Sonntag, 16. Dezember 2012

Rezension: Lullaby (Chuck Palahniuk)

Goldmann Manhattan
Taschenbuch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-442-54219-2
7,95 €


Ein kurzer Einblick

Mit leiser Stimme gesungen oder nur in Gedanken rezitiert, vermag ein afrikanisches Wiegenlied jeden zu töten, der es hört. Würde dieses Schlaflied durch Radio oder Fernsehen verbreitet, es brächte Millionen von Menschen die ewige Ruhe. Gemeinsam mit drei äußerst unterschiedlichen Mitstreitern, die alle auch ihre ganz eigenen Interessen verfolgen, begibt sich der Reporter Carl Streator auf eine phantastische Reise durch Amerika, um dieser unheimlichen Bedrohung Einhalt zu gebieten …


Bewertung

Schlachtbank Amerika: Obwohl kein Blut fließt, kippen die Menschen wie die Fliegen tot um. Ein afrikanisches Kinderlied bringt gnadenlos für denjenigen den Tod, der es hört. Ein Entkommen vor der unsichtbaren Seuche gibt es nicht. Die „Phobiker der Stille“, wie Chuck Palahniuk das Groß der amerikanischen Bevölkerung nennt, sind dem Wiegenlied hoffnungslos ausgesetzt. Beim Hören des Radios, beim TV gucken, unterwegs ... überall kann das Lied urplötzlich erklingen und einen, dich und mich, ihn und sie, in den Tod reißen. Und niemand kann gegen seinen eigenen Tod etwas unternehmen.
Chuck Palahniuk zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die Gefangen ist im Medienkonsum, einem immer währenden Geräuschpegel, der von allen Seiten auf einen eindringt. Ruhe gibt es nicht mehr. Nicht auf der Arbeit, nicht unterwegs, nicht Daheim. Irgendwo dudelt immer ein Radio, rauscht ein Fernseher im Hintergrund. Beschallung ist das A und O geworden. Wer die Macht des afrikanischen Liedes in seinen Händen hält, hat Macht über Leben und Tod einer ganzen Gesellschaft, der ganzen Welt.
Um dies verhindern ziehen Carl Streator und Helen Hoover Boyle eiskalt mordend durch das Land, um alle gedruckten Exemplare des Liedes zu vernichten. Die Tode sind schmückendes Beiwerk, notwendiges Übel – Das Todeslied wird bedenkenlos, gewissenlos aus dem linken Handgelenk geschüttelt. Carl Streator, der selbst seine Familie an das Wiegenlied verloren hat, interessiert sich für nichts und niemanden. Ihm sind seine Mitmenschen egal. Er macht seinen Job ordentlich und ärgert sich über die nie Stille Wohnung, denn der Lärm seiner Nachbarn dringt von allen Seiten durch die Wände an Carl Streator heran. Er ist der geborene Antiheld, der niemals sympathisch wird. Gefühllos lässt er die Menschen um sich herum sterben, niemand kann sich ihm in den Weg stellen. Helen Hoover Boyle, Maklerin von Spukhäusern (natürlich wissen dies ihre Klienten nicht), verdingt sich nebenbei als Auftragsmörderin für den Staat, denn auch sie hat Kenntnis von dem Gedicht.Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach allen gedruckten Exemplaren. Doch absolute Macht ist verführerisch.
Roadmovie und Thriller zugleich. Das ist „Lullaby“. Die Frage nach der absoluten Macht. Das ist „Lullaby“. Der Finger, der auf eine Lärmgesellschaft zeigt. Das ist „Lullaby“. „Lullaby“ nimmt sich provokativ eines Themas an, das angenommen stets unseren Alltag begleitet. Stille ist zu etwas Unzumutbarem geworden. Doch ist Stille nicht auch Sicherheit? Eine müßige Frage, treibt uns doch die Sucht nach der ewigen Geräuschkulisse an.

Fazit

In traumhaft surrealen Bildern erzählt Chuck Palahniuk von einer Gesellschaft, die auf einen Schlag ausgerottet werden würde, sollte es jemals geschehen, dass eine Seuche über das Hören übertragen würde. Ernst nehmen kann man Palahniuks Massenmordszenerie nicht, bedrückend ängstigend ist das entworfene Szenario dann aber doch.

3,5 von 5 Punkten

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