Sonntag, 2. Dezember 2012

Rezension: Lotte in Weimar (Thomas Mann)

Fischer Taschenbuch Verlag
Taschenbuch, 398 Seiten
ISBN-10: 3-596-29432-0
9,95 €


Ein kurzer Einblick
 
Charlotte Kestner, geborene Buff, die Goethe in „Die Leiden des jungen Werthers“ als Vorbild für Lotte diente, kommt nach 44 Jahren zu Besuch nach Weimar, mit dem Vorwand ihre Schwester besuchen zu wollen. Eigentlich aber möchte sie Goethe noch einmal sehen. Sofort regt sich Aufmerksamkeit um diese bekannte literarische Persönlichkeit und viele wollen einen Blick auf Goethes Lotte erhaschen oder sogar mit ihr reden. Doch wird es auch zu einem Wiedertreffen mit Goethe kommen?

Bewertung

Es ist eine interessante Idee, die Thomas Mann in diesem Roman aufgreift. Er erzählt von dem historisch belegten Besuch Charlotte Kestners 1816 in Weimar. Dabei greift er all die Fragen auf, die sich wohl jeder stellen würde, wenn er eine Person treffen würde, über die allseits bekannt ist, dass sie das Vorbild für eine Romanfigur darstellt und deren Leben zum Teil literarisch festgehalten ist. Wie ist es Charlotte nach der Veröffentlichung des Buches ergangen? Wie haben die Menschen auf sie reagiert? Wie empfand sie es, dass ein Teil ihres Lebens ungefragt in die Öffentlichkeit getragen wurde?
Das sind interessante Fragen, die im Buch natürlich auch gestellt werden, und für die es auch nachvollziehbare Antworten gibt. Dabei setzt Thomas Mann meines Erachtens jedoch schon stark voraus, dass man „Die Leiden des jungen Werthers“ gelesen hat. Da das bei mir schon etwas länger her war, musste ich auch einige Male ziemlich stark nachdenken, wenn über Dinge aus dem Werther gesprochen wurde. Jemand, der den Roman nicht kennt, würde hier wohl nicht folgen können.
Interessant ist auch der Gedanke, wie wohl ein Wiedersehen von Charlotte und Goethe nach so langer Zeit abgelaufen sein wird. Das ist auch das, worauf man als Leser die gesamte Zeit gespannt ist. Doch bevor es endlich zum absehbaren Treffen kommt, muss man viele endlose Gespräche über sich ergehen lassen. Es treten Personen auf, die die Handlung nicht voranbringen, durch die man auch nur wenig für Charlottes Umgang mit der Veröffentlichung des Werthers erfährt, aber deren halbe Lebensgeschichte erzählt wird. Dort fragt man sich doch einige Mal nach dem Sinn dieser Gespräche und verfällt dabei zu einiger Langeweile. Zwar ist es auch interessant etwas über die Umgebung von Goethe zu erfahren, aber die Gespräche sind einfach zu lang und uninteressant.
Auch das lustspielhafte, was Thomas Mann in diesem Roman festschreiben wollte, ist nur schwer zu finden. Zwar muss man schon einige Male darüber schmunzeln, welchen Ansturm es auf Charlotte gibt und wie sie immer wieder davon abgehalten wird, ihren geplanten Termin wahrzunehmen, aber mehr auch nicht.
Bevor es dann endlich zu dem Wiedersehen kommt, wechselt plötzlich die Erzählform und man befindet sich in Goethes Kopf. Das ist zunächst einigermaßen verwirrend, weil es auch einen Zeitsprung gibt, aber es ist auch interessant, wie sich Thomas Mann Goethes Gedanken vorgestellt hat.
Das Wiedersehen ist dann jedoch etwas enttäuschend und auch das Ende ist alles andere als das, was man sich gewünscht hätte. Alles in Allem also eine interessante Idee, aus der man hätte mehr machen können.

2,5 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen