell merkt er, dass es zwischen den Fällen mehr Zusammenhänge gibt, als es anfangs den Anschein hatte.
Unterdessen wurde seinem Bruder Paul, einem erfolgreichen Architekten, gekündigt. Er ist einem Bauskandal zum Opfer gefallen, konnte aber Beweise vorlegen, dass nicht er an dem Bau gepfuscht hat. Die Brüder verstricken sich in Geheimnisse, Verschwörungen und Perversitäten der übelsten Sorte. Abgründe der Gesellschaft öffnen sich, die besser geschlossen geblieben wären. Peter Langendorf balanciert auf dem schmalen Pfad, seinen Ruf durch Förderung von ethischer Verwerflichkeit zu verlieren oder bei seinem Auftraggeber Baron von Wallenfels in Ungnade zu fallen und damit seinem Ruf aufs Spiel zu setzen.
Der Kampf gegen die Unmenschlichkeit ist hart und fast aussichtslos. Manche Menschen kennen keine Moral und Ethik mehr. Menschenleben sind ein verbrauchbares Gut, das nachwächst. Die Beweise müssen erdrückend sein, das Schuldeingeständnis nicht abweisbar. Erst dann kann es Langendorf gelingen, unschuldiges Leben zu bewahren und die untere Bevölkerungsschicht vor dem Ersatzteillager für Arbeitskräfte zu schützen. Nach und nach deckt er das Geflecht des Verbrechens und der Erpressung auf, sodass die Gegenseite in ihrem eigenen Sumpf versinkt. Eigentlich, und das ist der einzige Punkt, den ich als Mangel nennen möchte, reagiert die Gegenseite gar nicht. Sie verhält sich seltsam passiv und vertraut auf ihre Überlegenheit und mächtige Beziehungen. 

Unter-, Ober- und Mittelschicht: Jede Bevölkerungsschicht bringt ihre schwarzen Schafe hervor. Die Familie Wallenfels ist zerrissen. Baron von Wallenfels will die Erfindung des neuen Antriebs für Luftschiffe mit allen Mitteln durchsetzen. Menschenleben sind ihm nichts wert. Der Polizeipräsident ist korrupt und verspricht sich durch Beziehung zur reichen Schicht selbst mehr Macht. Dass Menschen ihr Leben durch seine Untätigkeit und das Anbiedern an einflussreiche Beziehungen verlieren, ist ein notwendiges Übel. Der Fuchs, heimlicher Herrscher der armen Bevölkerung, macht sich die Gier, die Launen und die Lust der Reichen zunutze. Nach und nach baut er sein Drogen- und Prostitutionsimperium aus.
Unter all dem hat natürlich die einfache Bevölkerung am meisten zu leiden. Schleichend, aber unwiderruflich schwappt das Verderben auch in die Innenstadt über. Peter Langendorf und seine Freunde, die er in allen Gesellschaftsschichten findet, greift tapfer ein und biegt gerade, was noch gerade zu biegen ist. Nicht alle Menschen fördern die Ungerechtigkeit, viele haben ihr Herz am rechten Fleck. Doch diese Menschen müssen zueinander finden. Allein haben sie keine Chance gegen den Dreck, der den Moloch Wiesbaden/Frankfurt überschwemmt.

Chris Schlicht malt ein düsteres, abgrundtief hässliches Bild einer Stadt, die der Industrialisierung zum Opfer gefallen ist. Ihr ausführlicher, ruhiger und spannender Erzählstil braucht eine gewisse Zeit, um seine Wirkung zu entfalten, erzählt dafür aber auch eine dichte Geschichte aus Verwerflichkeit und des Menschen Gier. Anders als das Groß der amerikanische Romane, die zwar Geschichten erzählen, aber kaum noch Tiefgang besitzen, weil oberflächlich und nüchtern erzählt, ist »Maschinengeist« ein Vorzeigebild deutschsprachiger Literatur. »Maschinengeist« ist keine Wegwerfliteratur, sondern Unterhaltungsliteratur, für die man sich gerne, sehr gerne Zeit nimmt und die in Erinnerung bleiben wird. Diese Art von Roman ist leider viel zu selten geworden!

Fazit

Mit einem packenden Erzählstil erschafft Chris Schlicht eine düstere Kulisse einer Gesellschaft, die am Abgrund steht. Giftige Nebel ziehen durch die Straßen. Die Menschen kämpfen mit Arbeitslosigkeit und Rohstoffmangel, während einige wenige sich bereichern und den Rest der Bevölkerung als Quelle nützlichen Materials ansehen, das nach Gebrauch verwendet oder weggeworfen werden kann. »Maschinengeist« ist ein beeindruckender Erstling.

4,5 von 5 Punkten

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